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24-jähriger Brandstifter: Suche nach dem Motiv gestaltet sich schwierig

Der 24-jährige Angeklagte gibt vor dem Landgericht zu, unter anderem an den Schulen in Hohenmemmingen und Hürben und in einem Schafstall Feuer gelegt zu haben. Die Suche nach dem Motiv gestaltet sich schwierig.

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Stille, die durchaus bedrückender Natur ist: Im voll besetzten Sitzungssaal im zweiten Stockwerk des Landgerichts in Ellwangen ist am Mittwochvormittag oft für mehr als nur wenige Sekunden lang nichts zu hören – obwohl der Vorsitzende Richter Gerhard Ilg mitten in der Befragung des Angeklagten ist.

Mehr als zwei Stunden lang geht es um die Taten, die dem 24-jährigen Mann aus Hohenmemmingen zur Last gelegt werden. Ende Juli war er festgenommen worden und saß zunächst in der Justizvollzugsanstalt Ulm in Untersuchungshaft. Seit Ende Oktober ist er auf Anordnung des Landgerichts im Zentrum für Psychiatrie in Bad Schussenried vorläufig untergebracht.

Behutsam stellt Ilg seine Fragen an den Angeklagten. Zurück kommt jedoch oftmals nur ein „Ja“, ein „Nein“ oder ein „Mal gut, mal nicht so gut“. Dass er die Taten verübt hat, räumt der Hohenmemminger ein. Auf Fragen zu seiner Motivation kommt aber kaum etwas, und wenn, dann nur nach langer Zeit des Überlegens. Wie im weiteren Verlauf der Verhandlung klar wird, kann er aufgrund einer Persönlichkeitsstörung wohl auch nicht mehr beitragen (mehr dazu weiter unten im Artikel).

Die Befragung ist zwar mühevoll, ergibt im Verlauf aber doch Einblicke in das Leben des Angeklagten, der im elterlichen Haus lebte und zuletzt über eine Zeitarbeitsfirma in Hermaringen beschäftigt war, sich selbst aber als „zur Seite geschoben“ fühlte. Er sei öfters nachts umhergelaufen oder mit dem Auto spazieren gefahren.

Unterwegs war er auch mitten in der Nacht, als es an der Schule in Hohenmemmingen brannte, am 23.Juli 2016. „Ich habe einen Container geöffnet und das Papier angezündet“, so der Angeklagte, der, das wurde nach vielen Fragen des Richters deutlich, damit wohl den Hausmeister ärgern wollte, der ihn „kritisch angeschaut“ habe. Er habe gedacht, dass nur das Papier brennen würde und das Feuer dann ausgehe. Einen Übergriff der Flammen auf das Schulhaus habe er nicht in Betracht gezogen. „Ich hatte Angst, dass mich jemand gesehen hat, und habe zwei Monate damit gerechnet, dass man mich erwischt“, so der 24-Jährige.

Genervt von Weihnachten

Der zweite Brand, der dem Angeklagten zur Last gelegt wird, ereignete sich am 29. Dezember 2016. In einer Kleingartenanlage beim Bruckersberg brannte eine Hecke. Er habe sie mit einem Feuerzeug angezündet, räumte der Mann ein. Und wieder gestaltet sich die Frage nach dem Warum mühsam. Erst als Ilg fragte: „Waren Sie genervt von der scheiß Weihnachtszeit, in der auch ihre Schwestern zu Hause waren?“, kam ein kurzes „Ja“. Ob er dabei nicht mehr an den Brand der Schule gedacht habe, sagte der 24-Jährige: „Man hat mich ja nicht erwischt.“

Die Angst, überführt zu werden, wird im Verlauf der nächsten Taten kürzer, sie habe dann noch „zwei bis drei Tage“ angedauert. Gestern gab der Hohenmemminger zu, eine mit Gartenabfällen gefüllte Schubkarre auf dem Nachbargrundstück angezündet zu haben (Anfang Juni 2017), ebenso wie etwa drei Wochen später eine Gartenhütte, die nur wenige hundert Meter vom seinem Zuhause entfernt stand.

Wiederum eine Woche später brannte es in Hermaringen, unweit der Arbeitsstätte des Angeklagten. Er habe eine Mülltonne angezündet und diese an einen großen Holzstapel gezogen, der vollkommen abbrannte. Auslöser bei diesen und den weiteren Taten sei Ärger bei der Arbeit gewesen. Mitte Juli zündete er zunächst erneut einen Papiercontainer bei der Grundschule in Hohenmemmingen an. Ein Großbrand dort konnte ebenfalls wie wenige Stunden später bei einem Feuer an der Grundschule in Hürben nur durch das mehr oder weniger zufällige Eingreifen von Anwohnern verhindert werden.

