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Ennio Marchetto: Der Mann, den die Queen sah

Ennio Marchetto kommt als "lebender Comic" mit pfiffigen Kostümen aus Papier nach Heidenheim ins Konzerthaus

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Der Mann aus Venedig kann nicht nur die Mona Lisa, Marilyn Monroe oder Albert Einstein: Ennio Marchetto hier als Minnie Mouse.

Wenn sich in unseren papierfeindlichen Zeiten des World Wide Web knapp acht Millionen Menschen einen Papierkünstler auf Youtube anschauen, muss es sich um etwas ganz Besonderes handeln. Ennio Marchetto braucht keine schweren Roben oder erdrückenden Perücken. Seine Kunst lebt von Papier und Pappe – und von seiner Beobachtungsgabe. Mit dieser Kombination erweckt er Stars wie Marilyn Monroe, Michael Jackson oder Prince zum Leben. Mit seiner einzigartigen Show ist der Venezianer am Freitag, 7. Oktober, ab 20 Uhr im Konzerthaus Heidenheim zu sehen. Schon vorab hat sich Elena Kretschmer mit dem 56-Jährigen unterhalten.

Info Karten für Ennio Marchettos Show im Konzerthaus am Freitag, 7. Oktober, ab 20 Uhr gibt es an der Tourist-Information beim Elmar-Doch-Haus, im Ticketshop des Pressehauses oder im Internet unter veranstaltungen.hz-online.de/ticketshop/.

Ihre Show trägt den Titel „Der lebendige Comic“. Was hat es damit auf sich?

Ich habe diesen Titel für die Show gewählt, weil es gar nicht so leicht ist zu erklären, was ich eigentlich mache. Grundsätzlich verwende ich nur Papier, sehr viel Phantasie und berühmte Persönlichkeiten. Daraus mache ich Kostüme – und die ziehe ich auf der Bühne an. Ich wechsle mein Outfit 60 Mal während der Show, bei der ich alleine auf der Bühne stehe. Das Pfiffige an den Kostümen ist, dass ich mich vor den Augen der Zuschauer in drei oder vier verschiedene Charaktere verwandeln kann, obwohl ich nur ein Stück Papier trage.

Was erwartet denn das Publikum in der Show?

Die Show hat eigentlich keine richtige Story, aber jede einzelne Figur hat ihre eigene witzige Geschichte. Da verwandelt sich zum Beispiel die Königin von England, die gerade in ihrer Handtasche kramt und dort einen Schnurrbart und Zähne findet, in Freddy Mercury. Oder eine Ballerina wird plötzlich zum Sumo-Ringer.

Und die Kostüme gestalten Sie ganz alleine?

Nein, ich mache das nicht alles selber. Es gibt noch jemanden, der mir hilft. Wir haben die Show zusammen konzipiert. Beziehungsweise ganz am Anfang habe ich es mal alleine gemacht, zwei Jahre lang. Das war vor 30 Jahren. Und die Show, so wie sie jetzt ist, gibt es seit 28 Jahren. Es ist immer noch das gleiche Konzept, aber ich tausche ab und an die Figuren aus. Es kommen immer wieder neue Charaktere hinzu, um frischen Wind hineinzubringen.

Gibt es eine bestimmte Zielgruppe, die Sie damit ansprechen möchten?

Mir ist es wichtig, dass die Show alle Altersklassen anspricht. Es ist etwas für Jüngere dabei, weil ich zum Beispiel Justin Bieber im Programm habe. Für die Älteren sind Maria Callas oder Edith Piaf dabei. Also von allem etwas.


Wie würden Sie Ihren Stil beschreiben?

Es ist eine Mischung aus Pantomime, Tanz, Rhythmus, Comedy und Parodie. Letzteres bedeutet in Italien „Travestie“ und ist sehr negativ behaftet, aber die Show ist einfach nur lustig. Ich verkörpere außerdem nicht nur Frauen, sondern ja auch Männer. Wobei ich schon zugeben muss, dass die weiblichen Figuren die sind, die mehr Spaß machen. Perücken und Brüste sind für meine doch sehr visuelle Show einfach optimal. Man kann sie einfach besser nachstellen. Für mich ist Papier weiblich. Es ist wirklich schwierig, das alles in Worte zu fassen, man muss es einfach gesehen haben. Auch die Videos auf Youtube vermitteln noch nicht so ganz genau, was live auf der Bühne passiert.

Sie kommen ja viel in der Welt herum mit Ihrer Show. Zeigen Sie auf jeder Bühne das gleiche Programm?

Nein, ich passe die Show an. In Deutschland zum Beispiel zeige ich auch deutsche Charaktere. In der Anfangszeit habe ich das nicht gemacht, bis ich festgestellt habe, dass es wirklich wichtig ist, berühmte Persönlichkeiten des jeweiligen Landes zu studieren.

Welche deutschen Persönlichkeiten zeigen Sie denn auf der Bühne?

Zunächst einmal muss ich sagen, dass ich die deutschen Charaktere wundervoll finde. Um ehrlich zu sein, kannte ich früher nicht viele – Marlene Dietrich war eigentlich die Einzige. Jetzt taucht die Walküre auf, verschiedene Schlager-Persönlichkeiten. Rammstein und Heino sind dabei, und Marianne Rosenberg. Nina Hagen habe ich dabei, die übrigens auch eine der ersten Figuren war, die ich als junger Mann nachgestellt habe. Außerdem ist „Tokio Hotel“ dabei und Udo Lindenberg. Ansonsten verkörpere ich viele Popstars, weil ich Rhythmus brauche, um die Leute glücklich zu machen. Und Musik. Ohne Musik würde die Show nicht funktionieren.

Das klingt nach viel Spaß. Wie sind Sie denn überhaupt auf die Idee gekommen, so etwas zu machen?

