Partner der

Erfahrungen eines DNA-Verweigerers

So schnell kann's gehen. Nur weil er im Juni 2010 an der Trauerfeier für Maria Bögerl teilgenommen hatte, geriet ein Heidenheimer Geschäftsmann ins Visier der Ermittler. Und ist sogar als Beschuldigter aktenkundig geworden.

ERWIN BACHMANN | 7 Meinungen

Das subjektive Empfinden des Betroffenen lässt sich in wenige Worte fassen. Selbst aus einigem zeitlichen Abstand heraus findet er es „unfassbar, einfach unglaublich“, was da am Rande des Ermittlungsverfahrens im Entführungs- und Mordfall Bögerl mit ihm geschehen ist. Und was zum Verlust eines bis dato nicht weiter in Frage gestellten Glaubens an die Kompetenz polizeilicher Ermittlungsarbeit geführt hat. „Das Ganze signalisiert doch pure Hilflosigkeit.“

Die sich am objektiven Hergang orientierende Chronologie der Ereignisse beginnt an jenem Tag im Juni vor zwei Jahren, als der Geschäftsmann an der Trauerfeier für Maria Bögerl teilnimmt. Die Familie des Opfers kennt er nur vom Sehen her, eine persönliche Bekanntschaft besteht nicht, doch will der Heidenheimer – wie viele andere an diesem Abend – der öffentlichen Feier beiwohnen und so seine Anteilnahme ausdrücken.

Der Mann streicht gerade Fenster, als zwei Monate später völlig überraschend zwei Polizeibeamte vor ihm stehen. Sie sind hier, weil während der Trauerfeier sein Auto vor der Dreifaltigkeitskirche geparkt war, fragen ihn unvermittelt nach einem Alibi für den Tag der Entführung Maria Bögerls und bitten um eine freiwillige Speichelprobe. Auf Anhieb kann sich der selbstständige Kaufmann nicht erinnern, wo er am Tattag war. Und für einen DNA-Test sieht er keinerlei Anlass, will ihn auch wegen grundsätzlicher Bedenken, im Zusammenhang mit einem Mordfall in irgendeiner Datenbank zu landen, nicht vornehmen lassen.

Die Furcht, über einen DNA-Abgleich als völlig Unbeteiligter in den Dunstkreis eines Kapitalverbrechens zu geraten, sieht sich bald schon von der Wirklichkeit überholt. Was der Unternehmer nicht weiß: Die Polizei lässt nicht locker, leuchtet sein privates und geschäftliches Umfeld aus, holt sich von überall her Antworten auf Fragen, ohne den jetzt plötzlich in einem Tatverdacht stehenden Mann jemals einzubeziehen. Anstatt noch einmal bei ihm selbst nach einem Alibi zu fragen, das später ohne weiteres nachzuweisen ist, basteln sich die Ermittler ihr ganz eigenes Bild, das die Staatsanwaltschaft Ellwangen dann veranlasst, beim zuständigen Ermittlungsrichter des Amtsgerichts Ellwangen am 11. Juni 2012 – zwei Jahre danach – einen Beschluss zu erwirken.

Darin wird angeordnet, dass der Heidenheimer wegen „Verdachts der Beteiligung an einem Verbrechen des erpresserischen Menschenraubs u. a.“ ohne vorherige Anhörung eine Speichelprobe abzugeben hat. In der Begründung wird der Verdächtige dann bereits Beschuldigter genannt und vernimmt mit einer Mischung von Erstaunen und Erschrecken, welchen Umfang die gegen ihn insgeheim betriebenen Ermittlungen angenommen haben und auf welchen Indizien die Verdachtsmomente aufgebaut sind. So haben die Kriminalisten nicht nur reihenweise Telefonverbindungen rekonstruiert, Gesprächszeiten und -dauer notiert und Anschlussnummern herausgefunden, sondern auch den finanziellen Hintergrund des Geschäftsmannes auszuleuchten versucht.

Das alles hat Konsequenzen. So wird ihm angelastet, dass er am Tattag im Funkzellenbereich des späteren Leichenfundorts über sein Handy ein Gespräch geführt hat: Wohl mit seiner zu diesem Zeitpunkt in Nattheim weilenden Frau, wie sich später herausstellt. Des weiteren werden Gesamtverbindlichkeiten des Beschuldigten in Millionenhöhe aufgeführt: Wobei vergessen wird, auch das die Schulden weit übersteigende Vermögen des Kaufmanns zu eruieren. Zu seinen Lasten wird ferner ermittelt, dass er bereits wegen Körperverletzungsdelikten in Erscheinung getreten ist: Unerwähnt bleibt, dass diesem im Kontext eines Mordfalles schwer wiegenden Vorwurf eine Rempelei in einem Fußballstadion zugrunde liegt.

Als weiterer Beweis gilt der Einsatz von Mantrailerhunden, die auf eine menschliche Individualspur angesetzt werden und in der Nähe seines Geschäftsgebäudes „angezeigt“ haben: Ein Indiz, das die Ermittler jedoch selbst auf den Kopf stellen, weil sie nicht ausschließen können, dass der verdächtige Geruch auch durch die Zwangsentlüftung eines gerade auf der nahen Bahnlinie vorbeifahrenden Zuges verursacht worden ist.

Alles viel zu einfach gestrickt, urteilt der Anwalt des so plötzlich in die Nähe eines Kapitalverbrechens gerückten Bürgers angesichts eines Sachverhalts, der die Vermutung nahelegt, dass seinerzeit alle Besucher der Bögerl-Trauerfeier unter die Lupe genommen worden sind. Polizeilicherseits wird weder dazu noch zum geschilderten Ermittlungsverfahren etwas gesagt, das die Staatsanwaltschaft dann im Juli dieses Jahres eingestellt hat – zumal die Untersuchung der verdächtigen DNA keine Übereinstimmung mit dem vorliegenden Tätermaterial ergab.

