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Eine der bedeutendsten Jazzformationen war da

Die Barrelhouse Jazzband spielte in Heidenheim. Eine der bedeutendsten Jazzformationen der Republik erwies dem Jazz-Heidenheim-Verein zu dessen 25-jährigen Bestehen eine würdige Reverenz.

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Eine der bedeutendsten Formationen der Republik erwies dem Verein „Jazz Heidenheim“ zu dessen Jubiläum seine Reverenz: Die „Barrelhouse Jazzband“ spielte im Lokschuppen auf.  Foto: 

Der Lokschuppen platzte aus allen Nähten, als die „Barrelhouse Jazzband“ aufspielte. Eine der bedeutendsten Jazzformationen der Republik erwies dem „Jazz Heidenheim“-Verein zu dessen 25-jährigen Bestehen eine würdige Reverenz. Schon beim ersten Titel „When My Dreamboat Comes Home“ hielt es einen kaum auf den Stühlen.

Am 12. Dezember 1989, also auf den Tag genau vor einem Vierteljahrhundert, gründeten 17 Jazzfreunde im Café Atelier in der Clichystraße den Verein, erinnerte der erste Vorsitzende Kurt A. Hildenbrand an die Anfänge, aus denen einer der wohl renommiertesten Jazzclubs hervorging.

Aus sichtlicher Begeisterung vergaß Kulturamtsleiter Matthias Jochner den Zusatz „Heidenheim“ bei der Begrüßung, aber auch bei „Jazz e.V“ wusste jeder, wer gemeint war. 350 Konzerte veranstalteten die rührigen Heidenheimer Jazzer, darunter mit weltberühmten Musikern; und „Barrelhouse“ war schon drei Mal dabei.

Bandleader Reimer von Essen moderierte charmant und glänzte mit aberwitzigen Läufen auf der Klarinette. Der kreolischen Tradition von New Orleans sei seine Band verpflichtet, die ja im Swing unterzugehen drohte, doch das änderte sich ja zum Glück in den 1930er-Jahren. Pianist Christof Sänger ließ Steeldrum-ähnliche Figuren von den Tasten und Joachim Lösch wusste mit vielerlei Dämpfern auf seiner Trompete polyrhythmische Grooves zu erzeugen.

Geisterhafte Griffe und irrwitzige Lagenwechsel zeichneten die Bassarbeit von „Lady Bass“ Lindy Huppertsberg aus, die mit enormer Konzentration und bestechender Gestaltungskraft das Geschehen bereicherte. Nicht nur mit knackigen Soli wartete Schlagzeuger Michael Ehret auf. Er lieferte das rhythmische Gerüst für so markante Stücke wie „The Pearls“ von Jerry Roll Morton.

Roman Klöckers Gitarren- und Banjospiel hatte mit seinen häufigen Single-Note-Ketten einen besonderen Charme. Frank Selten waren die Jahre nicht anzumerken; und er überzeugte alleine schon durch seine Bühnenpräsenz, aber wenn er mit lässigem Temperament seine Saxophone blies, war er der Star des Abends. Seine Tenorsax-Dialoge mit dem Altsaxophon Reimer von Essens bei „Ozark Mountain Blues“ von den „Missourians“ aus dem Jahre 1929 waren ein Genuss für sich.

Michael Ehret gab alles, was Blech und Fell hergaben; und Frank Seltens Sax-Continuo war von erlesener Strahlkraft. Das Temperamentsbündel schien keine Ermüdung zu kennen, seine Läufe und Haltetöne glitzerten den ganzen Abend und seine Figuren bestachen durch Exaktheit wie rhythmischer Prägnanz.

Blues und Dixie lagen eng beieinander und die Piano-Rasereien Christof Sängers begeisterten einfach. Hier war eine Band zu hören, der es nicht nur auf virtuose Instrumentenbeherrschung ankam, sie verstand es auch, Brücken zu schlagen zwischen Kulturen und Generationen.

Dies war Jazz pur: urwüchsig, rauschhaft, mit improvisatorischem Charakter und – demokratisch. Dies ärgerte oft manche Obrigkeiten, erst recht bei James P. Johnsons „Old Fashioned Love“, zu welchem Josephine Baker, nur mit ihrem legendären, kaum alles verhüllenden Bananenröckchen bekleidet, tanzte und die Revuesäle zum Kochen brachte. „Jung, bildhübsch und hellbraun“, schwärmte Reimer von Essen von der Wahlfranzösin, aber Frank Seltens kernige Tenorsaxlinien zwischen Melancholie und Ekstase hatten fast dieselbe erotische Ausstrahlung. Die jubelnden Klarinettenfiguren von Essens, bei denen Christof Sängers silbrige Zweiunddreißigstelpassagen einschwebten und das feingliedrige Gitarrenspiel Roman Klöckers machten „The Blues Keep Calling“ des unvergessenen Art Hodes zu einem tief berührenden Erlebnis. Hier waren Stilelemente des Kreolischen wie Chicago-Anleihen in bewegender „Barrelhouse“-Manier zu erleben.

Natürlich ging es nicht ohne Duke Ellington, dessen „Drop Me Off In Harlem“ mit einem wunderschönen Sopransaxophonspiel von Frank Selten harmonisch und rhythmisch glänzte. Wenn er dann „schweres Gerät“ wie das Basssaxophon hervorholte, um Mortons „Shreveport Stomp“ mit urigen Figuren zu den Klarinettenläufen von Essens und dem hämmernden Banjo von Roman Klöcker lostraben zu lassen, dann war da diese faszinierende Mischung von Oldtime-Jazz und kreolischer Lebensfreude zu hören, der sich „Barrelhouse“ verpflichtet fühlte. Das farbige „Martinique“ des Posaunisten Wilbur De Paris klang auf der Trompete von Joachim Lösch in betörendem Dixie-Rhythmus.

Ein gelungenes Geburtstagsgeschenk für „Jazz Heidenheim“ von einer durchweg virtuos agierenden Band, bei der der Humor nicht zu kurz kam.

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