Musikgärten vermitteln erste musikalische Erfahrungen

Langzeitstudien bestätigen: Musik fördert die Entwicklung von Kindern. Alle sechs kommunalen Musikschulen des Landkreises und einige private Musikschulen bieten spezielle Eltern-Kind-Kurse für den ersten Kontakt mit der Musik.

Die bunten Tücher werden wieder eingesammelt. Daniela Nürnberger holt ein Körbchen mit farbigen Kugeln aus dem Schrank. Fünf kleine Kinder zwischen eineinhalb und vier Jahren laufen erfreut auf die 32-jährige Musikpädagogin zu, um die Kugeln in Empfang zu nehmen. Nach dem tänzerischen Teil mit Tüchern folgt jetzt im Sitzen die nächste Einheit: gemeinsames Musizieren und Singen der Eltern mit den Kindern. Dazu wird mit einem „Rhythmus-Ei“ der Takt geklopft.

Mit Begeisterung sind die Kinder bei der Sache, keiner der kleinen Teilnehmer am Musikgarten ist im Vorschulalter. Manch ein Kind ist sogar noch deutlich jünger. Der Freude an der Verknüpfung von spielerischen, tänzerischen und musikalischen Elementen tut das aber keinen Abbruch. Das Beste daran: Die Eltern sind auch immer mit dabei, musizieren gemeinsam mit den Kindern. Und profitieren selbst davon: „Viele Mamas denken ja, sie könnten nicht singen. Die Väter selbstverständlich auch. Die Eltern lernen wieder, auch zu Hause mit den Kleinen zu singen“, sagt Annette Elsenhans, Leiterin des Musikgartens in Steinheim. „Es ist ja heute sogar oftmals so, dass junge Mütter mit ihren Kindern singen wollen, die Lieder aber oft nicht mehr kennen. Das, was sie hier im Musikgarten lernen, können sie nach Hause tragen – und mit den Kindern singen und tanzen.“

Während die Kinder also ihre ersten Erfahrungen mit der Musik machen, bedeutet das für deren Mütter und Väter eine Orientierung für den Umgang mit der Musik zu Hause: „Die Eltern sollen auch dort Spaß mit den Kindern haben“, erklärt Elsenhans.

Welchen praktischen Nutzen hat das Ganze aber für die kleinen Musiker? „Die große Überschrift über dem ,Musikgarten‘ lautet: Kinder kommen in der Musik an. Und dann soll es ein Anstoß für Eltern sein, mit den Kleinen Musik zu machen“, bestätigt ihre Giengener Kollegin Daniela Nürnberger. Anders als in der musikalischen Früherziehung könnten die Kinder immer bei den Eltern sein.

Verschiedene Langzeitstudien bestätigen in gewisser Regelmäßigkeit: Musik fördert die Entwicklung von Kindern. Kinder, die Musik machen, seien sozialer, kreativer und intelligenter als ihre Altersgenossen. Das behauptet der Musikpädagoge Hans-Günther Bastian in einer Studie von 2001: Demnach würden durch „das Lernen eines Instruments, Musizieren im Ensemble und Musikunterricht die kognitiven, kreativen, ästhetischen, musikalischen, sozialen und psychomotorischen Fähigkeiten von Kindern beeinflusst und gefördert“.

Annette Elsenhans kann diese Beobachtungen bestätigen – und greift einen Aspekt besonders heraus: Sie könne regelmäßig beobachten, wie intensiv soziale Strukturen geschaffen und typische kindliche Verhaltensweisen durch das frühe gemeinsame Musizieren gefördert werden. „Der soziale Aspekt ist dabei echt erstaunlich.“ Zudem würden Kinder mit zunehmendem Alter selbst aktiv. „Dann haben sie auch Spaß daran, mit Schlaginstrumenten, Rasseln, Triangeln und anderen Instrumenten Klänge erzeugen.“

