Partner der

Bögerl-Kinder kritisieren Polizei wegen massiver Ermittlungspannen

Während die neuerdings von Stuttgart aus geleiteten Ermittlungen im Mordfall Bögerl weiter auf der Stelle treten, gehen die beiden Kinder der im Mai 2010 entführten Maria Bögerl einen Schritt weiter: Sie werfen der Polizei schweres Versagen vor und fordern einen Untersuchungsausschuss.

|
 Foto: 
Am 12. Mai 2010 war Maria Bögerl aus ihrem Haus entführt worden. Drei Wochen später hatte man die Leiche der Frau gefunden. Ihr Mann, Sparkassendirektor Thomas Bögerl, nahm sich im im Juli 2011 das Leben: Drei Sätze, die für Carina und Christoph Bögerl die dunkelste Zeit ihres Lebens markieren. In einem am Donnerstag im Magazin „Stern“ erscheinenden Interview sprechen sie darüber und sparen in diesem Zusammenhang nicht an Kritik an der Polizei. So wird Carina Bögerl wie folgt zitiert: „Das Ausmaß an Pannen hat unser Vertrauen zerstört. Die Instanz, die dazu da ist, dir zu helfen, macht tausend Fehler und versinkt in planlosem Aktionismus.“

Dezidiert kritisieren die beiden jungen Leute, dass man die Beschaffung des zu spät am Übergabeort abgelegten Lösegelds in Höhe von 300 000 Euro allein ihrem Vater überlassen habe. „Wir haben,“ so die 29-jährige Carina Bögerl, “den Soko-Chef in einem späteren Gespräch so verstanden: Wenn ein Bankdirektor das nicht könne, wer dann?“ Thomas Bögerl selbst hatte die Abläufe später in einem dem „Stern“ vorliegenden Gedächtnisprotokoll notiert. Darin schreibt er: „Die Polizei ergriff keinerlei Maßnahmen zur Lösegeldbeschaffung.“

Zudem beklagen die hinterbliebenen Kinder, dass sie selbst und der Lebensgefährte von Carina später zu Unrecht unter Tatverdacht geraten seien. Nach Angaben des Magazins waren sie verdächtigt worden, wenige Tage vor der Tat mit dem Entführer telefoniert zu haben, der sich nach damaliger Erkenntnis im Haus des zu diesem Zeitpunkt abwesenden Ehepaars Bögerl aufgehalten und die Tat vorbereitet haben sollte – ein Verdacht, der jedoch auf falsch gespeicherte Uhrzeiten in der Telefonanlage basiert habe.

Insgesamt sollen im Zuge dieser Ermittlungen über Monate hinweg rund 150 Personen abgehört worden sein – darunter Telefonate mit Familienmitgliedern, Verwandten und Freunden, aber auch Gespräche mit einem Pfarrer und einem Anwalt. „Bei diesem Ausmaß an Willkür zerbricht der Glaube an den Rechtsstaat,“ so die Reaktion des 25-jährigen Christoph Bögerl, der nun zusammen mit seiner Schwester die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses fordert, der sich mit der Arbeit der Polizei in diesem Fall befassen soll.

Auf Seiten der schon früher immer wieder wegen Pannen, Widersprüche und Ungereimtheiten in die mediale Kritik geratenen Ermittler wird in diesem Zusammenhang von „umfangreichen Ermittlungen“ gesprochen, die keine Anhaltspunkte dafür ergäben hätten, dass der oder die Täter aus dem Kreise der Familie kämen. Wie der Leitende Oberstaatsanwalt Christof Lehr gestern gegenüber unserer Zeitung ausführte, habe man dabei in der Tat überprüft, ob Kontakte des Täters zur Familie Bögerl oder zum Kreis der Familie zu suchen seien. Wobei der Chef der Staatsanwaltschaft Ellwangen für die Reaktion der Betroffenen grundsätzlich Verständnis zeigt: „Dass man nicht begeistert ist, wenn man zum Kreis der Verdächtigen zählt, ist völlig natürlich.“

Fakt ist und bleibt, dass alle bisherigen Ermittlungsansätze ins Leere gelaufen sind. Zwar ermittelt die mittlerweile von Stuttgart aus agierende Soko „Flagge“ in enger Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft und dem Landeskriminalamt weiter in alle Richtungen, doch glaubt man inzwischen auch auf höherer Ebene nicht mehr an eine rasche Aufklärung. Bei dem Mordfall sei derzeit kein Durchbruch in Sicht, sagte diese Woche der Stuttgarter Generalstaatsanwalt Klaus Pflieger: „Es gibt noch abzuarbeitende Spuren, aber im Moment keinen konkreten Hinweis.“
Lesen Sie jetzt die eZeitung schon ab 0,99 € / Monat
Die digitale 1:1-Ausgabe der Heidenheimer Zeitung steht Ihnen ab 4 Uhr morgens mit allen Nachrichten der Region zur Verfügung. » zum Angebot

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Themenschwerpunkt

Der Mordfall Bögerl

Der Fall bleibt mysteriös: Zahlreiche Spuren hat die Soko "Flagge" seit dem Heidenheimer Mordfall an Maria Bögerl verfolgt. Doch die richtige war bisher nicht dabei.

mehr zum Thema

Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Partner der

Sanierungskonzept: Die Belegschaft des Klinikums ist wenig begeistert

Die Geschäftsleitung operiert an den Strukturen, will Versorgungsbereiche in eine Service-Gesellschaft überführen und auch die Wäscherei ausgliedern. Die Belegschaft ist wenig begeistert. weiter lesen

22V90