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Giengen: 47 Obdachlose leben in Notunterkünften

Als obdachlos gilt ein Mensch, wenn er aus tatsächlichen oder rechtlichen Gründen, etwa aufgrund einer Räumungsklage, sein Dach über dem Kopf verloren hat. In Giengen müssen derzeit 47 Menschen mit diesem Umstand leben, teils seit etlichen Jahren.

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Riedstraße 50: Im Vorjahr kaufte die Stadt der Kreisbau das Gebäude ab, um dort Obdachlose unterzubringen. Im Gegenzug wurde in unmittelbarer Nähe eine Unterkunft abgebrochen.  Foto: 

Armut, Schulden, Sucht, familiäre Probleme: Die Gründe, warum Menschen in einer Unterkunft für Obdachlose landen, sind vielfältig. Und doch eint die meisten das gleiche Schicksal: Es fehlen geordnete Strukturen im Leben, die Familie ist, wenn überhaupt, weit weg, das Geld reicht gerade, um Monat für Monat zu überleben und die Wohnung in der städtischen Obdachlosenunterkunft zu bezahlen.

47 Menschen teilen derzeit dieses Schicksal, an mehreren Standorten im Stadtgebiet: Im Pommernweg unweit des BSH-Areals hat die Stadt acht Gebäude mit je vier Wohneinheiten in Besitz und dort Menschen untergebracht, die kein Dach über dem Kopf haben. Selbiges in der Scharenstetter Straße und der Riedstraße.

Dort wurde im vergangenen Jahr das Gebäude Riedstraße 50 in Nachbarschaft zur Kläranlage von der Kreisbau erworben, um die bisherigen Unterkünfte mit den Hausnummern 52 und 54 abbrechen zu können. In beiden Gebäuden nagte der Zahn der Zeit, an mehreren Stellen trat der Schimmel zutage, nach Auskunft des Eigenbetriebs Gebäudemanagement blieb aufgrund dieser Mängel nur noch der Abbruch als Option: „Rund 35 000 Euro hat das Ganze gekostet“, sagt Franz Becker, Leiter des Eigenbetriebs.

Dass die 47 Menschen mit ihren persönlichen Einzelschicksalen in einer Obdachlosenunterkunft untergebracht werden, steht in der Pflicht der Stadtverwaltung: „Die Alternative, auf der Straße zu leben, ist rechtlich nicht umsetzbar“, sagt Uwe Wannenwetsch, der als Leiter des Ordnungsamts das Thema Obdachlosigkeit verantwortet. Auf der Straße lebende Menschen gelten als Störung der öffentlichen Ordnung, somit müssen die Ordnungsämter dafür sorgen, dass die Obdachlosen eine trockene Bleibe haben.

Die derzeitige Belegung der Unterkünfte nimmt Wannenwetsch als „relativ schwach“ wahr. Zu Spitzenzeiten, Anfang der 90er-Jahre, lebten in den Wohnheimen zeitweise bis zu 240 asylsuchende Ausländer. Davon ist man heute weit entfernt. „Die Zahlen schwanken meist zwischen 50 und 60.“ Dass es nun weniger sind, hat verschiedene Ursachen: Mal ziehen Bewohner aus, weil sie eine eigene Wohnung oder einen Job gefunden haben. Oder, wie in den vergangenen Monaten gleich zweimal vorgekommen: ein Bewohner verstirbt.

„Die Zugänge aufgrund von Räumungsklagen sind in diesem Jahr sehr dezent“, sagt Wannenwetsch. Dabei habe es in letzter Zeit im Stadtgebiet einige gegeben, die Leute hätten es aber wohl doch noch geschafft, ihre Schulden zu begleichen oder bei Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten unterzukommen. „Knapp 20 Plätze sind momentan nicht belegt.“ Bei der Ausstattung der Obdachlosenunterkünfte verfolgt die Stadt das Ziel von kleineren, abgeschlossenen Wohneinheiten: Jeweils ein Zimmer für jeden der Bewohner innerhalb einer Wohnung, dazu die Gemeinschaftsräume, sprich Küche, Bad, WC. Die Ausstattung ist auf niedrigstem Niveau, immer wieder wird in den Unterkünften in Teilen renoviert. Dass die Zahlen im Moment relativ niedrig sind, muss nicht so bleiben. Neben den Menschen, die durch Räumungsklagen plötzlich auf der Straße standen, leben in den Wohnheimen auch Opfer häuslicher Gewalt innerhalb der eigenen Familie.

Und nicht zuletzt Asylbewerber, deren Asylverfahren abgeschlossen ist und die in die Anschlussunterbringung versetzt wurden. Neun Flüchtlinge sind es im Moment, bei der Stadt rechnet man damit, dass es in den kommenden Monaten mehr werden dürften. Deshalb schaut man sich seitens der Stadt nach weiterem Wohnraum um, um auf weitere Zuweisungen vorbereitet zu sein.

Rund 90 Prozent der derzeitigen Mieter in den Notunterkünften stammen aus Giengen, geschätzt ein Drittel lebt dort schon seit der Zeit, als Uwe Wannenwetsch vor zwölf Jahren sein Amt als Leiter des Ordnungsamts antrat. Manche hätten sich mit der Situation arrangiert und äußerten ihr Unverständnis, wenn man sie frage, ob sie irgendwann auszögen oder sich um einen Job bemühten, erzählt er: „Du kriegst doch mein Geld, mir geht's gut“, heiße es dann. Dass die Bewohner die Wohnungen irgendwann verlassen müssen, ist nirgendwo festgelegt. Oft gibt es für diese aber auch eine bezahlbare Bleibe auf dem freien Wohnungsmarkt.

Auf 50 000 bis 60 000 Euro belaufen sich die jährlichen Kosten der Stadt für die Obdachlosenunterkünfte. 150 bis 300 Euro müssen die Obdachlosen je nach Quadratmeterzahl für den Platz im Wohnheim hinlegen. Erschwinglich? Ja. Aber eben auch nur ausgestattet mit dem Nötigsten.

 

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