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Hilde Holzinger steht sterbenden Menschen zur Seite

Der Tod ist ein Tabuthema. Immer noch. Hilde Holzinger setzt sich ehrenamtlich mit dem Sterben auseinander. Denn sie begleitet Menschen, die am Ende ihres Lebens stehen.

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Hilde Holzinger ist Sterbebegleiterin – auch das Abschiednehmen am Friedhof gehört dazu.  Foto: 

Habe ich alles richtig gemacht? Was passiert mit mir, mit meiner Seele? Werde ich meine Angehörigen je wieder sehen? Am Ende des Lebens stehen viele Fragen. Es ist ein Abschnitt voller Ungewissheit. Die Angst ein ständiger Begleiter.

Dass dies viele Menschenüberfordert, ist verständlich. Hilde Holzinger will helfen. Sie begleitet Menschen, die dem Tod nahe stehen sowie deren Angehörige. Sie ist Sterbebegleiterin und bei der Giengener Hospizgruppe engagiert.

Warum sie das macht, warum, sie sich freiwillig mit dem Tabuthema Tod auseinandersetzt, warum sie sich ehrenamtlich mit Leid konfrontiert?„Ich weiß irgendwie, dass es meins ist“, sagt sie.„Mir ist es einfach wichtig, dass die Zeit des Sterbens würdevoll erlebbar gemacht wird.“ Die Worte glaubt man ihr gern.

Hilde Holzinger, die aus der Bopfinger Gegend stammt und seit 25 Jahren in Giengen lebt, kamüber ihren Beruf zur Hospizgruppe. Die dreifache Mutter ist Krankenschwester. Als junge Frau arbeitete sie auf einer Intensivstation. Die Erlebnisse dort haben sie geprägt.„Sterben war dort so technisch, da kam die Null-Linie, dann wurde abgebaut“, erzählt die 55-Jährige. Sie erinnert sich an einen Kollegen, der empfohlen hatte, sich zehn Minuten zum Verstorbenen zu setzen.„Andere haben ihn dafür belächelt, ich fand es gut“, sagt Hilde Holzinger. Denn ein jeder, auch wenn er geistig nicht mehr wirklich anwesend sei, habe einen würdevollen Tod verdient.

Mittlerweile arbeitet die Giengenerin als Krankenschwester bei der Sozialstation. Auch dort ist der Tod ein großes Thema.„Ich arbeite gerne bei Sterbenden“, sagt sie. Und um die Begleitung auszuweiten, trat sie 2008 der Giengener Hospizgruppe bei, die seit 1996 besteht und von der katholischen und evangelischen Kirche getragen wird. Seit 2009 leitet Hilde Holzinger die Gruppe, der Frauen im Alter zwischen 50 und 75 Jahren angehören. Allesamt arbeiten sie ehrenamtlich. Die Gruppe finanziert sich über Spenden.

Hilde Holzinger weiß also, wie es ist, Menschen am Ende des Lebens, beim Übergang zum Tod zur Seite zu stehen. Ebenso deren Angehörigen. Die Giengenerin weiß aber auch, dass viele den Tod– auch wenn er kurz bevor steht– nicht ernst nehmen, ihn nicht wahrhaben wollen. Doch es sei wichtig für Angehörige in dieser Zeit anzuhalten, innezuhalten und das Leben„anzuschauen“, wie Holzinger sagt. Sie ist sich sicher, dass die letzte Zeit zu den intensivsten im Leben gehört.„Wenn man das auskostet und zusammen erlebt, dann fällt auch das Trauern und der Abschied leichter.“

Doch die Abschiede gehen auch der Sterbebegleiterin nahe.„Klar, weint man. Wichtig ist mir deshalb auch, immer zur Beerdigung zu gehen, um einen Abschluss zu finden. Zudem gibt es auch immer ein Abschlussgespräch mit den Angehörigen– da kommen schon mal die Tränen, klar“, gesteht sie.

