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Der Wolf kommt auf die Schwäbische Alb

Bei uns wurde der Wolf vor 150 Jahren ausgerottet. Jetzt kommen die Wölfe zurück. Doch was bedeutet das?

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Der Wolf ist nach Deutschland zurückgekehrt. In Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und in Niedersachsen haben sich Wolfsrudel in den vergangenen Jahren wieder angesiedelt.

Auch auf der Schwäbischen Alb hat es bereits Wolfssichtungen gegeben: Auf der A8 bei Merklingen im Alb-Donau-Kreis wurde im November 2015 ein männliches Jungtier von einem Auto überfahren. Das Schicksal des Wolfs war der erste greifbare Beweis für die Rückkehr des Wildtiers auf die Schwäbische Alb. Fünf Monate zuvor war ein Tier auf der A5 bei Lahr (Schwarzwald) überfahren worden. Auf der Baar gelang einem Autofahrer ein Handy-Foto von einem lebenden Tier.

Sogar in der Nähe von Itzelberg soll schon ein Wolf gesichtet worden sein: Eine Autofahrerin will am Morgen des 18. Februar 2015 auf 100 Meter Entfernung einen parallel zur Straße laufenden Wolf entdeckt haben. Bestätigt werden konnte das nicht. Fünf bis sechs solcher angeblicher Wolfssichtungen werden jährlich im Landkreis Heidenheim gemeldet – meistens waren es einfach wolfsähnliche Hunde, die gesichtet wurden.

Andreas Kühnhöfer ist Förster in Steinheim und seit zehn Jahren Wildtierbeauftragter des Landkreises. Über kurz oder lang, da ist er sicher, wird es auch bei uns wieder Wolfsrudel geben. „Das kann acht Jahre dauern oder zehn oder 15.“ Die Wölfe halten sich nicht an den Zeitplan des Menschens, wohl aber an ihren eigenen: Die einzelnen männlichen Jungtiere, die auf der Schwäbischen Alb gesichtet wurden, sind Vorboten: „Wölfe haben es im Blut zu wandern. Erst kommen die männlichen Jungtiere, dann kommen die reproduzierenden Rudel“, sagt der Förster.

Woher die beiden im vergangenen Jahr überfahrenen Exemplare kamen, muss nicht erraten werden – man weiß es mit Sicherheit: Wölfe, die aus Richtung Polen nach Deutschland wandern, haben einen DNA-Strang, der sich explizit von dem der Wölfe aus Italien, den Vogesen und der Schweiz unterscheidet. Die beiden überfahrenen circa einjährigen Rüden, so Kühnhöfer, seien definitiv aus dem Süden gekommen – der eine aus den Schweizer Bergen, der andere vermutlich aus den Vogesen. „Das wurde per DNA-Analyse zweifelsfrei festgestellt. Unsere Wiederbesiedlung kommt ganz klar über diese Seite“, sagt der Experte.

Die Schwäbische Alb ist ein idealer Lebensraum für Wölfe: dichte Wälder und ausreichend Nahrung in Form von Wildschweinen und Rehen. Allerdings jagen Wölfe nicht ausschließlich im Wald, und genau hier liegt das grundlegende Problem: Im Rudel reißen Wölfe auch Nutztiere – Schafe, Ziegen, Kühe. „Wir haben bei uns sechs bis acht Profi-Schäfer mit jeweils mehreren Hundert Tieren“, erklärt Kühnhöfer. „Hinzu kommen Hobby-Schäfer und Landwirte. Da braucht man nun wirklich keine Brille, um das Problem zu erkennen.“ Genau deshalb ist die Arbeit der Wildtierbeauftragten so wichtig: Sie sind in Kontakt mit den Schäfern, stehen ihnen beratend zur Seite und sind die ersten Ansprechpartner, sollte es zu Rissen kommen. Das wiederum ist bereits heute – auch ohne Wölfe – öfter der Fall als man denkt: Wilde Hunde oder auch Füchse, die im Rudel Schafe und Ziegen reißen, machen den Schäfern zu schaffen.

Nichtsdestotrotz sind Wolfsrudel noch einmal eine ganz andere Hausnummer.

