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Arbeitsmarkt: Mangelnde Sprachkenntnisse bleiben das größte Problem

1231 Flüchtlinge werden derzeit vom Jobcenter Heidenheim betreut. Die HZ hat bei Geschäftsführer Albert Köble nachgefragt, wie die Arbeitsvermittlung hier angelaufen ist.

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Albert Köble, Geschäftsführer des Jobcenters Heidenheim, sieht Geflüchtete als großes Potenzial für den Arbeitsmarkt auch in der Region.  Foto: 

Das Jobcenter Heidenheim betreut derzeit 1.231 anerkannte Flüchtlinge. Welchem Prozentsatz der von Ihrem Hause insgesamt betreuten Kunden entspricht das?

Man muss unterscheiden zwischen der Zahl der Hilfebedürftigen insgesamt, der erwerbsfähigen Hilfebedürftigen und der arbeitslos gemeldeten Flüchtlinge. Von den insgesamt rund 7300 Hilfeempfängern im Landkreis Heidenheim sind rund 17 Prozent anerkannte Flüchtlinge. Der Anteil unter den erwerbsfähigen Hilfebedürftigen beträgt 16,3 Prozent (801) – unter den Gesamtarbeitslosen beträgt der Anteil 13 Prozent (271).

Wie sieht die Vermittlungsquote bisher aus?

Wir haben mit den Aufzeichnungen im Jahr 2016 begonnen. Im ersten Jahr haben wir 61 Flüchtlinge in Arbeit vermitteln können. Dieses Jahr haben wir bis Ende April 28 Integrationen in Arbeit erreicht. Das entspricht einer Quote von 3,4 Prozent und kann sich sehen lassen.

Wie viele Flüchtlinge befinden sich derzeit in Kursen oder Weiterbildungsmaßnahmen?

Rund 751 Flüchtlinge befinden sich entweder in einem Alphabetisierungskurs oder einem Integrationskurs beziehungsweise warten auf den Start einer Sprachförderung. Knapp 100 Geflüchtete befinden sich in einer sogenannten Maßnahme zur beruflichen Eingliederung bei einem Bildungsträger oder in einem Praktikum. Das Jobcenter ist nur für die anerkannten Flüchtlinge zuständig.

Welche beruflichen Vorkenntnisse und Ausbildungen werden mitgebracht?

Die Mehrzahl unserer Flüchtlinge hat keine in Deutschland verwertbare Ausbildung. In den Medien wird zwar gerne auf Flüchtlinge mit Ingenieurstudium und ähnlichem hingewiesen – solche Qualifikationen sind in der Praxis aber leider die Ausnahmen.

Es sind überwiegend jüngere Personen, die in Deutschland angekommen sind.

Man kann sagen, ein Drittel der Angekommenen ist unter 25 Jahre alt, ein weiteres Drittel zwischen 25 und 35 Jahre. Das ist aus Sicht des Arbeitsmarkts natürlich eine gute Altersgruppe.

Es gibt Studien, die besagen, dass für 50 Prozent der Flüchtlinge die berufliche Integration nach fünf Jahren Aufenthalt in Deutschland gelungen sein wird.

Diese Studien sind mir bekannt. Ehrlich gesagt halte ich sie für sehr optimistisch. Dennoch arbeiten alle Mitarbeiter des Jobcenters intensiv daran, diese Prognose zu übertreffen.

Was ist das größte Problem bei der beruflichen Integration?

Ganz klar: mangelnde Sprachkenntnisse – gefolgt von der Tatsache, dass das Qualifikationsniveau in den Herkunftsländern in vielen Bereichen nicht mit den Verhältnissen in Deutschland zu vergleichen ist.

Welche Maßnahmen werden unternommen, um hier gegenzusteuern?

Die Sprachförderung ist bei uns der erste Schritt und der Schwerpunkt im ersten Jahr nach der Anerkennung. Nach diesem Jahr entscheidet sich dann, ob es sinnvoll ist, den Betreffenden zunächst im Helferbereich im Arbeitsmarkt zu vermitteln oder ob eine weitere Sprachförderung oder gleich eine berufliche Qualifikation erfolgsversprechend scheint. Bei den beruflichen Defiziten arbeiten wir intensiv mit Betriebspraktika und Weiterbildungsmaßnahmen.

Welche Rolle spielen kulturelle Unterschiede hinsichtlich der in Deutschland erwarteten Schlüsselqualifikationen?

