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Doping, Druck und Rückschläge in der DDR

Trainieren bis zur Erschöpfung immer unter dem Druck Topleistungen zu bringen – so sah die Jugend der DDR-Leistungsturnerin Dagmar Kersten aus. Zusätzlich wurde sie ohne ihr Wissen gedopt. Noch heute leidet sie unter den Folgen. Nun erzählte sie den Schülern des Max Planck Gymnasiums ihre Geschichte.

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Zeitzeugin Dagmar Kersten erzählte den Schülern des Max Planck Gymnasiums aus ihrer Zeit als DDR-Leistungsturnerin – von enormem Druck, harschen Worten, Handgreiflichkeiten und massivem Doping, aber auch von Erfolgen. Bei den Olympischen Spielen 1988 gewann sie unter anderem Silber am Stufenbarren (links).  Foto: 

Die ehemalige DDR-Leistungsturnerin Dagmar Kersten hat eine tragische Lebensgeschichte. Denn die heute 44-Jährige wurde schon früh von Doping, hohem Leistungsdruck und Schmerzen geprägt. Noch heute, 25 Jahre nach dem Mauerfall, hat sie massive körperliche Beschwerden, die auf die Überbelastung aus DDR-Zeiten zurückzuführen sind. Auch die vielen Aufputschmittel, die ihr während ihrer Zeit als Leistungssportlerin ohne ihr Wissen verabreicht worden sind, belasten ihren Körper.

Heute ist sie anerkanntes Doping-Opfer und berichtet in ihrem Vortrag „Die Kehrseite der Medaille“ von dieser Zeit. Am Montag folgte sie der Einladung des Max-Planck-Gymnasiums und erzählte ihre Geschichte auch den Schülern des MPG.

1980 kam Dagmar Kersten mit gerade einmal zehn Jahren in die Kinder- und Jugendsportschule nach Berlin („SC Dynamo Berlin“). Sportlich talentierte Kinder und Jugendliche wurden dort weiter gefördert und viele nahmen an den Olympischen Spielen, an Welt- und Europameisterschaften teil.

Dagmar Kersten wurde, wie viele andere DDR-Leistungssportler, im Sportunterricht von einem Trainer des Sportbundes entdeckt. „Ich war klein und drahtig, also perfekt fürs Kunstturnen geeignet, außerdem war ich sehr aktiv“, sagte Kersten.

Anfangs machte ihr das Turnen auch großen Spaß und sie war sehr stolz darauf, im Sportinternat aufgenommen worden zu sein. Doch nach den ersten Wettkämpfen wurde der Druck immer größer. „Ich wollte nicht immer gewinnen, für mich war dabei sein alles“, sagte sie. Aber ihre Trainer und die Sportfunktionäre sahen das anders. Und so wurde Kersten angetrieben, um noch bessere Leistungen abzuliefern. „Bis zu sechs Stunden am Tag trainierten wir und das sehr hart“, sagte sie. Die Schule kam da schon zu kurz, gesteht Kersten auf die Frage einer MPG-Schülerin.

Vor den großen Wettkämpfen sei sogar noch mehr und noch härter trainiert worden. Schon nach den ersten Turnieren hatte sie Wunden an den Füßen, und ohne Bandagen konnte sie gar nicht mehr antreten.

Außerdem wurde bei mir eine Hüft-Dysplasie (eine angeborene Fehlstellung der Hüfte) festgestellt. „Mit dieser Diagnose hätte ich eigentlich nicht mehr turnen dürfen“, sagte Kersten. Doch sie war gut und man wollte ihr Talent nicht vergeuden, und so kam sie schließlich mit 13 Jahren in die Nationalmannschaft der DDR. „Uns wurde gesagt wir seien Diplomaten im Sportanzug und müssten die DDR nach außen präsentieren“, sagt Kersten.

Und das, obwohl sie doch noch nie die Welt gesehen hatte und eigentlich auch nichts erzählen durfte. „Uns wurde eingetrichtert, dass wir Kämpfer für den Frieden sind und dass ein Sportler alles in Kauf nimmt, um eine Medaille zu gewinnen“, sagt sie.

