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Animal Hoarding - wenn Menschen Tiere sammeln

40 Quadratmeter – 25 Tiere. Zwischen Kot, Müll und Dreck finden sich Küche, Bad, Wohn- und Schlafzimmer – und der Tierhalter. Eigentlich unvorstellbar, für Amtstierärzte aber kein ungewöhnlicher Anblick. Denn Animal Hoarding – eine krankhafte und unkontrollierte Tiersammelsucht – wird auch im Landkreis vermehrt festgestellt.

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In Fällen von Animal Hoarding ist es häufig die Zahl der Tiere, aber noch mehr deren Zustand, der schockiert. Die Gründe, Tiere wahrlich zu horten, sind vielschichtig, „aber zum Teil ist es zumindest anfangs ein Tierschutzgedanke, der diese Menschen dazu bringt, immer mehr Tiere bei sich aufzunehmen“, erklärt Dr. Gerhard Reinarz, Leiter des Fachbereichs Veterinärwesen und Verbraucherschutz im Landratsamt. „Beim Animal Hoarding läuft das irgendwann aus dem Ruder, die Situation wächst dem häufig mit psychischen Problemen belasteten Tierhalter über den Kopf – oft auch finanziell.“ Konsequenz sei, dass die Tiere nicht mehr ausreichend versorgt würden, häufig krank seien und im schlimmsten Fall stürben.

Die Zustände, auf welche die Amtstierärzte im Landkreis bei solchen Fällen bereits stießen, sind erschreckend: „Alles voller Müll, Kot auf dem Boden, auf Schränken und Betten. Offene Tierfutterdosen, die den Tieren zuletzt hingeworfen wurden, stark abgemagerte Tiere, die völlig ausgehungert und krank sind und teils im Dunkeln gehalten wurden“, berichtet Amtstierärztin Dr. Anja Stöckle von einem ihrer Einsätze, bei welchem fünfzehn Tiere in schlimmsten Verhältnissen gefunden worden waren. Die Tiere, die es beim Öffnen der Tür nach draußen schafften, hätten versuchten Schnee zu fressen, weil sie wohl tagelang ohne Wasser gewesen seien. Der Zustand der Wohnung und die Menge an Kot ließen darauf schließen, dass die Tiere seit langem nur noch sporadisch und seit Tagen gar nicht mehr versorgt worden seien. Zwischen all den Exkrementen und dem Müll seien zudem Tierkadaver gefunden worden. „Noch wenige Tage mehr und ein Großteil der verbliebenen Tiere wäre verdurstet“, so Reinarz.

Dass Tiere bei solch extremen Fällen des Animal Hoarding verenden, ist nicht ungewöhnlich. In einem anderen Fall, in welchem eine große Anzahl an Haustieren auf engstem Raum gehalten wurde, seien fast alle Jungtiere gestorben. Auch in diesem Fall war die Wohnung ein einziges großes Katzenklo. Flöhe bevölkerten die Räume und die Tiere, die selbst im Ofen auf einem Backblech gehaust hätten. „Alle Tiere waren unkastriert und in sehr schlechtem Versorgungs- und Gesundheitszustand, auch aufgrund der Inzuchtsituation“, berichtet Anja Stöckle.

Stoßen die Amtstierärzte, meist aufgrund eines Hinweises aus der Bevölkerung, auf Fälle von Animal Hoarding, werden die Tiere ins Tierheim gebracht, „mit dem wir sehr gut zusammenarbeiten“, erklärt Stöckle. Den Halter erwartet ein Tierhalteverbot und aufgrund des Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz eine Anzeige. „Bei uns im Landkreis haben wir derzeit etwa einmal im Jahr einen solchen Fall, Tendenz steigend“, berichtet Reinarz und betont: „Animal Hoarding wird meist eher als ein großstädtisches Problem gesehen, doch diese Fälle zeigen, das passiert auch bei uns in der unmittelbaren Nachbarschaft.“

