Partner der

Das Centro Italiano - ein turbulentes Örtchen

Es durfte wohl einigen mächtig gestunken haben, das kleine Gebäude am damaligen Schwibbogenplatz und der heutigen Margarete-Steiff-Straße 2 – zumindest, als die Stadtverwaltung 1960 beschloss, dort eine öffentliche Bedürfnisanstalt einzurichten.

|
Vorherige Inhalte
  • Treppenzugang zu den früheren öffentlichen Toiletten im Untergeschoss der ehemaligen Pumpstation. 1/9
    Treppenzugang zu den früheren öffentlichen Toiletten im Untergeschoss der ehemaligen Pumpstation. Foto: 
  • Und so war 1981 klar: Die öffentliche Toilette kommt wieder weg, stattdessen zieht der Italienische Verein dort ein. 2/9
    Und so war 1981 klar: Die öffentliche Toilette kommt wieder weg, stattdessen zieht der Italienische Verein dort ein. Foto: 
  • Das Backsteinhaus 1969. 1970 gab man der öffentlichen Toilette eine zweite Chance, doch die Zustände besserten sich nicht. 3/9
    Das Backsteinhaus 1969. 1970 gab man der öffentlichen Toilette eine zweite Chance, doch die Zustände besserten sich nicht. Foto: 
  • Bevor das Backsteinhaus am Schwibbogenplatz 1948 als Pumpstation gebaut wurde, war diese an der Spitalbrücke untergebracht. 4/9
    Bevor das Backsteinhaus am Schwibbogenplatz 1948 als Pumpstation gebaut wurde, war diese an der Spitalbrücke untergebracht. Foto: 
  • 1981 zog der Italienische Verein in das Backsteinhäuschen am Schwibbogenplatz. Die Renovierung erfolgte größtenteils in Eigenregie. 5/9
    1981 zog der Italienische Verein in das Backsteinhäuschen am Schwibbogenplatz. Die Renovierung erfolgte größtenteils in Eigenregie. Foto: 
  • 6/9
    Foto: 
  • 7/9
    Foto: 
  • 8/9
    Foto: 
  • Das "Centro Italiano" zwei Jahre vor der großen Renovierung 1992. 9/9
    Das "Centro Italiano" zwei Jahre vor der großen Renovierung 1992. Foto: 
Nächste Inhalte

 Mag es heutzutage noch so harmlos aussehen, klein, beschaulich, eigentlich ein hübscher Backsteinbau – in den 60er Jahren sorgten die öffentlichen Toiletten regelmäßig für Ärger, da sich die Giengener Bürger und Besucher der Stadt scheinbar nicht zu benehmen wussten. Doch von vorn.

„Gebaut wurde das Häuschen meines Wissens nach Ende der 40er, Anfang der 50er als Pumpstation“, sagt Stadtarchivar Dr. Alexander Usler. Sie sollte die alte Pumpstation an der Spitalbrücke ersetzen, die zuvor 80 Jahre lang in Betrieb gewesen war. Kurios dabei: Der Abriss der alten Station wühlte die Bürger wohl so sehr auf, dass sogar in einer Ausgabe der HZ aus dem Jahr 1948 ein „Nachruf auf eine Pumpstation“ erschien mit dem Wortlaut: „Für viele Geangener war es eine liebe Erinnerung, das kleine unscheinbare Haus.“ Im Zuge der Brenzregulierung sei die neue Station aber unbedingt nötig geworden, erklärt Usler.

Das neue Häuschen am Schwibbogenplatz stand also, man gewöhnte sich daran – doch Pumpwerk blieb es nicht lange. 1951 wurde bereits wieder die Stilllegung geplant, da die alten Wasserleitungen an vielen Stellen beschädigt waren. Man stellte fest, dass eine neue Pumpstation direkt bei den Quellen hinter der Irpfel sinnvoller und eine neue, kürzere Leitung zum Hochbehälter „Sieben Jauchert“ wesentlich billiger sei als eine neue Leitung zum Schwibbogenplatz.

Bis Mitte der 50er Jahre diente die kleine Pumpstation noch als Reserve, doch der Wunsch nach einer sogenannten öffentlichen Bedürfnisanstalt wurde immer lauter. Und dafür schien sich das Häuschen optimal zu eignen. Doch auch andere hatten Interesse daran: Verkaufsläden, Privatleute und ein Friseur wollten hinein, letztlich kam die Busfirma Wahl & Söhne zum Zug: Ihr wurde 1956 ein kleiner Teil des Häuschens für 25 DM pro Monat zur Kartenausgabe überlassen. Erst nach dem Innenausbau und dem Umzug der Gasdruckreglerstation in das „Pumpenhäusle“ 1958 kam es am 4. Juli 1960 dann tatsächlich zur Eröffnung der herbeigesehnten öffentlichen Toiletten im Untergeschoss. Womit die Probleme erst richtig anfingen.