Ich bin Venezianer, und hier in Venedig haben wir den Karneval. Anfang der 1980er-Jahre hat jeder seine Kostüme noch selbst gemacht. Da habe auch ich begonnen, nur so zum Spaß, um mich ein bisschen in den Straßen zu präsentieren. Irgendwann hatte ich einen Traum, in dem mir Marilyn Monroe erschien. Sie war ganz in Papier gekleidet. Ich bin also aufgewacht und habe mein erstes Kostüm ausgeschnitten: Marilyn. Damit hat alles angefangen. Der Karneval in Venedig war dann die erste Möglichkeit, den Leuten meine Kunst zu zeigen. Irgendwann habe ich Menschen getroffen, die mich gefragt haben, warum ich nicht mehr daraus mache.

Also war der Traum quasi Ihr Sprungbrett. Und er hat Sie ja sehr weit gebracht.

Ja, das stimmt. Es war wie eine Eingebung. Nach dem Traum und meinem ersten Kostüm habe ich weitere Kostüme entworfen. 1988 habe ich beim Entertainment-Festival in Venedig den Goldenen Löwen gewonnen. Danach habe ich drei Jahre lang alleine gearbeitet, bis ich den Holländer Sosthen Hennekam kennengelernt habe, mit dem ich heute noch zusammenarbeite. Meine italienische Agentur hat mich 1990 einer englischen Agentin vorgestellt. Ich war ihr erster Klient und wir haben gemeinsam beim Edinburgh-Festival in Schottland angefangen – mit großem Erfolg. Danach habe ich an anderen Festivals auf der ganzen Welt teilgenommen, war in 60 verschiedenen Ländern und vielen großen Theatern zu Gast. Ich bin zwei Mal vor der Königin von England aufgetreten und beim 50. Geburtstag von Elton John. In Italien war ich öfter im Fernsehen zu sehen.

Auf Youtube sind Sie ja auch erfolgreich. Über acht Millionen Klicks sprechen für sich.

Das mag sein, aber die Show live zu sehen, ist nochmal etwas völlig anderes. Internet und Fernsehen helfen mir nicht wirklich dabei, zu vermitteln, wie meine Show funktioniert. Sie gehört ins Theater und ist live viel besser. Das Papier ist flach, aber live ist Bewegung drin, die Kostüme sind wirklich faszinierend und schön, ein bisschen so wie Pop Art.

Haben Sie denn auch eine Lieblingsfigur?

Es sind so viele Figuren dabei, die ich jetzt schon so viele Jahre lang verkörpere. Deshalb sind meine Lieblings-Charaktere meist die, die neu hinzukommen. Im Moment habe ich zum Beispiel die Sängerin Sia im Programm oder Adele und Justin Bieber. In den neuesten Kreationen steckt viel Arbeit, und ich versuche jedes Mal, noch etwas mehr herauszuholen.

Erkennen die Leute in Venedig Sie eigentlich auf der Straße?

Nein, weil ich auf der Bühne ja so stark geschminkt bin. Da sehe ich komplett anders aus. Erkannt werde ich also nicht.

Von Italien zurück in die Welt. Waren Sie schon mal in Heidenheim und sprechen Sie Deutsch?

Nein, in Heidenheim war ich noch nie. Aber ich werde am 7. Oktober den ganzen Tag dort verbringen, und vielleicht habe ich Zeit, mir ein bisschen was anzusehen. Ich schaue mir gerne die Städte an, in denen ich auftrete. Deutsch spreche ich leider auch nicht. Ich kann Französisch, etwas Englisch und Spanisch und das war's. Und Italienisch natürlich. Deutsch ist einfach zu schwer. Ich bin aber auch etwas faul.

Gibt es Unterschiede, was das Publikum angeht?

An jedem Ort, an dem ich auftrete, ist das Publikum wundervoll. Auch in den kleinen Orten und auch, wenn es nicht ausverkauft ist und ich nur 20 Leute vor mir habe. Aber es gibt schon ein paar Unterschiede. Das deutsche Publikum ist das beste. Es macht mir großen Spaß, dort zu arbeiten. Sie haben die richtige Art von Humor. In Großbritannien sind die Zuschauer auch phantastisch. Das schwierigste Publikum sind die Franzosen. Sie sind etwas speziell.

Wie transportieren Sie Ihre Kostüme und wieviele haben Sie überhaupt?

Ich habe ein Art Lederrohr, in dem ich meine Kostüme aufbewahre. Das heißt, ich rolle sie ein und verstaue sie dann in diesem Rohr. Es ist circa 1,20 Meter lang. Das ist auch die einzige Möglichkeit, die Kostüme unbeschadet von einem Ort zum anderen zu bekommen. Die kleineren Teile wie die Perücken oder Accessoires lege ich flach in einen Koffer. Ich habe insgesamt 350 Charaktere, aber die aus den 80ern verwende ich nicht mehr, zum Beispiel Annie Lennox, Grace Jones oder Mick Jagger. In der Show verwende ich dann etwa 60 Kostüme, jedes für höchstens eineinhalb Minuten.

Eigentlich sollten Sie ja die Familientradition weiterführen und Espresso-Maschinen reparieren. Sie haben sich dagegen entschieden. Waren Sie schon immer ein Entertainer?

Ich würde mich nicht als Schauspieler bezeichnen. Ich habe eine relativ gute Stimme, aber ich kann nicht gleichzeitig singen und mich schnell umziehen. Da geht mir die Puste aus. Und ich bin auch nicht wirklich ein Entertainer, schon gar nicht bei Freunden oder der Familie. Ich bin einfach stark, wenn ich mein Papier habe, meine Musik und mein Make-up. Ich brauche diese drei Dinge.
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