Was sie erst viel später erfahren hat – sie wurde in dieser ganzen Zeit systematisch gedopt. „Wir waren nur ein Experiment“, sagt sie. Denn an Leistungsturnern in der DDR wurden neue Dopingmittel erprobt. „Sie machten regelrecht Menschenexperimente“, sagte Kersten heute.

In der Nationalmannschaft war der Leistungsdruck noch größer und es wurde noch mehr Disziplin verlangt. Akribisch führte Kersten ein Trainingsbuch. Darin finden sich ab diesem Zeitpunkt auch immer vermehrt Randbemerkungen, die zeigten, dass ihr Sport keinen Spaß mehr machte. „Von meinen Trainer gab es nie lobende Worte“, sagte sie. Ständig wurde ihr nur gesagt, dass sie „faul“, „dumm“ und „überheblich“ sei. „Mein Trainer wurde des Öfteren auch handgreiflich und warf mit Geräten nach ihr.

Die Eltern von Dagmar Kersten konnten zwar schließlich einen Trainerwechsel erwirken, aber danach wurde es auch nicht besser. „Mein neuer Trainer stärkte mir nicht den Rücken“, sagte sie. Außerdem gab es noch zusätzlich zum Leistungsdruck die Angst, das eigene Gewicht nicht halten zu können. Bei einer Größe von 1,53 Metern wog Kersten gerade einmal 36 Kilo. „Jedes zugenommene Gramm war zu viel, mehrmals täglich musste ich gewogen werden“, sagte sie. Doch mit der Angst, zuzunehmen, war sie nicht alleine. „Beinahe alle Turnerinnen übergaben sich nach dem Essen und nahmen Abführmittel um ihr Gewicht zu halten“, sagte Kersten.

Mit 14 Jahren schaffte es Dagmar Kersten schließlich, sich einen Namen in der Weltspitze zu machen. Doch zu dieser Zeit hatte sie schon massive Rückenprobleme. „Dadurch, dass meine Füße so kaputt waren, landete ich immer falsch und federte den ganzen Sprung mit meinem Rücken ab“, sagt Kersten. Dadurch entwickelte sich eine Skoliose und sie musste nachts in einer Gips-Korsage schlafen. Außerdem wurde bei ihr das sogenannte „Kaiserschema“ angewandt. Das hieß: Verabreichung von Anabolika. „Mir wurde allerdings gesagt, dass ich ein Mittel zum Knochenaufbau bekommen würde“, sagte Kersten.

Trotz ihrer Diagnose musste sie bei weiteren Wettkämpfen antreten. „In diesen galt es, einen Kampf bis zur Erschöpfung zu führen“, sagte sie. Bei den Olympischen Spielen 1988 belegte Dagmar Kersten mit der DDR-Mannschaft den dritten Platz und erreichte den achten Platz in der Einzelwertung des Mehrkampfs. Sie erreichte zwei Gerätefinals: Im Pferdsprung belegte sie den sechsten Platz, am Stufenbarren gewann sie sogar Silber.

Doch für diese sportlichen Erfolge musste sie einen hohen Preis bezahlen. „Schon während dieser Olympischen Spiele war mir klar, dass ich danach kein Turngerät mehr anfassen werde“, sagte sie. Noch heute hat sie einen kaputten Rücken, sechs Operationen am Fußgelenk, Schlafprobleme und auch ihr Gewicht ist immer noch ein sensibles Thema für sie.

Ob sie wütend auf die Täter sei, fragte Michael Wagner. Er ist Lehrer am MPG und organisiert die Zeitzeugen-Vorträge. „Mit Wut würde es mir schlechter gehen“, antwortete Dagmar Kersten. Sie findet es eher traurig, dass niemand zugeben könne, dass damals einiges falsch gelaufen sei.

Um weiter darauf aufmerksam zu machen, was sie und viele andere Leistungssportler in der DDR erlebt haben, engagiert sich Kersten in der DDR-Doping-Opfer-Hilfe. Ein Verein, der ehemalige Leistungssportler, vorwiegend aus der DDR unterstützt, die geistige und körperliche Schäden durch die staatlich verordnete und erzwungene Einnahme von Dopingmitteln erlitten haben.

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