Wie die Entschädigungen geregelt werden, war lange Zeit völlig unklar. Mittlerweile ist man ein ganzes Stück weitergekommen. Im Handlungsleitfaden Wolf, erstellt vom Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg in Kooperation mit zahlreichen Naturschutz- und Jagdverbänden, ist Folgendes geregelt: Solange Wölfe in Baden-Württemberg nur vereinzelt vorkommen und es damit auch nur vereinzelt zu Rissen kommen kann, werden die Entschädigungen aus einem Ausgleichsfonds bezahlt. Dieser wird errichtet von den beteiligten Naturschutz- und Jagdverbänden. Das Problem für die Schäfer: Die Zahlungen sind freiwillig, es besteht also kein Rechtsanspruch auf die Ausgleichszahlungen. Und für den Fall, dass sich eine Wolfspopulation dauerhaft in Baden-Württemberg ansiedelt, gibt es noch gar keine Regelung. Kein Wunder also, dass Schäfer und Landwirte die Rückkehr des Wolfes mit großer Sorge betrachten.

Johannes Smietana ist Schäfer in dritter Generation und betreibt gemeinsam mit seiner Familie den Steinheimer Schafhof mit rund 700 Mutterschafen. Spricht man mit ihm über den Wolf, so ist ihm anzumerken, dass er am liebsten noch gar nicht darüber nachdenken würde. Aber er muss. Die Schafe sind seine Existenz. Und um genau diese müsste er fürchten, sollten die Wölfe auf die Schwäbische Alb zurückkehren. Egal, welches Szenario der Steinheimer durchspielt, er kommt immer zum selben ernüchternden Ergebnis: „Ich werde mich und meine Tiere nicht vor dem Wolf schützen können.“ Natürlich gibt es Möglichkeiten. Aber eine kommt für ihn in Frage. Ein hoher Schutzzaun? „Wie soll ich den bitte transportieren? Ich bin Wanderschäfer.“ Logistisch und zeitlich völlig undenkbar. Herdenschutzhunde? „Woher bekomme ich die? Wie bildet man die richtig aus? Wie viele davon brauche ich und wo soll ich sie unterbringen?“ Smietana besitzt schließlich bereits sechs Hütehunde. Und es gibt noch ein weiteres Problem: „Haben sie schon mal Herdenschutzhunde erlebt? Die beschützen die Schafe wirklich vor allem. Egal, ob es ein Wolf ist oder ein Jogger.“ Smietana hat viele Fragen, befriedigende Antworten hat er bislang noch keine gehört. „Alles für den Wolf, aber wir Schäfer werden allein gelassen“, stellt er resigniert fest. Dass sich die Öffentlichkeit bislang klar für den Schutz des Wolfes ausgesprochen hat, wundert den Schäfer nicht. Er glaubt, dass die Menschen heutzutage keinen großen Bezug mehr zur Landwirtschaft haben. Sich in die Lage der Schäfer und Landwirte zu versetzen, fällt deshalb vielen schwer.

Wenn Smietana über die mögliche Rückkehr des Wolfes spricht, dann ist der finanzielle Schaden, den er durch gerissene Schafe erleiden würde, kaum Thema – so groß dieser auch sein könnte. „Natürlich geht es um meine Existenz und damit auch ums Geld. Aber nicht nur“, betont er. „Es geht auch darum, dass ich meine Tiere liebe.“ Morgens zu seinen Schafen zu kommen und regelmäßig gerissene Tiere vorzufinden: für Smietana ein Horror-Szenario. Man dürfe sich nicht wundern, prophezeit er, wenn sich viele Schäfer irgendwann die Frage stellen, ob sie sich das weiter antun möchten.

Was heißt das dann? Die Wölfe erschießen? „Es ist doch keine Frage: Ein totes Tier zu sehen ist auch für mich schlimm“, sagt der Steinheimer. „Aber ich frage mich wirklich, ob wir mit Wölfen leben und umgehen können.“ Smietana hat auch Zweifel daran, ob der Wolf für den Menschen wirklich so ungefährlich ist wie behauptet wird. „Wölfe sind doch nicht blöd. Die wissen irgendwann ganz genau, wo es was zu fressen gibt“, sagt Smietana, während er inmitten seiner Herde auf einer Weide beim Ugenhof steht. Der Schäfer zeigt nach Nordosten: „Drei Kilometer weiter und sie sind in Steinheim. Sieben Kilometer weiter und sie sind in Heidenheim. Für Wölfe ist das keine Strecke.“

Keine Frage: Der Wolf ist in den vergangenen 150 Jahren für den Menschen zu einem fremden Wesen geworden. Wildtierbeauftragter Andreas Kühnhöfer ist deshalb auch bemüht Ängsten vorzubeugen: Wölfe seien sehr scheue Tiere, solange sie als Jungtiere nicht die Erfahrung machen, dass es beim Menschen Futter gibt und dass von ihm keine Gefahr ausgeht. „Dort, wo es Wölfe gibt“, sagt Kühnhöfer, „sind Begegnungen mit dem Menschen sehr selten.“

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