Hohe Schadenssumme

Der Schaden, den der 24-Jährige durch diese sieben Taten angerichtet hatte, summiert sich bereits auf über 650.000 Euro. Allein an der Grundschule Hohenmemmingen beträgt er fast 580.000 Euro.

Immens auch der Schaden am Schafstall, der in Hürben am 22. Juli Feuer fing. Von 68 Schafen, die dort untergebracht waren, leben, so sagte der Schäfer gestern aus, nur noch zwei. Der materielle Schaden geht auch dort in die Hunderttausende. „Ich hätte danach aufgehört. Es war so schlimm mit den Tieren. Ich wollte nicht mehr weitermachen“, so der Angeklagte. Richter Ilg entgegnete: „Das glaube ich nicht.“

Die Verhandlung wird am Montag um 9 Uhr fortgesetzt. Gegen Mittag wird mit dem Urteil gerechnet.

Gutachten: „Kein Hinweis auf Pyromanie“

Dr. Heiner Missenhardt plädiert dafür, den 24-jährigen Angeklagten in einer Psychiatrie unterzubringen.

„Es gibt beim Angeklagten keinen Hinweis auf Pyromanie“, so der als Sachverständiger aussagende Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Dr. Heiner Missenhardt, vom Zentrum für Psychiatrie in Bad Schussenried gestern vor dem Landgericht in Ellwangen zur Person des Angeklagten. Dieser verspüre nicht den Impuls, Feuer legen zu müssen, um sich daran zu weiden.

Von jüngster Kindheit an sei das Leben des Mannes gekennzeichnet durch Ängste und Unsicherheit und der Unfähigkeit zu Emotionalität. Er sei ein scheuer Einzelgänger, mit dem Gefühl, minderwertig zu sein. „Seine subjektive Wahrnehmung ist die einer Randfigur“, sagte Missenhardt über den mehr oder weniger isoliert lebenden Hohenmemminger, der sich selbst als in höchstem Maße gehemmt, kontaktscheu und introvertiert beschreibe.

Der Angeklagte sei lernbehindert, habe Förderschulen besucht und sei von Kindheit an in therapeutischer Behandlung gewesen. „Die Arbeit an sich habe ihm Spaß gemacht, mit Kollegen habe es aber Konflikte gegeben, die ihn nicht zur Ruhe haben kommen lassen“, so Missenhardt, der von einem „Vollbild einer Persönlichkeitsstörung“ sprach.

Wenig Steuerungsfähigkeit

Der Angeklagte habe zwar die Fähigkeit zur Einsicht, jedoch sei seine Steuerungsfähigkeit beeinträchtigt. Die Vernunft reiche nicht, um das Verhalten zu korrigieren.

„Er fühlt sich unter Druck gesetzt. Dieser hat sich durch das Feuer legen Bahn gebrochen“, so der Sachverständige. Durch das Brände legen sei es zu einer kurzfristigen Entlastung gekommen. Das sei mit einem Süchtigen wie zum Beispiel einem Heroinabhängigen zu vergleichen. „Durch seine Störung kann er schlecht dagegen ankämpfen, er kann keinen Widerstand leisten. Die chronische Belastung führt zur Tatbegehung“, sagte Missenhardt. Durch die überdauernde Störung sei eine Wiederholungsgefahr gegeben. Die Schwelle für weitere Taten sei erniedrigt. Die Voraussetzungen für eine Unterbringung in einem Zentrum für Psychiatrie seien beim Angeklagten erfüllt. Eine Sicherheit für einen Therapieerfolg gebe es jedoch nicht.

Knast unverantwortlich?

„Es stellt sich natürlich für uns letztlich die Frage, wo der Angeklagte besser aufgehoben ist“, so der Vorsitzende Richter Gerhard Ilg. „Ohne etwas vorwegnehmen zu wollen, muss klar sein, dass es naheliegt, dass der Mann verurteilt wird“, sagte der Richter. Angesichts der Vorwürfe - Brandstiftung, Sachbeschädigung und Verstoß gegen das Tierschutzgesetz - könne es nur zu einer Freiheitsstrafe kommen. Eine Bewährung werde wohl kaum möglich sein.

„Wo soll er hin? In den Knast zu Hochkriminellen? Oder besser in die beschützenden Hände des Zentrums für Psychiatrie, wo er auf ein Leben in anderen Einrichtungen vorbereitet wird?“, so die Fragen Ilgs, der sagte: „Im Knast geht der Angeklagte vollkommen unter. Ihn dort hin zu schicken, wäre unverantwortlich.“

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