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„My Fair Lady“ im Naturtheater: Das herrliche Debakel von Ascot

Im Naturtheater wird diesen Sommer das Musical „My fair lady“ gezeigt, das in einer sorgsamen und klugen Inszenierung spielerisch, sängerisch und auch tänzerisch überzeugt.

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Entzückend ordinär und schauerlich schmutzig“ sei Eliza, urteilt Prof. Higgins, nachdem er beschlossen hat, das Blumenmädel von Covent Garden zum Objekt seiner Brachialpädagogik zu machen. Higgins ist ein eingeschworener Hagestolz; und er möchte, auf geschlechtlose, doch angeblich wissenschaftlich fundierte Weise ein neues soziales Wesen zeugen. Sein eigenes Geschöpf.

Das ist der „Pygmalion“-Gedanke der Antike, den George Bernard Shaw aufgegriffen hat: Ein König schafft sich eine Statue, die ihn in seiner Schaffenslust so begeistert, dass er sich in sie verliebt.

Professor Higgins modelliert „My fair lady“, eine primär sprachlich determinierte High-Society-Lady. Nach einem Opernbesuch stößt der Oberschichts-Abkömmling auf die Unterschichtsgöre Eliza, die, so urteilt der ebenso hyperkritische wie unempathische Phonetiker, „ekelerregende Laute ausstößt“.

Sein Machomacherwahn ist aktiviert. Er könne das menschlich nicht adäquate „Ding“, dem Objekt seiner Zuwendung, nach sechs Monaten Sprachunterricht „als Herzogin ausgeben“, gar als „Königin von Saba“. Eliza erkürt er sich zum Geschöpf seines größenwahnsinnigen Gestaltungswillens. Oberst Pickering, der sich im Kolonialdienst mit dem Sanskrit beschäftigt hat, wettet dagegen. Also gilt's.

Gestalterischer Snobismus

England wird uns gerade, im Exekutieren des Brexit, ein wenig fremd. Und „My fair lady“ führt nun gar in ein ganz und gar vordemokratisches, elitäres und kolonialistisches Great Britain.

Das macht das Naturtheater optisch eindrucksvoll lebendig – nicht im eher unscheinbaren Bühnenbild, sondern personell: Gleich in der ersten Szene marschiert und läuft und joggt (im Frack!) das Volk auf die Bühne; und man erlebt die darüber schwebende High Society, das Opernhaus verlassen. High Snobiety pur wird dargeboten etwa beim (nicht nur hutmäßig oder choreografisch herrlichen) Derby von Ascot oder beim Botschafterempfang – gemessenen Ganges, hochnäsiger Mimik, in edler Gewandung. In dieser Schicht bewegen sich Higgins und Pickering.

Und man erlebt das einfache, paupere Volk, zu dem Eliza gehört und ihr Vater, der lustvoll schmarotzende Müllkutscher Alfred P. Doolittle.

Das Naturtheater sorgt für prachtvolle Bilder, für die, zu Recht, immer wieder spontaner Beifall aufkommt. Ascot (wo Eliza sprachlich immer wieder aus der zugedachten Rolle fällt und dem Galopper „Pfeffer in' Hintern“ blasen möchte) etwa kann dienen als exemplarischer Beleg für die ebenso intelligent wie sorgsam erarbeitete Inszenierung von Marita Kasischke und Petra Pfisterer, die mit ernsthafter Durchdringung des Stoffes und Einfallsreichtum im Detail für ein (netto) zweieinhalbstündiges szenisches Vergnügen ganz ohne Durchhänger sorgt. Allenfalls die sich mühsam zum guten Ende durchringende Schlussszene gerät ein wenig lang.

Unknickbar renitent

Die große Zuneigung der beiden Regisseurinnen gehört natürlich dem Blumenmädel Eliza, das sich mit seiner Objekthaftigkeit nicht abfinden mag und gegen Ende zur prinzipiellen Augenhöhe, zur menschlichen Akzeptanz durch den egomanischen Oberschichtsmacho hochgekämpft hat. „Nach Hause“ lauten die letzten Worte – ganz ähnlich übrigens wie beim anderen Naturtheaterstück, dem Zauberer von Oz“, oder bei dem ebenfalls sozial explorierenden E.T. Eliza hat eine neue Heimat gefunden, mühsam und schmerzensreich transformiert vom Objekt zum sozialen wie menschlichen Subjekt.

Kasischke und Pfisterer haben für eine flotte, lebendige, einfallsreiche und detailbegierige Inszenierung gesorgt, die das Publikum durchgehend bei guter Laune hält und für Lacher und Beifall sorgt.

Erkennbar intensiv wurde da mit allen Akteuren gearbeitet, den sprechenden, den singenden wie den hintergründig präsenten. Bei den Volksszenen gibt's keine Statik, gezeigt wird immer ein hochlebendiges, detailreich buntes Ganzes. Das ist ebenso durchdacht wie ausgefeilt.

Und das sprechende Personal, auch das eine Leistung, die man auch den Verantwortlichen gut schreiben kann, gefällt durchgehend und ausnahmslos. Zwei Akteure freilich sorgten bei der Premiere für besondere Highlights.

Da ist Ida Meinel als Eliza, die genauso gut proll kann wie, ja: fast schon königlich, wenn sie etwa mit Diadem und edler weißer Robe die dadurch zur Showtreppe geadelte Stiege herunterschreitet. Und sie kann auch schlicht menschlich – als Frau, die egomanisch gedankenlos zertrampelte Gefühle beklagt und ein Recht auf Empathie einfordert.

Meinel kann spielen, sie kann singen und tanzen – sie ist eine Akteurin von seltener Gestaltungs- und Überzeugungskraft. Nichts Amateurhaftes schimmert da mehr durch.

Gleichfalls überragend ist Andreas Warken als ihr Vater, der die Genese vom schmarotzenden Tunichtgut zum rentenmäßig abgesicherten moralfreien Philosoph („Moral? Den Luxus kann ich mir nicht erlauben!“) mitreißend verkörpert.

Szenische Pluspunkte

Auch alle anderen Rollen sind mit überzeugenden Spielern besetzt: Als Higgins gefällt Markus Kübler (der den Phonetikordinarius freilich nicht immer hundertprozentig hochsprachlich gibt) oder sein obristisch-kerniger und doch menschlich einfühlsamer Kompagnon Stephan Fritz.

Für weitere gehaltvolle Pluspunkte sorgen Renate Arnold als Higgins' Mutter und Ulrike Valentin als seine sich Widerworte trauende Haushälterin.

Spielerisch, aber auch gesanglich (verantwortlich: Benjamin Samul) sowie choreografisch (Katharina Schimmele) kann das Hauptstück '17 durchweg überzeugen, ja teils begeistern. Mag auch die Verständlichkeit des Gesungenen nicht immer ganz gewährleistet sein – das Publikum bekommt eine Inszenierung geboten, die rundweg zu gefallen weiß.

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