Partner der

"Die Ostalgie verstehe ich nicht"

Vor 25 Jahren fiel die innerdeutsche Mauer. Klaus-Ulrich Koch war einer der Ersten, der am 9. November 1989 den Grenzübergang Berlin-Friedrichstraße überquerte. Im Westen trank er einen Kaffee und kehrte später in seine Wohnung im Osten zurück. Heute ist er der Anzeigenleiter der Heidenheimer Zeitung. Hier teilt er seine Erinnerungen an die DDR mit uns.

|
Vorherige Inhalte
  • Bei der Jugendweihe gelobte Uli Koch der DDR seine Treue, so wie alle Gleichaltrigen. 1/3
    Bei der Jugendweihe gelobte Uli Koch der DDR seine Treue, so wie alle Gleichaltrigen. Foto: 
  • Unbeschwerte Kindheit als Sohn des Tierpark-Tierarztes, Uli Koch darf als Dreijähriger mit seinem älteren Bruder schon mal ein Raubtierbaby streicheln. 2/3
    Unbeschwerte Kindheit als Sohn des Tierpark-Tierarztes, Uli Koch darf als Dreijähriger mit seinem älteren Bruder schon mal ein Raubtierbaby streicheln. Foto: 
  • Klaus-Ulrich Koch, heute Anzeigenleiter Heidenheimer Zeitung 3/3
    Klaus-Ulrich Koch, heute Anzeigenleiter Heidenheimer Zeitung Foto: 
Nächste Inhalte

„Dass die DDR ein endliches Gebilde war, diese Idee hatte ich schon lange vor dem Mauerfall“, sagt Uli Koch. Er war Mitarbeiter des Verlags „Junge Welt“, die die damals größte deutschsprachige Jugendzeitung herausgab. Als Disponent bekam Koch freilich mit, wie Comics für fünf Ostmark produziert wurden, und dann im Westen für 50 Pfennig über den Ladentisch gingen. „Das ging einfach nicht auf.“

Koch betrachtet das Ende der DDR ziemlich nüchtern: „Dass die Leute auf die Straße gegangen sind, war wichtig und hat den Untergang der DDR erheblich beschleunigt. Der wirtschaftliche Zusammenbruch wäre aber auf jeden Fall gekommen.“

Koch war eigentlich nicht vom Willen getrieben, aus dem Osten zu fliehen. Dank Verwandtschaft im Westen war er einer der gut versorgten Berliner. „Jacobs-Kaffee und West-Jeans kannte ich.“ Einmal im Monat reiste der Bruder der Oma aus Westberlin an und brachte Diverses mit. „Wir waren nicht unterversorgt.“ Doch als freiheitsliebender Mensch war Koch an seine persönlichen Grenzen gestoßen. Sowohl was den beruflichen Aufstieg anging als auch Reisen in fremde Länder. Die meisten sozialistischen Bruderstaaten hatte er gesehen im Dienste seines Verlags. Doch weiter ging es eben nicht, ohne ein Parteibuch der SED schon gar nicht. Diese Unterschrift wiederum wollte Koch nicht leisten.

West-Jeans ja, aber keine Reisefreiheit

 

Koch war in einem unpolitischen bürgerlichen Umfeld aufgewachsen, seine Kindheit spielte sich mitten in Berlin ab, seine elterliche Wohnung befand sich direkt neben dem großen Tierpark Friedrichsfelde. Der Vater war Tierarzt an der Humboldt-Universität und im Kirchengemeinderat engagiert. Wohl mehr aus Pragmatismus war er Mitglied der SED-nahen Ost-CDU. Kochs Mutter war Sonderschullehrerin in Friedrichshain. Deshalb war für Koch die Konfirmation auch wichtiger fürs Erwachsenwerden als die in der DDR übliche Jugendweihe. Politische Diskussionen gab es in der Familie Koch nicht. Koch hatte dennoch zunächst den typischen DDR-Lebenslauf als Jungpionier und danach als Mitglied der FDJ. „Das war wie Pfadfinder mit politischer Ausrichtung. In erster Linie ging es aber darum, dort Leute zu treffen.“ Danach war für Koch Schluss mit politischen Organisationen.

Neben der Schule und einer klassischen Ausbildung im Fach Klarinette war Koch vor allem Fußballer. Unter anderem spielte er beim Köpenicker Club Union. Weniger begeistert war Koch davon, die Wochenenden auf einem Grundstück bei Strausberg verbringen zu müssen, weil der Vater jagen ging. „Sich mit Freunden in Berlin zu treffen, war spannender als mit dem Bruder durch den Wald zu laufen.“ Heute hat sich das umgekehrt: Koch liebt die Heidenheimer Ruhe und den Wald als Ort der Entspannung. Anders war es mit der anderen Leidenschaft seines Vaters: Als Tierarzt war er auch als Bahnarzt für die Pferde der Karlshorster Trabrennbahn zuständig, wo Koch später auch selbst Trabrennen fuhr.

