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Giengener Feuerwehr: 100 Prozent Ehrenamt, null Prozent planbar

Bereits 76 Mal musste die Giengener Wehr im ersten Halbjahr 2017 ausrücken – das liegt weit über dem Durchschnitt der letzten Jahre. Tendenz? Steigend. Martin Rösler spricht über Ehrenamtliche und das Problem mit der Zeit.

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Die Statistik zeigt, dass die Helfer der Freiwilligen Feuerwehr in Giengen immer öfter ausrücken müssen. Meist sind es kleine Dinge wie Türöffnungen oder technische Hilfeleistungen, doch auch hierfür müssen die Freiwilligen nicht nur Freizeit, sondern oft auch einen Teil ihrer Arbeitszeit opfern. Der 30-jährige Martin Rösler, zuständig für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, spricht im Interview darüber, dass da ein Konflikt zwischen Ehrenamt und Beruf schier nicht ausbleiben kann und darüber, wie die Feuerwehr mehr Einsatzkräfte gewinnen könnte.

Die Einsatzzahlen der Giengener Feuerwehr sind dieses Jahr so hoch wie lange nicht. Woran liegt das?

Martin Rösler: Das kann man leider schlecht sagen. Es kann nächstes Jahr auch wieder ganz anders aussehen. Seit 2010 stellen wir die Zahlen zum Halbjahr auf. Voriges Jahr war es auch schon etwas mehr, normalerweise sind es zwischen 50 und 60 Einsätze, aber in den vergangenen sechs Monaten waren es schon 76.

Wie viel davon sind Fehlalarme, wie viel tatsächliche Ernstfälle?

Rösler: Fehlalarme gibt es immer wieder, aber es hält sich in Grenzen. Meistens sind es schon ernsthafte Alarmierungen. Zum Glück selten große Einsätze, sondern eher Türöffnungen, technische Hilfeleistungen, Ölspuren. Und der Dauerbrenner Bahnhofsaufzug? Das hat sich gebessert. Wir waren tatsächlich noch nicht einmal dort dieses Jahr, glaube ich. Die Bahn hat das Problem wohl behoben.

Aber auch die kleinen Dinge fressen Zeit, auch da müssen freiwillige Helfer ausrücken.

Ja, klar. Mir ist vor allem aufgefallen, dass über die Hälfte der Einsätze tagsüber zwischen 6 und 17 Uhr stattfindet. Heißt, die Einsatzkräfte sind in ihrer Berufstätigkeit eingeschränkt, weil sie zwischendurch losmüssen. Da hat Heidenheim den Vorteil, dass sie hauptamtliche Mitglieder haben. Wir nicht. Bei uns ist es 100 Prozent Ehrenamt. Und das Leben verläuft ja meist in Clustern.

Es gibt sicher Phasen, in denen wenig los ist, und dann Tage, an denen die Helfer gleich mehrmals ausrücken müssen, oder?

Die gibt es. Im letzten halben Jahr war das oft so. Wenn es lange Zeit ruhig war, mussten wir danach gleich mehrere Tage hintereinander oder gar zwei-, dreimal am Tag raus. Das passierte auffällig oft. Aber klar, es ist ein Ehrenamt, das man nicht planen kann.

Wenn der Trend so weitergeht und die Einsatzzahlen weiter steigen, ist das für die Helfer überhaupt noch zu bewerkstelligen?

Das schon, ja. Wenn es große Einsätze sind, haben wir ja auch Hilfe von den benachbarten Feuerwehren und den Werkfeuerwehren.

Aber bei manch einem kommt da sicher der Konflikt zwischen Ehrenamt und Beruf auf, oder?

Das ist eine Belastung, ja – nicht nur für uns, auch für die Arbeitgeber. Und die Angestellten haben oft den Gedanken: Kann ich jetzt wirklich gehen? Da sind wir froh um jeden, der während der Arbeitszeit zum Einsatz kommen kann. Problematisch ist das vor allem immer dann, wenn jemand zum Beispiel nicht im Büro, sondern in der Produktion tätig ist.

Ist es schon vorgekommen, dass man bei einem Einsatz nicht genügend Helfer zusammen bekommen hat, die vom Arbeitsplatz wegkönnen?

