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Eine Stadt gegen Hitler - Film ab Freitag im Kino

„Widerstand ist Pflicht“: Der gebürtige Schnaitheimer Karl Stefan Röser arbeitete an sehenswertem Film mit. Demnächst kann man den Film im Kino sehen.

Christian Nick |

Es sollte das Fanal gegen die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler sein: Unmittelbar nachdem Paul von Hindenburg dem Demagogen die Staatsführung übereignet hatte, rief die Kommunistische Partei zu einem reichsweiten „Massenstreik“ auf. Der verzweifelte Appell verhallte nahezu ungehört.

Nur in der kleinen, seinerzeit von der Textilindustrie geprägten Stadt Mössingen bei Tübingen traten über 600 Werktätige an, um mit der kollektiven Arbeitsverweigerung die „Machtergreifung“ zu revidieren. Der Versuch misslang – die Schutzpolizei zerschlug am 31. Januar 1933 letztlich den Demonstrationszug im „roten Mössingen“, 77 Menschen wurden – von der noch nicht gleichgeschalteten Justiz – wegen Landfriedensbruchs verurteilt.

Wie diese in den württembergischen Gefängnissen verschwanden, verschwand auch der deutschlandweit einzige Versuch, die braune Usurpation des Staates mittels einer konzertierten Aktion zu verhindern, bald aus dem kollektiven Gedächtnis: Wie alle mehrheitlich von Kommunisten getragenen Widerstandshandlungen hatte er es in der bundesrepublikanischen Erinnerungskultur zu Zeiten der deutschen Teilung schwer. Erst nach fast einem halben Jahrhundert besann man sich wieder des Mössinger Generalstreiks – der gleichwohl auch heute noch der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung gänzlich unbekannt ist.

Anlässlich dessen 80. Jahrestages wollte die Stuttgarter Regisseurin Katharina Thoms, Freundin des Filmemachers und gebürtigen Schnaitheimers Karl Stefan Röser, im Jahr 2013 eigentlich nur ein kürzeres Feature für das Radio produzieren.

Dann erfuhr sie von einem ambitionierten Projekt: Das „Theater Lindenhof“ im 1000-Seelen-Dorf Melchingen auf der Schwäbischen Alb, unweit von Mössingen, wollte mit über 100 Laiendarstellern und 40 Musikern unter dem Titel „Ein Dorf im Widerstand“ ein Mammutprojekt stemmen – und mit einem von Franz Xaver Ott geschriebenen Stück an den lange tabuisierten Aufstand erinnern.

In ihren Reihen spielte mit Andrea Ayen auch die Tochter eines Anführers der Widerständler von damals, für die die Theaterproben gleichsam zur Reise in die eigene familiäre Vergangenheit wurden.

Thoms war „sofort angefixt vom Thema“ – wie auch ihr Freund Röser. Schnell war die Idee geboren: Ein Film sollte das Theaterprojekt begleiten – und über den Fokus auf die Protagonistin Andrea Ayen sowohl einerseits deren psychische Entwicklung bei der dramaturgischen Konfrontation mit den Erfahrungen des Vaters, als auch die mannigfaltigen Schwierigkeiten bei der Inszenierung beleuchten. Und – nicht zuletzt – will die beobachtende Dokumentation, die sich über O-Töne trägt, den Rezipienten auch den historischen Komplex selbst näherbringen.

Rund sechs Monate hat die Filmemacherin mit ihrem Team – Karl Stefan Röser wirkte als einer der Kameraleute mit – Andrea Ayen und das von Philipp Becker inszenierte Theaterstück „Ein Dorf im Widerstand“ begleitet – bis zu dessen Uraufführung.

Dabei zeigten sich durchaus Analogien: Wie der Mössinger Streik und dessen Akteure es bis heute noch schwer haben, ihre gerechte Würdigung zu erfahren, so mussten auch die Theatermacher und Laiendarsteller gegen allerhand Widrigkeiten ankämpfen, um das Stück letztlich auf die Bühne zu bringen, berichtet Röser.

Fehlende Gelder, Frieren aufgrund defizitärer Heizung in der Halle am historischen Ort in Mössingen, wo einst der Ausstand seinen Anfang genommen hatte, und Zeitdruck aufgrund des unwillkürlich nahenden Premierentermins: Thoms‘ in Eigenregie produzierter und auch weitestgehend selbst finanzierter Film dokumentiert gleichsam Höhe- wie Tiefpunkte des unter Schirmherrschaft von Ministerpräsident Winfried Kretschmann inszenierten dramatischen Riesenprojekts, das 2013 ganze 25 Mal vor vollem Haus aufgeführt wurde – und aufgrund des Erfolgs im Jahr darauf erneut zu sehen war.

Gleichermaßen Erfolg hat bereits jetzt auch der Streifen über das Theaterprojekt: Er feierte am 31. Januar dieses Jahres, dem 82. Jahrestag des Generalstreiks, seine Premiere in den Mössinger Lichtspielen – und tourt seitdem durch Programmkinos in Baden-Württemberg, Hessen und Berlin: In der wichtigen Mission, an den Protest einer Stadt gegen die aufkeimende Katastrophe des Faschismus zu erinnern, die nicht unaufhaltsam war – hätte es mehr „Mössingens“ gegeben.

Der Film „Widerstand ist Pflicht“ läuft an folgenden Terminen im Ulmer Kino Mephisto: Freitag, 22. Mai, 15.15 Uhr; Sonntag, 24. Mai, 15.30 Uhr; Montag, 25. Mai, 17.45 Uhr sowie am Dienstag, 26. Mai, um 17.45 Uhr.

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