Deshalb umfasst das Konzept nicht nur das gemeinsame Singen und Musizieren der Eltern mit ihren Kindern. Auch Fingerspiele, der Kniereiter („Hoppe Hoppe Reiter“) sorgen für viel Begeisterung bei den Kleinsten. „Es geht um das Verknüpfen der Musik mit Spiel, Bewegung und Sprache“, erklärt Daniela Nürnberger. Die Giengener Musikgarten-Leiterin, selber Mutter einer vierjährigen Tochter, wählt vorzugsweise leicht lernbare Lieder, um die Kinder auf die wichtigsten Grundtöne hinzuführen: „Die Kinder sollen den Grundrhythmus des Liedes spüren, die Akkorde, um den Grundschlag zu verinnerlichen.“ Nicht nur diene dies der Sprachentwicklung, sondern auch der Motorik, dem Gespür fürs Singen – und dem Sozialverhalten.

In Steinheim nehmen 70 Kinder in sechs Gruppen am Musikgarten teil, in Giengen 33. Zusätzlich bietet die Giengener Musikschule an fünf Kindergärten der Stadt für 160 Kinder das Programm „Singen, Bewegen, Sprechen“ an.

„Hier macht sich aber bereits der Geburtenrückgang bemerkbar“, sagt Marion Zenker, seit Januar 2009 Leiterin der Städtischen Musikschule Giengen. Es gebe weniger Anmeldungen. Das hänge aber auch damit zusammen, dass viele Kinder nicht das Programm „Singen, Bewegen, Sprechen“ und die musikalischen Früherziehungsprogramme der Musikschulen gleichzeitig nutzen. Auch an der Heidenheimer Musikschule wird auf die frühkindliche Förderung im Rahmen der Musik viel Wert gelegt – dort aber nicht mit dem „Musikgarten“. Die Eltern-Kind-Gruppe „Euline Klimperbein“ richtet sich an Kinder ab zwei Jahren – und selbstverständlich deren Eltern. „Ich persönlich halte das für ein wertvolles Angebot. Hier können Väter und Mütter“, sagt Birgit Schmitz-Rode, die Leiterin der Kurse.

Das Beisein der Eltern sei auch der wesentliche Punkt des Ganzen: „Deshalb muss man unbedingt auch die Eltern dafür begeistern. Denn die Kinder schauen vor allem von ihren Eltern ab, wie man gemeinsam musiziert“, so Schmitz-Rode weiter. Wichtig sei deshalb vor allem, dass bei allen Kurseinheiten das Spielerische nicht zu kurz komme. Also ähnlich wie beim Musikgarten. „Das ist das Hauptlernfeld, da wird viel mit Emotionen gearbeitet. Das Beste daran: Alles, was mit Emotionen aufgesetzt wird, setzt sich langfristig fest.“

Gespielt wird mit verschiedenen Materialien, das Basteln verschiedener „Klangerzeuger“ ist wesentlicher Bestandteil der Kurse: Tücher, Klangkugeln, diverse Papierarten: „Passend zum Winter wird dann etwa aus Butterbrotpapier ein Schneeball geformt.“ Mit einem Tuch wird dann auch noch „Schnee“ hochgeschleudert – und rieselt auf die Kinder herab. „Zum Schluss wird, wie sich das gehört, der ,Schnee‘ auch wieder weggeschippt.“

Die Verbindung aus Spiel, Tanz und Musik ermögliche es den Kindern, völlig neue Klangerfahrungen zu machen. Wichtig sei bei den Kleinsten, dass sie genau hinhören: „Bei Euline Klimperbein sind kleine Klanggeschichten auf den Satzbau abgestimmt. Das ist der wesentliche Einstieg in das Thema.“ Es reiche völlig, wenn bei der musikalischen Arbeit mit Kindern in den elementaren Bereichen nur zwei Töne angespielt würden. „Man kann auch immer denselben Ton anschlagen.“

Deshalb verzichtet die Musikpädagogin bewusst auf die Arbeit mit Tonträgern. „Musik hören vom Tonträger ist für Kinder nicht fassbar. Wenn man aber auf etwas draufhauen darf und es kommt ein Ton raus, dann prägt das: Musik ist eben mehr als nur der richtige Ton zur richtigen Zeit.“


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Autor: Mathias Ostertag | 22.02.2012

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