Partner der

Ein Eichhörnchen kommt selten allein

Klein, flink, putzig: Über 100 Eichhörnchen hat die Giengenerin Stefanie Buchholz in ihrer Eichhörnchenstation in Freiburg bereits behandelt und aufgepäppelt. Wie kam die Lehrerin zu dieser zeitaufwändigen Beschäftigung? Und wer ist Camille?

|
Vorherige Inhalte
  • 01/14
  • 02/14
  • 03/14
  • 04/14
  • 05/14
  • 06/14
  • 07/14
  • 08/14
  • 09/14
  • 10/14
  • 11/14
  • 12/14
  • 13/14
  • 14/14
Nächste Inhalte

Ein Eichhörnchen, das denkt, es wäre ein Mensch. Arg viel mehr muss man über Camille eigentlich nicht sagen – schon spitzt jeder die Ohren, der auch nur im Entferntesten tierlieb ist. Und tatsächlich gibt es noch so viel mehr zu sagen. Denn die Geschichte von Camille, das ist auch die Geschichte von Stefanie Buchholz.

In Giengen aufgewachsen, machte Buchholz 1994 Abitur am Margarete-Steiff-Gymnasium, dann folgte ein Lehramtsstudium für Deutsch und Biologie. Heute unterrichtet Buchholz an einem Gymnasium in Kirchzarten, wohnt mit Mann und Hunden in Freiburg-Kappel. Und genau das ist auch der Ort, an dem sich die Geschichten von Stefanie Buchholz und Eichhörnchen Camille kreuzen. Vor circa zwei Jahren war das: Camille, übrigens benannt nach einer der Hauptfiguren der französischen Krimi-Schriftstellerin Fred Vargas, hieß damals noch Fred und hatte bei ihren Findern keinen Platz mehr, war irgendwie lästig geworden.

Bei Stefanie Buchholz aber gab es Platz und artgerechte Behandlung noch dazu: Die Giengenerin betreibt nämlich seit etwa acht Jahren eine Eichhörnchenstation, in der verletzte, kranke und mutterlose Eichhörnchen aufgepäppelt werden. So lange, bis sie wieder selbstständig und fit genug sind, um sich in der freien Natur allein durchschlagen zu können. Das klappt freilich nicht bei allen. Manche sterben, andere bleiben auch für immer. So wie Camille zum Beispiel. Doch dazu später.

Begonnen hat Stefanie Buchholz mit dem Eichhörnchen retten durch ihren Beruf als Lehrerin. Sie hätten ein Eichhörnchen gefunden, berichteten ihre Schüler eines Tages. Wenige Wochen alt, vom Baum gefallen und allein, da müsse man doch was machen! Und Buchholz machte: „Es war der letzte Tag vor den Sommerferien, wir hatten keinen Urlaub geplant. Ich hatte daher viel Zeit und habe es aufgezogen.“

So wie sie das sagt, klingt es ganz einfach. Tatsächlich aber war es viel, viel Arbeit, bis das Eichhörnchen wieder ausgewildert werden konnte. Arbeit und Neuland: In der Literatur fand Buchholz nur wenige Infos. Und auch die meisten Tierärzte, das weiß Buchholz inzwischen, kennen sich mit Eichhörnchen nicht besonders gut aus. Wohl auch deshalb bekam die Lehrerin im Jahr nach der erfolgreichen Premiere einen Anruf vom Tierarzt ihrer Hunde: Er habe zwei Eichhörnchen, brauche jemanden, der das Aufpäppeln übernehme. Und Buchholz übernahm.

Inzwischen ist sie Mitglied in den Vereinen Eichhörnchen-Notruf und Eichhörnchen-Schutz, berät Finder aus allen Ecken Deutschlands und kümmert sich um mehr als 30 Eichhörnchen pro Jahr. Viele davon sind nur wenige Wochen alt und einer Baumfällung zum Opfer gefallen. Getrennt von ihrer Mutter, kühlen sie aus, werden schließlich dehydriert und unterernährt gefunden. Mit reichlich Flöhen und zum Teil noch mit geschlossenen Augen. Andere wiederum sind bei einem ihrer ersten Kletterausflüge abgestürzt und finden nicht mehr zurück in den schützenden Kobel, haben sich vielleicht sogar verletzt.

Mehr als 100 dieser Patienten hat Stefanie Buchholz in ihrer Auffangstation inzwischen verarztet und aufgepäppelt. Alles ehrenamtlich und mit (Futter-)Spenden. Für die Pflege ihrer Schützlinge, so schätzt Buchholz, benötigt sie inklusive Medikamenten circa 3000 Euro im Jahr. Hinzu kommen nicht wenige Quadratmeter ihres Gartens für die Volieren – und natürlich unzählige Stunden ihrer Zeit. Baby-Eichhörnchen etwa müssen alle drei Stunden gefüttert werden. Auch nachts. Buchholz nimmt's gelassen und lacht: „Nach etwa drei Wochen bin ich dann eben unzurechnungsfähig.“

Und sowieso: Sieht sie, dass die Eichhörnchen wie gewünscht an Gewicht zunehmen, ihre Verletzungen verheilen, dann hat sich wieder mal bestätigt, dass sich der Einsatz für die kleinen Nagetiere lohnt. Eine Lektion, die Buchholz auch ihren Schülern vermitteln will: Achtung vor dem Leben. Nicht nur Fachwissen. Und das wirkt: Bringt Buchholz einen ihrer Schützlinge in einem Korb mit in den Unterricht, fragen die Schüler noch Wochen später, wie es dem Eichhörnchen geht. Außerdem haben sie ihrer Lehrerin eine ellenlange Namensliste geschrieben, damit die bei Neuankömmlingen nicht lange überlegen muss.

