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Der unendliche Kampf: Wie aufräumen wirklich geht

"Marsch, aufräumen!" Wer da jetzt aufstöhnt, sei getröstet: Er ist nicht allein. Hinter vielen Wohnungstüren wird er täglich ausgefochten, der unendliche Kampf gegen die Unordnung. Ina Fürstenau hilft als professioneller Haushaltscoach gegen das Chaos.

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    Kennt sich aus mit häuslichem Chaos: Ina Fürstenau sorgt professionell für Ordnung in Haus oder Wohnung. Foto: 
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Streng stellt man sie sich vor, pingelig. Eine Frau mit kritischem Blick, die sicher gleich die Socke bemerkt, die man noch schnell unter das Sofa geschubst hat. Aber nein, das Vorurteil täuscht. Wer Ina Fürstenau begegnet, spürt als erstes die Herzlichkeit und Wärme, die von ihr ausgehen. Man hat das Gefühl, sich bei ihr aussprechen zu können – und das nicht nur über Ordnungsprobleme. Die 49-Jährige kann zuhören, sich einfühlen, Verständnis vermitteln.

Aber auch die Haushaltsexpertin selbst erzählt mit großer Offenheit aus ihrem Leben, steht zu den Zickzack-Wegen, die sie zurückgelegt hat und man wundert sich, mit welcher Fröhlichkeit und Unbeschwertheit sie sogar über Zeiten spricht, die schwer gewesen sein müssen. Bei ihr gibt es weder Bitterkeit noch Schuldzuweisungen oder Selbstmitleid.

Alleinerziehend und Sozialhilfe

Aufgewachsen in Gerstetten, bekam sie ihr erstes Kind schon mit 19 Jahren, kaum dass sie die Fachhochschulreife in der Tasche hatte. Zeitweise führte sie danach einer dänischen Familie den Haushalt, gegen Taschengeld, Krankenversicherung und Unterkunft für sich und ihre Tochter. Später folgte eine gescheiterte Ehe, zwei weitere Kinder kamen zur Welt. Die allein erziehende Mutter kämpfte sich als freiberufliche Haushaltshilfe in Heidenheim durch, bot einen Bügelservice an, ging putzen. Einige Zeit kam sie nur mit Sozialhilfe über die Runden.

Doch nebenbei investierte sie in ihre Weiterbildung, hat erst die Hauswirtschafterinnenprüfung abgelegt und als Familienpflegerin gearbeitet, später die Meisterprüfung absolviert, außerdem eine familientherapeutische Ausbildung abgeschlossen. Danach folgten gute Stellen, unter anderem als Ausbilderin am Rudolf-Steiner-Berufskolleg.

Inzwischen wohnt Fürstenau in Münster, ist immer wieder aber auch für längere Zeit im Raum Heidenheim. Der Entschluss, sich als Haushaltcoach selbstständig zu machen, fiel 2014. Die meisten Kunden finden durch ihre Homepage zu ihr oder über Mundpropaganda.

Gleich ihr erster Fall war ein Messie, 300 Kilometer entfernt, den sie per Telefon gecoacht hat. Neben solchen Messies, die ihre Wohnung in krankhafter Weise mit Sperrgut und vollen Abfalltüten zumüllen, ist es aber auch oft der Otto-Normal-Aufräumer, der ihre Hilfe sucht. Ina Fürstenau packt aber üblicherweise nicht selbst mit an. Sie ist als Beraterin vor Ort, hilft, die Arbeit zu strukturieren, ein Ordnungs- und Aufräum-System zu entwickeln, das den Bedürfnissen und Möglichkeiten der Kunden entspricht.

Sammeln, horten, stapeln

Ein sauber aufgeräumtes Wohnzimmer wie aus dem Modekatalog, das findet man eher selten, hat Ina Fürstenau festgestellt. Sammeln, horten, stapeln – so sieht die Praxis aus in vielen Haushalten. Die meisten Menschen trennen sich eben nur schwer von Dingen, die gut, aber nicht mehr zeitgemäß sind. Also dürfen sie bleiben – und summieren sich im Laufe der Jahre im Keller, im Speicher, in der Garage, in den Schränken oder eben auf dem Wohnzimmertisch zu unnötigem Ballast. Dabei bedeutet jeder zusätzliche Besitz eine potenzielle weitere Quelle der Unordnung.

Ordnung ist allerdings viel mehr als nur aufräumen, stellt Fürstenau klar. Ordnung sei Seelenkunde, Psychologie, ja sogar Spiritualität. Das fange mit der Frage an, welchen Ordnungsstandard man sich selbst setze und warum. „Ich muss erkennen, wer ich bin“, meint die Haushaltsexpertin, „bin ich vielleicht eher ein unstrukturierter Mensch?“

In diesem Falle werde es wohl nie funktionieren mit der Modekatalog-Ordnung. „Wenn ich das nicht akzeptieren kann, muss ich mich fragen, ob vielleicht mein Anspruch zu groß ist – und woher das kommt.“ Womöglich sei es ja beispielsweise eher die Erwartung der Mutter, die man zu erfüllen suche, während man selbst sich mit einem etwas niedrigeren Ordnungsniveau wohlfühlen würde. Ein Plädoyer für mehr Nachsicht sich selbst gegenüber – das Letzte, was man von einem Haushaltscoach erwartet hätte. „Es gibt auch ein Zuviel beim Putzen“, mahnt Fürstenau: „Das ist dann auch eine psychische Störung, wird aber von der Gesellschaft akzeptiert, anders als beim Messie.“

Auszumisten könne allerdings sehr heilsam sein, als Akt des Loslassens, so ihre Erfahrung. „Schleppen Sie nicht so viel Vergangenheit mit sich herum“, rät sie. Manche inneren Konflikte gelte es da aufzuarbeiten.

Und das dürfte ein lebenslanger Prozess werden. Denn eines ist klar: „Ordnung bleibt nicht von allein, nur die Unordnung bleibt“, philosophiert die Aufräumexpertin und seufzt. Denn da geht es ihr nicht anders als ihren Kunden.

Aufräumtipps von der Haushaltsexpertin

1. Schaffen Sie zuerst eine Grundordnung. Holen Sie sich dafür bei Bedarf Unterstützung.

2. Überfordern Sie sich nicht. Viel besser: Streben Sie kleine Verbesserungen an: Wecker stellen und jeden Tag exakt 15 Minuten lang gezielt einen Bereich aufräumen und ausmisten.

3. Erstellen Sie einen Wochen-Putzplan, auf dem Sie festhalten, wann beispielsweise Bad und WC geputzt werden, wann gesaugt oder gewischt wird. Struktur und Rhythmus sind wichtig.

4. Beziehen Sie im kleinen Umfang Ihre Kinder mit ein – es wird den Kindern später zugutekommen.

5. Überhaupt keine Zeit und Lust, zu putzen oder gründlich aufzuräumen? Dann sollten Sie überlegen, Geld in eine Reinigungskraft zu investieren. 

 

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