Man muss zugeben, dass es auch hier mitunter Handlungsbedarf gibt, vor allem was zum Beispiel Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und das Durchhaltevermögen angeht. Manche Flüchtlinge haben Schwierigkeiten mit unserer Tagesstruktur – aber das sind Probleme, wie wir sie auch bei Langzeitarbeitslosen kennen.

Welche Maßnahmen werden unternommen, um Problemen in diesem Bereich vorzubeugen?

Hier arbeiten wir einer Fülle an Maßnahmeangebote, die die Bildungsträger vor Ort für uns durchführen. Nicht vergessen darf man an dieser Stelle die Arbeit der im Landkreis ehrenamtlich tätigen Mitbürger. Sie leisten einen enormen Beitrag für die soziale Integration der Geflüchteten und beackern damit auch das Feld der Schlüsselqualifikationen.

Wie kann die berufliche Integration seitens der Politik gefördert werden?

Es helfen uns vor Ort keine großen Projekte. Letztlich ist es eine Sisyphusarbeit mit einzelnen Personen, die an der Hand genommen werden und über Netzwerkkontakte sozial und beruflich integriert werden müssen. Die wichtigste Maßnahme seitens der Politik wäre deshalb eine intensivere Unterstützung der Arbeitgeber, die Geflüchtete beschäftigen und hin und wieder an ihre Grenzen stoßen, weil ein Delta zwischen den betrieblichen Erfordernissen und der tatsächlichen Arbeitsleistung entsteht.

Was ist Ihre Bitte an Arbeitgeber aus dem Heidenheimer Landkreis?

Mein Appell an die Unternehmer: Wir brauchen zusätzliche Arbeitskräfte im Landkreis Heidenheim. Geflüchtete sind ein großes Potenzial, um in den verschiedensten Bereichen den Arbeitskräftebedarf zu decken. Aber man muss hier investieren – und bei der Investition darf man nicht so schnell aufgeben. Was ist denn die Alternative? Es gibt keine.

Das Jobcenter bietet ja auch einige Anreize zur Einstellung von Flüchtlingen.

Richtig. Wir bieten die Möglichkeit, den potenziellen neuen Mitarbeitern erst einmal unverbindlich und ohne Verpflichtungen kennenzulernen. Bei jungen Erwachsenen kann es ein Praktikum geben bis zu einem Jahr, mit dem Ziel, danach gegebenenfalls einen Ausbildungsvertrag abzuschließen. Bei Eignungsfeststellungen für Arbeitsverhältnisse übernimmt das Jobcenter die Kosten für ein Praktikum von bis zu 12 Wochen.

Welche Reaktionen haben Sie von Seiten der Arbeitgeber im Heidenheimer Kreis bisher erfahren?

Sehr unterschiedliche. Grundsätzlich liegt eine große Bereitschaft vor, Geflüchteten eine Chance zu geben. Natürlich haben Arbeitgeber auch schon aus den zuvor angesprochenen Gründen enttäuscht aufgeben. Aber es überwiegt der positive Gedanke, mit Geflüchteten, den Arbeitskräftebedarf zu decken.

Welche positiven Beispiele gelungener beruflicher Integration gibt es hier?

Jede der seit 2016 erfolgten 89 Integrationen ist für mich eine gelungene. Auch wenn es für manchen Geflüchteten nur ein erster Einstieg in eine berufliche Tätigkeit war, kann es ein Start für einen langen beruflichen Werdegang in Deutschland gewesen sein. Ich muss zugeben, dass wir noch überwiegend in Anlerntätigkeiten vermitteln, aber wir konnten auch schon einen Rettungsschwimmer, einen Elektrofacharbeiter, eine Assistenzärztin und einen Apotheker in Arbeit bringen.

Unter dem Motto „Wir schaffen das! – Nur wie?“ lädt der Verein „Christen in der Wirtschaft“ zum Gesprächsabend ein am Freitag, 30. Juni um 18.30 Uhr im Begegnungszentrum für Migration und Ehrenamt (frühere Waldkirche) in Heidenheim. Albert Köble, Geschäftsführer des Jobcenters Heidenheim (siehe Interview), Brigitte Combosch, Netzwerksprecherin für die Freundeskreise Asyl im Landkreis und der Mergelstetter Pfarrer Andreas Kammer werden über die derzeitige Situation im Landkreis informieren. Um Anmeldung wird gebeten unter Tel. 07321.50805, Tel. 07321.345665-0 oder gbader@sekura-gmbh.de.

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