Der Mann, der Schloss Hellenstein wachküsste, ist 95

Nein, niemand ist über den Tiger vor dem Kamin gestolpert. Und das Dinner im Anschluss gab's nicht für one, sondern schon für einige. Es war ja auch kein 90. Geburtstag, den es am Freitag zu feiern galt, sondern der 95. Und beim Geburtstagskind handelte es sich um keinen Geringeren als den Erfinder der Heidenheimer Opernfestspiele: Helmut Weigel.

Der war am frühen Morgen in alter Frische aus Rothenburg ob der Tauber an die Brenz gereist und im Heidenheimer Rathaus nicht nur vom dortigen Hausherrn, Oberbürgermeister Bernhard Ilg, in Empfang genommen worden, sondern auch vom Oberhaupt seiner Heimatstadt, Rothenburgs OB Walter Hartl, der Weigel nach Heidenheim gewissermaßen vorausgereist war, sowie von zahlreichen Familienmitgliedern, Freunden und langjährigen Weggefährten.

Und selbstverständlich wurde man bei einer solchen Gelegenheit zunächst einmal vor allem musikalisch: Das Heidenheimer Bläserensemble unter der Leitung von Reinhard Mosch, der noch zu Weigels Heidenheimer Zeiten unter diesem, wenn man so will, gedient hatte, eröffnete den Festtag mit einer funkelnden Fanfare.

Heidenheims Oberbürgermeister Bernhard Ilg wünschte gleich zu Beginn seiner Laudatio dem Jubilar nicht nur „viele weitere gute Jahre“, sondern konstatierte im Hinblick auf die bereits absolvierten Jahre auch: „Die sieht Ihnen wirklich kein Mensch an.“

Ilg würdigte im Anschluss Helmut Weigel als einen Menschen, der sich nirgends auf seinen vielen Stationen, ob nun in Rothenburg, München, Radolfzell oder sonstwo, bequem eingerichtet habe, sondern den immer Dynamik und auch der Wille zur Veränderung ausgezeichnet hätten. Nur dank dieser Eigenschaften habe Weigel letztlich während seiner 20 Jahre als städtischer Musikdirektor in Heidenheim von 1964 bis 1984 unendlich viel anstoßen und bewirken und das kulturelle Leben der Stadt entscheidend mitprägen können. Dass sich Heidenheim heute nicht nur Festspielstadt nennen könne, sondern dieser Begriff auch mit Bedeutung und Leben erfüllt werde, „diesen Weg haben Sie uns gewiesen und dafür haben Sie die Wurzeln gelegt“.

Und Bernhard Ilg übertrieb sicherlich nicht, wenn er das Augenmerk auch darauf richtete, dass erst ein Helmut Weigel kommen musste, damit geschehen konnte, was heute so selbstverständlich ist, dass nämlich das Schloss Hellenstein ob Heidenheim nicht nur ein Ort der Betrachtung ist, sondern einer, der im Sommer vor musikalischem Leben vibriert. „Der Heidenheimer als solcher betrachtete und betrachtet freudig und gern sein Schloss, Sie aber haben seinerzeit schnell begriffen, dass man dessen Bedeutung und Funktion noch wesentlich erhöhen kann, indem man es nutzt und mit Leben füllt.“ Und so habe Helmut Weigel, ergänzte Ilg, den Grundstein dafür gelegt, was insbesondere auch in den vergangenen Jahren auf dem Schlossberg entstanden sei; ein zentraler Ort der Begegnung, der beileibe nicht mehr nur als schnelle Verkehrsverbindung von einem Teil der Stadt in den anderen genutzt werde.

Ehe das Rothenburger Stadtoberhaupt Walter Hartl das Wort ergriff, erklang aus der Konserve Helmut Weigels opus 37, die „Toppler“-Fanfare, die an einen berühmten Amtsvorgänger Hartls erinnert, der im Spätmittelalter wirkte und es 1989 immerhin auch zum Helden eines hochspannenden, unbedingt lesenswerten Romans gebracht hat.

Auch Walter Hartl charakterisierte den in Schrobenhausen geborenen Helmut Weigel als „Impulsgeber und Vorbild für viele“, dem Rothenburg sehr viel zu verdanken habe. „Und deshalb gehe ich auch gerne mit Ihrem Beispiel hausieren, wenn in Zeiten unsicherer Finanzlagen wieder die Diskussion darüber geführt wird, ob überhaupt oder zumindest in welchem Umfang man sich Kultur leisten solle.“ Rothenburg, aber auch Heidenheim hätten dank Helmut Weigel erfahren, wie wichtig Kultur auch für die Wohn- und Lebensqualität in einer Stadt sei. Und angesichts der Vitalität des Geburtstagskindes und der damit einhergehenden Vermutung, dass Musik anscheinend jung halte, überkam Hartl dann sogar ein wenig Bangigkeit: „Ich spiele kein Instrument, ich kann nicht singen, vielleicht sollte ich doch ganz schnell bei Ihnen mit ein wenig Unterricht beginnen.“

Anschließend konnte man sich via CD noch einmal von der dirigentischen Verve des Helmut Weigel überzeugen, denn auf dem Plattenteller drehte sich der vom Geburtstagskind vor geraumer Zeit mit den Nürnberger Symphonikern eingespielte erste Satz aus Dvoøáks „Neunter“, der „Aus der Neuen Welt“. Wobei auch der dritte eine gute Wahl gewesen wäre, wo es bekanntlich allegro und con fuoco zugeht, was durchaus auch heute noch Weigels Temperament entspricht.

Das Geburtstagskind selber erinnerte anschließend an einige Sternstunden seines Heidenheimer Wirkens, wobei er auch nochmals daran gemahnte, wie ihn schon im Januar 1964 einer seiner ersten Wege hinauf in den Rittersaal geführt habe und wo er spontan zu seiner Frau gesagt habe: „Hier muss etwas Besonderes geschehen.“ Und auch daran, dass sich selbst ein Hanns Voith in Heidenheim und dessen Möglichkeiten täuschen konnte, daran erinnerte sich Weigel. Voith hatte angesichts des Eifers des neuen Musikdirektors diesen seinerzeit gefragt, ob er wirklich glaube, hier mehr erreichen zu können als ab und zu eine Leichte Kavallerie in den Bahnhofsanlagen? Schließlich dankte Weigel in seiner ihm eigenen Art „meinem Schöpfer dafür, dass er mich den langen Weg bis hierher einigermaßen aufrecht hat gehen lassen“.

Dann noch etwas Musik, ehe die Sektkorken knallten – und ab ging's hinauf auf den Schlossberg und vorbei am Rittersaal in die Schlosswirtschaft im Schlosshotel, wo Helmut Weigel zu Tisch bat und wo, dies zu seiner großen Überraschung, das Städtische Blasorchester ein paar der 80 Weigel'schen Kompositionen intonierte.

Spätestens am 6. Juli will Helmut Weigel wieder nach Heidenheim kommen. Dann wird's allerdings der Kunst gelten und der Premiere von George Bizets „Carmen“ bei den Opernfestspielen.


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