Denn in den Tagen, Wochen oder Monaten zuvor hatte sie ja immer auch eine Beziehung zum Sterbenden aufgebaut. Und die Bedürfnisse am Ende des Lebens seien ganz unterschiedlicher Art.„Manche wollen reden, beten, singen. Andere wollen gar nichts. Das ist am schwierigsten. Sie wollen einfach nur spüren, dass jemand da ist. Es ist schwer auszuhalten, dass man wirklich nichts mehr tun kann“, so Holzinger. Seit Kurzem hat die Gruppe eine ehrenamtliche Supervisorin, also eine Person, mit der manüber die Erlebnisse sprechen kann. Freiwillig. Zudem werden die Frauen auch von Pfarrer Johannes Weißenstein unterstützt. Das heißt nicht, dass die Gruppe nur gläubige Sterbende begleitet. Im Gegenteil.„Wir begleiten alle Menschen“, sagt Holzinger. Dennoch sei die Arbeit der Gruppe religiös geprägt, das zeigt sich auch in der Begleitung.

Meist erzählen die Menschen im Sterbebett aus ihrem Leben– viel Belastendes.„Viele reden vom Krieg, von Dingen, die sie nie verarbeiten konnten“, sagt Hilde Holzinger. Viele Sterbenden wollten auch noch etwas klären, ins Reine kommen.

Hilde Holzinger weiß aber auch, dass nur wenige die Hospizdienste in Anspruch nehmen. Sterben sei etwas sehr Intimes. Und weil die Gruppe die meisten Menschen Zuhause begleitet, müsse man in einer Ausnahmesituation auch noch jemand Fremdes ins Haus lassen.

Die Giengener Gruppe versucht daher verstärkt, ein Netzwerk aufzubauen. Die Tatsache, dass Hilde Holzinger bei der Sozialstation arbeitet, hilft ein wenig, da sie schon ihres Berufes wegen viele Menschen kennt, die direkt mit dem Tod konfrontiert sind. Somit sind schon die ersten Kontakte geknüpft. Zudem steht die Gruppe aber auch im engen Austausch mit dem Paul-Gerhardt-Stift, das auch immer wieder Mitarbeiterinnen der Hospizgruppe zur Begleitung ins Haus holt. Und auch mit den Krankenhäusern steht die Gruppe im Austausch.

Kinder haben die Frauen aus Giengen noch nicht begleitet. Das liegt daran, dass sie es nicht dürfen, weil sie nicht dafür ausgebildet sind.„Für Kinder gibt es stationäre Hospize oder andere Gruppen. Kinderbegleitung ist auch nochmal etwas ganz anderes“, sagt Hilde Holzinger. So kümmert sich die Gruppe vorwiegend um ältere Menschen, die Zuhause im Sterben liegen.

Auch kulturelle Unterschiede werden in der Arbeit deutlich:„Moslems haben wir noch nie begleitet, sie kümmern sich wirklich toll um ihre Angehörigen. Da ist es selbstverständlich, dass die Kinder frei nehmen und sich um Mama, Papa, Oma oder Opa kümmern“, so die Gruppenleiterin. Dies hänge ihrer Ansicht nach mit dem innigen Familienverbund zusammen.„In unserer Kultur ist er oft nicht so eng.“

Um sich in der Hospizgruppe engagieren zu können, muss eine Ausbildung abgelegt werden.„Wir visieren an, dass diese in Zukunft an einem Wochenende möglich sein wird“, so Hilde Holzinger. Regelmäßig fänden zudem Fortbildungen und interne Vorträge sowie Themenbesprechungen statt.

Was der Gruppe fehlt, sind Männer.„Leider konnten wir bisher keinen Mann für unsere Gruppe gewinnen“, sagt Hilde Holzinger. Doch ob nun Mann oder Frau–über Zuwachs freue sich die Gruppe immer. Denn Menschen, die Hilfe brauchten, die in schweren Stunden einsam seien, gebe es immer– und zur Genüge.

Hilde Holzinger hatübrigens keine Angst vor dem Tod.„Zumindest jetzt nicht. Ich weiß nicht, wie es ist, wenn es dann so weit ist.“ Es sei auch wichtig, dass man sich selbst mit der eigenen Vergänglichkeit beschäftige, wenn man Sterbende begleiten wolle. Bei Hilde Holzinger spielt auch der Glauben eine große Rolle– er macht sie stark.

Info Wer Kontakt zur Hospizgruppe sucht, kann sich unter Tel. 07322.96030 melden.
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