Partner der

Heidenheims Nikolaus heißt Reinhard Mosch

Rauschebart? Sitzt. Roter Mantel? Passt. Sack? Dabei, natürlich. Jetzt würden selbst Bekannte Reinhard Mosch nicht mehr erkennen – und Passanten auf der Straße schon gar nicht.

|

Doch unerkannt bleibt er natürlich nicht. Als er die schwere, alte Türe am Haupteingang der Bergschule öffnet, wird es so laut, wie nur viele Kinder laut werden können: „Der Nikolaus! Der Nikolaus kommt!“

Stimmt ja auch, irgendwie: Elf Monate im Jahr ist Reinhard Mosch Pensionär, doch kaum bricht der Dezember an, ist der frühere Mitarbeiter der Stadt Heidenheim im Fulltime-Job und tagein, tagaus auf Achse. Als Nikolaus besucht er Schulen, Kindergärten, Vereine und ist seit vielen Jahren auch bei der Aktion „Schneeflocke“ gefragt.

„Zum Nikolaustag am 6. Dezember ist natürlich Hochsaison“, sagt Mosch, der sich an diesem Datum vor Anfragen kaum retten kann. Fast den ganzen Tag ist er dann in voller Montur unterwegs.

Erster Auftritt im rappelvollen Termnkalender: Die Bergschule. Schon beim Eintreten erwarten ihn die Grundschüler mit großem Hallo im Eingangsbereich und lassen sich von ihren Lehrern kaum beruhigen. Der Nikolaus sorgt schließlich für etwas Ordnung: Mit mahnenden Worten, noch viel mehr aber mit seiner großen Glocke. Wenn Reinhard Mosch es will, übertönt er alles.

„Sind hier lauter brave Kinder da? Dann sagt mal alle ganz laut ja!“, fragt Mosch in die Runde. „Ja!“, rufen die Kinder zurück. Na fein, doch soooo leicht lässt sich ein echter und strenger Nikolaus nicht überzeugen. Mit Sack und Pack zieht er zur Inspektion von Klasse zu Klasse – lautes Gepolter an der Tür und eindrucksvolle Brummstimme inklusive.

Den Auftritt als Nikolaus hat Mosch über all die Jahre perfektioniert wie wohl kein zweiter Mann i der Stadt. So ist er auch bestens über die Missetaten der Grundschüler informiert. Bevor es also Geschenke aus dem Jutesack gibt, wird – statt aus dem goldenen Buch – vom vorbereiteten Notizblatt mit mahnend erhobenem Zeigefinger abgelesen: „Was ist mir da zu Ohren gekommen?“, ruft er: „Die Klasse 1a will ihrer Lehrerin nicht zuhören? Das gefällt dem Nikolaus aber gar nicht!“ Die Kinder geloben Besserung, darum werden die Geschenke dann natürlich verteilt – schon muss Mosch weiter.

Eins ist schnell klar, wenn man Mosch mit schweren Stiefeln von Klasse zu Klasse eilen sieht: Nikolaus sein ist anstrengend. Mosch gerät ins Schwitzen, er ist zeitlich im Verzug – aber gleichzeitig wollen alle Kinder dem guten Nikolaus zum Dank ein Gedicht aufsagen oder ein Ständchen singen. „Man muss flexibel bleiben und darf sich auf keinen Fall hetzen lassen“, meint der Routinier mit dem falschen Bart.

Als Nikolaus ist Mosch stadtbekannt – nur den Kindern bleibt er unter Vollbart und Kapuze meistens unerkannt. Seit mittlerweile 36 Jahre schlüpft er alljährlich in seine rotweiße Kluft. „Damals gab es in Heidenheim noch einen richtigen Weihnachtsmarkt und die Stadt hat einen Nikolaus gesucht“, erzählt er. Fast den ganzen Dezember war er nach der Arbeit dort unterwegs. Nach und nach kamen immer mehr Termine dazu: „Dann habe ich mir extra Urlaub genommen, um auch vormittags als Nikolaus auftreten zu können“, erinnert sich der 67-Jährige. Die Kinder seien ihm das immer wert gewesen. Mittlerweile ist er seit sieben Jahren Pensionär, doch der Weihnachtszeit wird die Arbeit von Jahr zu Jahr sogar noch mehr als früher: 32 Auftritte als Nikolaus hat Mosch in diesem Jahr.

Termin Nummer zwei ist in der Grundschule Oggenhausen. Dort, so hört der Nikolaus, waren die Kinder in der letzten Zeit besonders unartig und haben ihre Hausschuhe nicht aufgeräumt. Das rächt sich nun: „Was haben wir denn da?“, ruft Mosch, als statt den versprochenen Geschenken erst einmal die besagten Hausschuhe aus dem Sack purzeln. Auch hier versprechen die Kinder, in Zukunft besser aufzuräumen – zum Lohn gibt es dafür Äpfel, Nüsse und Spekulatius.

Sechs Nikolauskostüme hat Mosch zuhause im Schrank. Die Erfahrung über die Jahre hat ihn gelehrt: Als Nikolaus muss man auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. „Seit ich einmal mit Sack und Pack in der Brenz gelandet bin, habe ich auch immer ein Kostüm zum Wechseln dabei“, sagt er. Ansonsten verleiht Most seine Kostüme auch gerne oder hat für seine Kollegen aus dem Nikolaus-Ensemble eines in petto. „Als Quartett treten wir verkleidet auf und spielen Weihnachtslieder“, erklärt der Nikolaus aus Leidenschaft.

Nächster Termin: Kindergarten Oggenhausen. Dort sorgt man sich bereits um den verspäteten Nikolaus. Ob er sich verlaufen hat, gar noch drauß' im Walde? Aber nein, nach einer kurzen Kaffeepause kommt Mosch auch hier zuverlässig an.

„Hast du denn auch ein Rentier dabei?“, fragt ihn ein Mädchen. Das muss Mosch verneinen – dabei nicht, aber Zuhause warte es bereits auf ihn. „Für den Schlitten liegt im Moment leider zu wenig Schnee“, erklärt er. Das finden die Kinder sehr einleuchtend.

Nach dem Kindergarten ist der Vormittag geschafft, St. Nikolaus geht nach Hause zum Mittagessen und macht eine Pause. In der Dämmerung muss er aber wieder los, Familien in Königsbronn, Dischingen, Neresheim und Elchingen erwarten ihn. „Da werde ich sogar einen Auftritt mit Fackel im Wald haben“, erzählt Mosch.

Nach all den Jahren als Nikolaus macht ihm besonders dieser Tag noch immer Freude. „Und solange ich noch fit bin, werde ich das auch auf jeden Fall beibehalten“, fügt er hinzu. Für den Advent 2018 hat er schon Anfragen auf dem Tisch.

Worauf kommt es bei einem Nikolaus nun aber im Kern an? „Die Quintessenz ist, dass die Kinder mich nicht erkennen“, ist sich Mosch sicher. So behalte der Nikolaus seinen Zauber, und die Kinder können weiter an ihn glauben. Hoffentlich lesen sie das nicht.

Lesen Sie jetzt die eZeitung schon ab 0,99 € / Monat
Die digitale 1:1-Ausgabe der Heidenheimer Zeitung steht Ihnen ab 4 Uhr morgens mit allen Nachrichten der Region zur Verfügung. » zum Angebot

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Partner der

Staut es sich in Heidenheim bald weniger?

In den kommenden Jahren soll für Heidenheim ein Verkehrsentwicklungsplan erarbeitet werden, der Perspektiven bis ins Jahr 2035 aufzeigt. Ob dadurch Staus verhindert werden können? weiter lesen