So hat denn der Rechtsanwalt das letzte Wort. Und das fällt deutlich aus. In einer im Juni 2012 gegen den Beschluss des Ermittlungsrichters eingelegten Beschwerde spricht er von einer absurden, gar rechtswidrigen Anordnung, nennt die Ermittlungen schlampig und oberflächlich und kommt unter Berücksichtigung der Gesamtumstände zu einem verheerenden Eindruck: dass nämlich die Ermittlungen im Mordfall selbst völlig aus dem Ruder gelaufen sind, mithin keinerlei weiterführenden Ermittlungsergebnisse vorliegen.

Kommentieren

7 Kommentare

22.02.2013 01:02 Uhr

Warum will man den Mörder nicht finden

War der Mörder ein Polizist?

Antworten Kommentar melden lädt ... nicht eingeloggt Gefällt mir noch nicht bewertet Gefällt mir nicht mehr schon bewertet ()

20.12.2012 12:21 Uhr

Differenziertheit ..

.. auch hier ist - Differenziertheit - bitter nötig -
sicherlich wird man die Situation für den Betroffenen verstehen,
wenn man bedenkt, dass es Jedem derart passieren kann ??!! .

Antworten Kommentar melden lädt ... nicht eingeloggt Gefällt mir noch nicht bewertet Gefällt mir nicht mehr schon bewertet ()

27.09.2012 08:59 Uhr

Die Ellwanger Justiz ist doch seit ca 10 Jahren für Ihre "hervorragende" Arbeit bekannt

Sie gerät immer wieder in die Schlagzeilen. Offensichtlich hat man dort die absoluten Helden konzentriert untergebracht. ( der Ziegenstall-Skandal und viele andere Prozesse lassen grüssen )

Antworten Kommentar melden lädt ... nicht eingeloggt Gefällt mir noch nicht bewertet Gefällt mir nicht mehr schon bewertet ()

25.09.2012 13:23 Uhr

unfähig

Der Fisch fängt bekanntlich vom Kopf her zu stinken an.

Antworten Kommentar melden lädt ... nicht eingeloggt Gefällt mir noch nicht bewertet Gefällt mir nicht mehr schon bewertet ()

25.09.2012 01:00 Uhr

man hat das gefühl dass der/die täter gar nicht gefasst werden sollen

man hat das gefühl dass der/die täter gar nicht gefasst werden sollen. und den zopfmann hat man auch noch nicht zwinkern
und am ende hat der herr klaus f. auf http://www.finanzzeug.de sogar noch recht...

Antworten Kommentar melden lädt ... nicht eingeloggt Gefällt mir noch nicht bewertet Gefällt mir nicht mehr schon bewertet ()

24.09.2012 10:44 Uhr

Mit solchen Aktionen verdeutlicht die Ermittlungsgruppe "Flagge"

aus vollkommener Unfähigkeit heraus resultierente Hilflosigkeit. Mir fallen für diese Truppe passendere Namen ein, aber die möchte ich aus Höflichkeit nicht nennen. Da muss schon ein Kommisar seltsamer Zufall helfen um den Fall überhaupt noch aufzuklären. Es sei den der unwahrscheinliche Fall der Reue des Täters sich zu stellen, trifft noch ein.

Antworten Kommentar melden lädt ... nicht eingeloggt Gefällt mir noch nicht bewertet Gefällt mir nicht mehr schon bewertet ()

24.09.2012 09:53 Uhr

Spitzelstaat???

So ein Vorgehen erschüttert den Glauben in die Polizei, aber man kennt dieses Vorgehen von anderen Beschreibung. Wenn keine Beweise vorliegen, wird sich etwas zusammen gereimt.

Ein trauriges Bild der deutschen Rechtspflege. Vor diesem Hintergund ist zu verstehen, dass der Geschäftsmann keine DNS-Probe abgeben wollte. Das würde ich mir nach diesem Bericht auch überlegen.

Antworten Kommentar melden lädt ... nicht eingeloggt Gefällt mir noch nicht bewertet Gefällt mir nicht mehr schon bewertet ()

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

Themenschwerpunkt

Der Mordfall Bögerl

Der Mordfall Bögerl

Der Fall bleibt mysteriös: Zahlreiche Spuren hat die Soko "Flagge" seit dem Heidenheimer Mordfall an Maria Bögerl verfolgt. Doch die richtige war bisher nicht dabei.

mehr zum Thema

Zum Schluss

Warum man mit Energiesparlampen ...

Die modernen Glühlampen sind gut für die Umwelt, weil sie Energie sparen, aber schwierig zum Entsorgen.

Energiesparlampen schonen das Klima, weil sie viel weniger Strom verbrauchen als die alten Glühbirnen. Doch wenn sie zerbrechen, ist Vorsicht angesagt – vor allem, wenn sie Quecksilber enthalten. mehr

Kotzhügel und Zaun: Botschaften ...

Das Tanzen auf den Tischen ist nicht erlaubt. Foto: Felix Hörhager

Der Besuch des Oktoberfestes kann ein großes Abenteuer sein. Damit alles glatt geht, geben einige Botschaften ihren Landsleuten nützlich Ratschläge an die Hand. mehr

Studie: Meiste Reiche leben in ...

Weltweit gibt es immer mehr Millionäre. Auch in Deutschland steigt die Zahl der Reichen. Das geht aus einer Studie des Beratungsunternehmens Capgemini hervor. mehr