Auf der Trabrennbahn ist Koch auch am 9. November 1989. Der 25-Jährige ist mit Bekannten da, es ist neblig. Auf dem Heimweg kehren sie in einem Karlshorster Club direkt an der dortigen S-Bahn-Station ein. Im Fernsehen laufen die DDR-Nachrichten. Übertragen wird die Pressekonferenz, bei der Günter Schabowski, Mitglied des SED-Politbüros und früherer Chefredakteur des Staatsblattes „Neues Deutschland“, die sofortige Öffnung der Mauer verkündete.

Typisch deutsch: Grenzöffnung nur mit Stempel

 

Die S-Bahn ist gleich neben der Kneipe. Innerhalb weniger Minuten ist Uli Koch mit den anderen unterwegs in Richtung Friedrichstraße. „Es war nicht der Frust, sondern die Lust“, erzählt Koch. 40 Minuten nach der Pressekonferenz steht er mit hunderten anderen am Grenzübergang, wo die Grenzbeamten ob ihrer Unwissenheit beschimpft werden. „Die hatten keine Instruktion und wussten nicht, was sie mit der unglaublichen Situation und der Menge tun sollten“. Es sei dann etwas typisch Deutsches passiert, erzählt Koch. „Jeder musste seinen Personalausweis zeigen und bekam einen Stempel. Dann konnte man die Grenze passieren“. Den Sinn des Stempels hat Koch nie verstanden, doch damals machte er sich schon Gedanken über die Konsequenzen. Bedeutete der Stempel nun, dass man nicht mehr in die DDR zurückkehren konnte? „Das hätte ja auch passieren können.“ Doch abgehalten hat das niemanden vom Spontanbesuch des Westens.

Viele der Ostberliner steuern den Kurfürstendamm an und feiern dort. Uli Koch will unbedingt die Gedächtniskirche und das Kaffee Kranzler sehen. Warum? Beide Gebäude hatte er immer im Westfernsehen gesehen – für ihn war es der Beweis, im Westen zu sein.

Berlin ist im Ausnahmezustand, es wird gefeiert, und Uli Koch feiert mit. „Ich sah mich auch gleich in der Marktwirtschaft angekommen“, erinnert er sich: An einer Bude wird Bratwurst für zwei West-Mark angeboten. Daneben steht auf einem Schild: „Für unsere Brüder für 20 Ostmark“. Eine D-Mark für zehn Ostmark waren der übliche inoffizielle Wechselkurs, aber sicher kein Freundschaftsangebot. „Da hat sich alles sehr schnell relativiert.“ In Neukölln trinkt Uli Koch mit anderen ein Bier und fährt dann mit der S-Bahn nach Hause. Gegen den Strom. „Ich war in die falsche Richtung unterwegs.“

Hell und bunt und gar nicht billig

 

Wie war der erste Eindruck vom Westen? Seiner Mutter hatte er am Tag darauf erzählt: „Es war furchtbar hell und bunt und hat anders gerochen.“ So sei es auch heute noch. Zwar erkennt man die Grenze nicht, doch fahre man die Straße des 17. Juni entlang, passierte Brandenburger Tor und Alexanderplatz und biege in die Karl-Marx-Allee ein, werde es selbst heute noch dunkler.

Uli Kochs endgültiger Weg in den Westen beginnt einen Tag nach dem Mauerfall. „Ich hatte alle Papiere zusammen und musste nur noch packen.“ Schon lange hatte er sich auf eine mögliche Flucht vorbereitet, freilich ohne sie je konkret geplant zu haben. „Seit ich 18 Jahre alt war, habe ich mit dem Gedanken gespielt. Ich wollte etwas sehen von der Welt“. Wie so viele seiner Landsleute trieb ihn dieser Wunsch nach Freiheit um, an deren Grenzen er in der DDR immer wieder gestoßen war.

Absurd: die Notaufnahme nahe der eigenen Wohnung

 

Am 10. November fährt Koch erneut über die Grenze und lässt sich im Notaufnahmelager Berlin Marienfelde als Flüchtling registrieren. Koch bekommt als deutscher Staatsbürger vorläufige Papiere ausgestellt und erhält eine Notunterkunft in der psychiatrischen Klinik Neukölln zugewiesen. Das Quartier gefiel ihm gar nicht. Also nahm er seinen Koffer und fuhr wieder zurück – in den Osten. „Meine Wohnung war ja nur eine halbe Stunde mit der S-Bahn entfernt“, lacht er.