Freute man sich zunächst noch über den Fortschritt – Bürgermeister Schmid nannte die Bedürfnisanstalt damals die modernste im ganzen Kreis Heidenheim – wich diese Freude bald dem Entsetzen. Denn in den folgenden Jahren häuften sich die Beschwerden an die Stadt, es kam regelmäßig zu Beschädigungen und Verunreinigungen, sodass der Bürgermeister den städtischen Reinigern gar eine Sonderzulage zahlen musste. Fünf große Steine im Spülkasten, ein beschädigter Heizschalter, ausgeschraubte Glühbirnen, Lebensmittel und Zeitungen in der Toilette, Blumendraht im Münzzähler, eingeschlagene Scheiben, ausgehängte Türhebel – all das innerhalb eines halben Jahres.

Wer meint, dass sich die Bürger nach Kontrollen der Polizei und Hinweisen in der HZ gebessert hätten, irrt: Berichtet wurde von Toilettenpapier im Entlüftungsabzug, von beschädigten Waschbecken, einer nicht schließenden Eingangstür, fehlenden Kleiderhaken und von Personen, die über das Waschbecken und die Türen in die Aborte gelangten, ohne zu zahlen. 1963 wurde eines der Männeraborte sogar gleich zweimal zur Falle: Wegen einer fehlenden Türklinke an der Innenseite mussten Besucher stundenlang auf ihre Befreiung warten. Ein Blick ins Archiv verrät auch, weshalb die Toiletten schließlich 1965 wieder geschlossen wurden: Nicht nur, dass keine Wartefrau gefunden werden konnte – im Jahr 1962 beispielsweise standen Einnahmen von rund 655 DM Ausgaben in Höhe von 1900 DM gegenüber.

Das war's also gewesen mit den modernsten Toiletten im Landkreis. Mit Stacheldraht verriegelt, geriet das Kellergeschoss erst einmal in Vergessenheit, denn direkt darüber zog 1966 die städtische Bücherei mit rund 2700 Bänden ein – und die Firma Wahl verlegte ihr Büro an die Bahnhofstraße. Nach reichlicher Überlegung und auf Antrag etlicher Gemeinderäte gab man den öffentlichen Toiletten 1970 eine zweite Chance, und zwar unter der Betreuung eines gewissen Arthur Frommeyers, der dort zugleich einen Kiosk betrieb. Toiletten, Gasdruckreglerstation, Kiosk und Stadtbücherei – ganz schön viel für das kleine Gebäude. Auch der Deutsche Verein des Gas- und Wasserfaches war nicht damit einverstanden: Gasdruckreglerstationen in gewerblich genutzten Gebäuden dürften nicht an Wohn- oder Versammlungsräume angrenzen – 1980 fand man schließlich in den Räumen der Grabenschule eine neue Lösung für die Bücherei.

Ruhig wurde es dennoch nicht. Da sich manch Giengener noch immer nicht zu benehmen wusste, stand 1981 fest: Das stille Örtchen kommt wieder weg. Die Putzfrauen, sagte der damalige Bürgermeister Rieg, hätten sich zuletzt sogar geweigert, dort zu reinigen. Eine große Aufgabe also, die dem Italienischen Verein bevorstand, als er im März 1981 in dem Häuschen sein neues „Centro Italiano“ gründete – denn Renovierung und Umbau liefen hauptsächlich in Eigenregie.

Gegründet 1963 im „Einhorn“, zogen die Italiener 1965 ins Kennedy-Haus am Kirchplatz, welches 1967 abbrannte. Daraufhin trafen sie sich im „Ochsen“ an der Oberen Torstraße. Mit der ehemaligen Pumpstation am Schwibbogenplatz, die 1992 für rund 100 000 DM saniert und umgebaut wurde, scheinen sie ihr endgültiges Domizil gefunden zu haben. Zumindest bis heute.

Lesen Sie jetzt die eZeitung schon ab 0,99 € / Monat
Die digitale 1:1-Ausgabe der Heidenheimer Zeitung steht Ihnen ab 4 Uhr morgens mit allen Nachrichten der Region zur Verfügung. » zum Angebot

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Themenschwerpunkt

Zur Geschichte von Stadt und Kreis Heidenheim

Stadt und Kreis Heidenheim verändern sich - im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte. Hier lesen Sie Geschichten über die Geschichte.

mehr zum Thema

Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Partner der

Zum Abschluss gab’s beim Giengener Adventsmarkt noch ein Schneetreiben

Einmal mehr ein Frequenzbringer war der von Stadt und Firma Steiff gemeinsam organisierte viertägige Adventsmarkt – trotz mancher Absage fürs Rahmenprogramm. weiter lesen

230YV