Auch bei der Behandlung ihrer Patienten muss die ausgebildete Tierheilpraktikerin inzwischen nicht mehr allzu viel überlegen. Buchholz ist zu einer Expertin geworden. Zum Tierarzt geht's nur noch dann, wenn sich eine Operation nicht vermeiden lässt. Läuft aber alles normal, bleiben die Eichhörnchen einige Wochen in den Volieren und werden dann in die Freiheit entlassen. Manche, sagt Buchholz, seien sofort auf Nimmerwiedersehen auf und davon, andere aber kämen noch wochenlang zurück – zum Schlafen etwa oder zum Fressen.

Apropos Nahrung. Auch das ist ein Kapitel für sich. Für die Babys importiert Buchholz spezielle Katzenaufzuchtsmilch aus den USA, für die Älteren gibt's Hipp-Gläschen der Sorte Apfel-Banane sowie Obst und Gemüse. Und natürlich Nüsse. 30 bis 50 Kilogramm sammeln Kindergartenkinder jedes Jahr für Buchholz' Eichhörnchenstation. Frische Kürbiskerne – der große Renner – liefern die Nachbarn im Herbst bis vor die Haustür. „Eichhörnchen sind so flink und geschickt“, sagt Buchholz. „Einfach Sympathieträger.“

Wohl auch deshalb steigt die Zahl der abgegebenen Eichhörnchen von Jahr zu Jahr. Tierärzte, so beschreibt die Lehrerin, entscheiden sich im Vergleich zu früher seltener fürs Einschläfern. „Und auch die Leute werden sensibler.“ Liegt ein Eichhörnchen einfach nur da oder klettert es gar an einem Menschen hoch, läuten inzwischen bei vielen die Alarmglocken. „Dann ist was falsch. Diese Eichhörnchen brauchen Hilfe.“

Hilfe. Die bekommt inzwischen auch Buchholz: Eine Frau im Dorf übernimmt von Zeit zu Zeit die Pflege von Eichhörnchen, eine Studentin in Freiburg hat sich eine Zimmervoliere angeschafft – zur Freude ihrer gesamten WG. Doch so lustig das klingt, auskennen muss man sich natürlich gut, falsch machen kann man viel. Ein Eichhörnchen zu lange ohne Artgenossen halten zum Beispiel. So nämlich lief es bei Camille, dem Eichhörnchen, das sich für einen Menschen hält. Wochenlang wurde sie von ihren Findern allein aufgezogen. So lange, bis sie sich in Kapuzenpullis wohlfühlte – und vor ihren eigenen Artgenossen Angst hatte.

„Unverantwortlich“, sagt Buchholz, bei der das kleine Nagetier inzwischen seit zwei Jahren lebt und für reichlich Trubel sorgt. In Freiheit und allein würde Camille, der wegen einer Verletzung zudem der Schwanz fehlt, wohl nicht besonders gut zurechtkommen. Denn auch wenn sie sich inzwischen besser mit anderen Eichhörnchen versteht, die Fixierung auf Menschen ist noch immer nicht verschwunden. „Sie bleibt verdreht, was ihre Artenzugehörigkeit angeht“, sagt Buchholz. Ein Eichhörnchen eben, das denkt, es wäre ein Mensch.

Eichhörnchen, die an Menschen hochklettern, sich im Kreis drehen oder nicht weglaufen, brauchen Hilfe. Oft sind das junge Eichhörnchen, die aus dem Nest gefallen sind. Kühlen sie aus, werden sie von der Mutter abgelehnt. Bei Jungtieren mit noch geschlossenen Augen, könnten Wärmekissen helfen, damit sie wieder angenommen werden. Denn: Im Gegensatz zu anderen Tier-Babys, etwa Rehkitzen, werden Eichhörnchen nicht von ihrer Mutter abgelehnt, sobald sie mit Menschen in Berührung gekommen sind. Holt die Mutter ihr Junges nicht wieder, sollte man das hilflose Tier mitnehmen und warmhalten. Wasser kann man mit einer Pipette oder Spritze geben.

Hilfe und Beratung unter

www.eichhoernchenstationfreiburg.de

www.eichhörnchen-schutz.de

www.eichhörnchen-in-not.de

Lesen Sie jetzt die eZeitung schon ab 0,99 € / Monat
Die digitale 1:1-Ausgabe der Heidenheimer Zeitung steht Ihnen ab 4 Uhr morgens mit allen Nachrichten der Region zur Verfügung. » zum Angebot

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Themenschwerpunkt

Tierisches aus dem Kreis Heidenheim

Hier lesen Sie Ernstes aber auch Humorvolles zum Thema Tiere im Kreis Heidenheim.

mehr zum Thema

Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Partner der

Bürgermeister Olaf Bernauer will nach Heidenheim: Bald Neuwahlen in Steinheim?

Steinheim wird 2018 wahrscheinlich einen neuen Rathauschef bekommen: Olaf Bernauer will Erster Beigeordneter in Heidenheim werden. weiter lesen