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Der Stern, der uns heimführt

Bei einem Oratorium mitzusingen ist an sich nichts Besonderes. Dies jedoch in Gefangenschaft während des Zweiten Weltkriegs zu erleben, schon. Der 96-jährige Heidenheimer Karl Burr hat das vor 62 Jahren erlebt.

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Noch immer voller Lebensfreude: Der 96-jährige leidenschaftliche Sänger Karl Burr.  Foto: 

Die meisten Menschen entwickeln beim jährlich wiederkehrende Weihnachtsfest eine gewissen Routine. Der gebürtige Heidenheimer Karl Burr nicht. Während der besinnlichen Jahreszeit schweifen seine Gedanken immer wieder um Jahre zurück. Genauer gesagt zum Weihnachtsfest 1949. Denn damals war er Mitorganisator eines Oratoriums – in Kriegsgefangenschaft.

Aber der Reihe nach: Geboren wurde Karl Burr am 24. April 1915 in Heidenheim. Nach seinem Schulabschluss an der Olgaschule begann Karl Burr seine Elektriker-Ausbildung bei der Firma Voith, der er bis zur Pension treu blieb. Im November 1937 jedoch wurde der damals 22-Jährige nach Ulm eingezogen. Auf dem Eselsberg gehörte er der Beobachtungs-Abteilung der Wehrmacht an. Nur beim unverbindlichen Beobachten blieb es aber nicht: Kurze Zeit später wurden die Soldaten für den Frankreichfeldzug gebraucht – auch Karl Burr. Nach Jahren im Krieg an verschiedenen Orten geriet er im Mai 1945 in russische Kriegsgefangenschaft; er verrichtete seinen Arbeitsdienst unter Tage in Taschkent, der Hauptstadt von Usbekistan.

Um „die Hoffnung und den Glauben aufrechtzuerhalten“, organisierten die Gefangenen zum Weihnachtsfest 1949 ein Oratorium. Unter der Leitung eines ehemaligen Chefdirigenten des Brüsseler Rundfunks, der im selben Arbeitslager war, sangen zehn Gefangene ein Oratorium für ihre Kameraden. Das kleine, selbst organisierte Konzert fand laut Burr in einem vergleichsweise schön hergerichteten Saal in Taschkent statt.

An einen Satz des Oratoriums erinnert sich Karl Burr, der von Kindesbeinen an leidenschaftlich gern singt, auch heute noch ganz genau: „Frau und Kind im stillen Haus, schauen heut Nacht zum Fenster raus, bis ihr Blick den Stern gefunden, der uns heimführt bald nach Haus.“ Dieser Satz habe Hoffnung gegeben, weil er „genau das widergespiegelt hat, woran wir uns alle geklammert haben“, fügt der rüstige Rentner hinzu.

Nach seiner Entlassung kehrte der begeisterte Musiker am 18. Januar 1950 nach Hause zurück. Bevor er aber seine Karriere als Leiter der Schule für Technische Zeichner bei Voith fortsetzen konnte, wurde er wegen seiner Gelbsucht ins „Jordanbad“ nach Biberach geschickt. Dass das Leben auch schöne Geschichten schreiben kann, erfuhr der Kriegsveteran dann dort. „Ich erinnere mich noch gut daran: Alle Patienten wollten immer von Schwester Thea versorgt werden“ – nach der ersten Begegnung auch Karl Burr. „Ich habe sie nach meinem Kuraufenthalt direkt mit nach Hause genommen“, gesteht der Charmeur lachend. Zusammen bekam das Paar drei Töchter. Vor wenigen Wochen kam der erste Urenkel zur Welt, Karl Burrs ganzer Stolz.

Bis zum Jahr 2000, insgesamt 85 Jahre, ist Karl Burr seiner Heimatstadt treu geblieben. Aber „ich wollte bei meiner Familie sein und so bin ich nach dem Tod meiner Frau in ein Altenheim nach Weinstadt-Endersbach gezogen“. Auch heute noch bringt der 96-Jährige einen beachtlichen Tenor zustande und ist nicht umsonst stolz darauf, ältestes Mitglied beim Singkreis des Stadtseniorenrats Weinstadt zu sein. Alle zwei Wochen treffen sich bis zu 50 Senioren in Endersbach, um gemeinsam zu singen. „Ich muss schon sagen: Mit meinem Schicksal bin ich insgesamt sehr, sehr zufrieden“, resümiert er lächelnd.

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