2015 haben die Amtstierärzte bei rund 170 Tierschutzkontrollen etwa 65 Fälle von Verstößen gegen das Tierschutzgesetz festgestellt, bei denen im Zuge eines teils kostenpflichtigen Verwaltungsverfahrens Maßnahmen zur Verbesserung der Haltung angeordnet wurden. Bei knapp der Hälfte der Fälle wurden zusätzlich Ordnungswidrigkeitenverfahren eingeleitet, in deren Folge der Tierhalter ein Bußgeld zu bezahlen hat. „Das betrifft auch Fälle, in denen Tiere ausgesetzt oder beispielsweise bei einem Umzug zurückgelassen wurden – auch das ist verboten“, verdeutlicht Stöckle mit Nachdruck. Eine Ausnahme sei aber auch dies nicht – mehrmals jährlich haben die Amtstierärzte damit zu tun, deutlich höher ist die Dunkelziffer.

In besonders schweren Fällen, wenn ein Straftatbestand vorliegt – strafbar sind die Tötung von Wirbeltieren ohne vernünftigen Grund sowie die rohe und quälerische Misshandlung von Tieren, das heißt die vorsätzlich begangene Tierquälerei – wird zudem eine Strafanzeige gestellt.

In allen Fällen wird außerdem geprüft, ob die Tiere dem Halter entzogen werden können und ein Tierhalteverbot ausgesprochen werden kann.

Mit Verstößen gegen das Tierschutzgesetz, die zugleich einen Straftatbestand erfüllen, haben die Veterinäre des Landratsamtes derzeit zwei- bis dreimal im Jahr zu tun. Neben Animal Hoarding kommt auch die Quälerei von Tieren, um die sich die Halter „aus Unwissen, Unkenntnis oder Gleichgültigkeit nicht kümmern“, vor, erklärt Anja Stöckle, die schon grausame Fälle vorgefunden hat: Eingewachsene Ketten bei Rindern, zu lange, deformierte Hufe bei Pferden, ein Hund mit unbehandeltem Durchfall, der unter der Haut „bis zum Brustbein von Maden angefressen war“. Bei all diesen Fällen sind die Amtstierärzte auf Hinweise angewiesen, denn Tierquälerei geschieht gerade bei Haustieren meist hinter verschlossenen Türen.

Ausschreitungen gegen Veterinäre

Die Einhaltung des Tierschutzes zu kontrollieren und dabei auch solchen Hinweisen nachzugehen, ist neben der Vorbeugung und Bekämpfung von Tierseuchen und der Arzneimittelüberwachung bei Tieren, die der Lebensmittelgewinnung dienen, eine der Hauptaufgaben der Amtstierärzte. Kein leichter Job für die vier Veterinärinnen und Fachbereichsleiter Reinarz, die alle auch im Außendienst sowie auch abends oder am Wochenende unterwegs sind, denn Ausschreitungen gegen die Veterinäre nehmen zu.

„Alle Amtstierärzte haben schon erlebt, dass sie angeschrien, beleidigt, bedroht oder auch tätlich angegriffen wurden“, so Reinarz. „Ich bin dankbar für jede Kontrolle, bei der ich nicht aggressiv angegangen werde und bei der man sachlich über die Situation vor Ort sprechen kann“, ergänzt Anja Stöckle.

Doch das Bedrohungspotential nehme zu, weshalb Kontrollen zwischenzeitlich wenn möglich zu zweit gemacht werden. Nötigenfalls auch mit Unterstützung der Polizei. In Verbindung mit den Verhältnissen, in welchen die Tiere oftmals vorgefunden würden, sei dies schon belastend, erklärt die Amtstierärztin. Konnten aber wie etwa in Fällen von Animal Hoarding Tiere aus einer solchen Situation herausgeholt werden, überwiegen zumindest im Nachhinein doch wieder die positiven Gedanken: „In diesen Fällen bestärkt einen das Gefühl, die Tiere gerettet zu haben.“

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