Es kommt immer mal wieder vor, dass wir etwas weniger sind. Aber bislang noch nie bei Großlagen. Standardmäßig machen wir es bei größeren Bränden sowieso so, dass nicht nur Giengen ausrückt, sondern auch die Teilorte oder auch Hermaringen und Herbrechtingen. Beispiel Grundschule Hohenmemmingen voriges Jahr. Da war es knapp, auch weil Stadtfest war, aber mit Unterstützung ging es.

Ganz persönlich gesprochen: Gibt es nicht den ein oder anderen, den diese ständige Einsatzbereitschaft auslaugt? Schließlich lastet ja ein enormer Druck auf den Helfern.

Das kommt eher selten vor. Die Leute, die tagsüber partout nicht von der Arbeit weg können, die kommen dann auch nicht. Und wir wissen das ja und akzeptieren es natürlich auch.

Wie lange braucht die Feuerwehr – und damit auch die Personen, die plötzlich von der Arbeit wegmüssen – im Schnitt bis zur Einsatzstelle?

Die Hilfsfrist liegt bei 15 Minuten nach Alarmierung. Das schaffen wir. Die Erfüllung ist in Giengen bei einem Großteil der Einsätze gegeben. Klar, wir haben nicht innerhalb von fünf Minuten sofort vier Fahrzeuge an der Einsatzstelle, aber ein oder zwei sind kein Problem.

Was wäre die Folge, wenn man es nicht im vorgegebenen  Zeitrahmen schafft?

Erst einmal nichts. Zunächst ist das reine Statistik. Wenn man aber merkt, es dauert immer länger und es werden immer weniger Leute, muss man dringend reagieren. Dann muss die Zusammenarbeit verstärkt werden oder beispielsweise noch eine Werkfeuerwehr dazu genommen werden. Personell aufstocken eben.

Apropos Personal: Hat sich mit der Zahl der Einsätze auch die Zahl der freiwilligen Helfer erhöht?

Wir haben über die letzten Jahre einen ganz guten Stand. Momentan sind es 148 Aktive. Es wird aber immer schwieriger, neue Leute dazuzugewinnen – vor allem solche, die nicht aus der Jugendabteilung nachkommen.

Warum ist es denn so schwer, Quereinsteiger zu finden?

Zum Teil sicher deshalb, weil heute nicht mehr so viele wie früher einen Arbeitsplatz in Giengen haben. Früher haben zum Beispiel sehr viele bei Ziegler gearbeitet und waren bei uns ehrenamtlich – heute ist das noch genau einer. Wenn jemand bei der Feuerwehr ist, dann oft dort, wo er arbeitet. Und das macht ja auch Sinn, dann sind die Fahrtzeiten kürzer.

Umgekehrt ist das theoretisch aber ja genauso...?

Stimmt. Deswegen versuchen wir schon jetzt, die Leute, die hier in Giengen arbeiten und woanders wohnen, dazuzubringen, nicht nur bei der Feuerwehr ihres Wohnortes, sondern auch bei uns in der Wehr aktiv zu werden. Und es gibt da bereits erste Erfolge. Doch man darf auch nicht vergessen, dass das eine Doppelbelastung ist. Man muss hier und dort die Übungen machen, fährt hier und dort mit auf Einsätze, muss sich hier und dort mit den Fahrzeugen auskennen – das ist viel Zeit.

Wie viel Zeit wendet ein Mitglied der Feuerwehr im Durchschnitt dafür auf?

Mindestens einmal pro Woche finden Übungen statt. Dann kommen Sonderdienste hinzu, wenn man Maschinist oder Fahrer ist, man muss mit der Drehleiter und dem Rüstwagen üben, sich gleichzeitig um die Jugendfeuerwehr kümmern und manch einer ist auch noch im Spielmannszug – inklusive der Einsätze sind es zwischen 10 und 15 Wochenstunden, schätze ich.

Das ist viel. Ist es da nicht manchmal lästig, wenn die Feuerwehr wegen harmlosen Kleinigkeiten ausrücken muss?

Eigentlich nicht. Vor Kurzem hat beispielsweise mitten in der Nacht ein älterer Herr angerufen, bei dem Wasser in der Küche war. Klar, da kommen wir hin. Die Arbeit bestand letztlich einfach nur darin, den Zulauf zuzudrehen. Viel mehr war nicht. Aber der Mann hatte Angst und wusste sich nicht zu helfen, also hat er richtig reagiert und die Feuerwehr gerufen. Auch wenn der Grund für uns nicht immer offensichtlich ist: Für den Betroffenen gibt es immer einen, wenn er uns ruft.

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