Zwei Tage später geht es dann endgültig in den Westen. Da Berlin keine Flüchtlinge aufnimmt, entscheidet sich Koch für München. Dort kommt er bei einer Bekannten unter. Bei der „Abendzeitung“ bekommt er ein Praktikum, das aber mehr einem Job als Laufburschen ähnelt und für das es kein Geld gibt. Schnell entscheidet sich Koch, lieber zu seinem Bruder zu fahren, der bereits geflohen war. Und der lebt in Heidenheim. Dort hat ihn eine Familie aufgenommen, viele Monate, gratis, bis Kochs Bruder eine eigene Wohnung gefunden hatte. Ein prägendes Erlebnis nach einer Jugend, in der man Westdeutsche nur als egoistische Kapitalisten dargestellt hatte.

Sein Bruder war geflohen, Uli Koch selbst nicht. Noch heute sieht er das als Ironie des Schicksals. Inzwischen Freiberufler, wurde Koch plötzlich regelmäßig Reservist zur Nationalen Volksarmee eingezogen. Noch zwischen August und Ende Oktober 1989 musste Koch an die polnische Grenze und sammelte die Hinterlassenschaften seiner Landsleute ein, die heimlich das Land verlassen hatten. „Wir sammelten zurückgelassene Kinderwagen und Autos ein und in den Nachrichten hieß es, es sei nichts passiert, das fand ich sehr schräg.“ Dass sein Bruder unter den Flüchtlingen war, wusste Koch zu dieser Zeit nicht. Als er heimkam und davon erfuhr, dachte er sich. „Den siehst du nie wieder.“ Dass die Geschichte anders ausgehen sollte, ahnte damals niemand.

Die ersten Jahre im Westen war geprägt vom Reisen. Freitagmittag ins Auto und ab nach Italien oder sonst wo hin. Viele Länder hat er gesehen, die ihm vorher verwehrt waren. Er stillte erst einmal sein Fernweh.

Zwischen Fernweh und fehlendem Fahrer

 

Kochs berufliche Karriere verlief geradlinig. In Heidenheim angekommen hatte er innerhalb kurzer Zeit die Stelle bei der Heidenheimer Zeitung: wieder ein Verlag, allerdings etliche Nummern kleiner als vorher. Sein erster Termin in Steinheim bleibt ihm unvergessen, zumindest die Anfahrt. Koch fragte nach dem Fahrer, als Antwort nur Gelächter. In Berlin wurde man zu den Terminen gefahren, in Heidenheim bekam er einen Schlüssel für den Dienstwagen in die Hand gedrückt. Lenkradschloss? Kannte er nicht. Wieder lachen die Kollegen über den Berliner. In der DDR hatte Koch mit 18 Jahren seinen Trabant bestellt. Vor zwölf Jahren erhielt er die Nachricht, dass er ihn jetzt kaufen könne. „Die Deutschen sind halt ein Volk der Buchhalter und Archivare.“

Ein Archiv hat Koch aber dann noch interessiert: das der Stasi-Unterlagen. Den entlastenden Brief hat er bis heute aufgehoben: man habe „keine Hinweise auf vorhandene Unterlagen“ gefunden. „Das befreit von jeglichem Verdacht, mit der Stasi zusammen gearbeitet zu haben. Und es beweist, dass man seine Freunde gut gewählt hatte.“

Die DDR übernimmt den Westen? „Das wäre grausig geworden“

 

25 Jahre Heidenheim: Wie sehr drückt das Heimweh? Es hält sich in Grenzen. Regelmäßig besucht Koch seine Mutter in Berlin, trifft sich mit alten Bekannten, doch das war's auch. „Mir ist die Stadt zu groß“, sagt er und rechnet vor, dass er in Heidenheim jeden Tag eineinhalb Stunden Zeit einspart, die er in Berlin pendeln müsste. Das macht Jahre aus seit der Ausreise.

Wo die Grenze in Berlin verlief, kann Koch oft nicht mehr sagen. Allerdings erkennt er sehr wohl die Grenze in den Köpfen. In Heidenheim weniger, eher noch in Berlin. „Die Mauer wird auch 40 Jahre danach nicht aus den Köpfen sein“, fürchtet Koch. „Ich kann nicht sagen, dass ich schlechte Jahre in der DDR hatte, doch die Ostalgie verstehe ich nicht“. Was wäre denn, wenn die Sache anders ausgegangen wäre? Koch rät jedem, sich das einmal vorzustellen. Also der Osten hätte den Westen übernommen: „Das wäre ganz schön grausig geworden.“

Lesen Sie jetzt die eZeitung schon ab 0,99 € / Monat
Die digitale 1:1-Ausgabe der Heidenheimer Zeitung steht Ihnen ab 4 Uhr morgens mit allen Nachrichten der Region zur Verfügung. » zum Angebot

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Partner der

Mann in verrauchter Wohnung von Feuerwehr geweckt

Glück im Unglück hatte ein Mann aus Herbrechtingen in der Nacht auf Montag. weiter lesen