Kriminalpsychologe: Thomas Bögerl kam mit Weiterleben nicht klar
Heidenheim. Warum brachte sich der Mann von Entführungsopfer Maria Bögerl um? Der Kriminalpsychologe Rudolf Egg sieht in dem Selbstmord die Tat eines verzweifelten Witwers. In einem Interview versucht der Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden, die Tat und die Umstände einzuschätzen.
Die Familie Bögerl hat vor gut einem Jahr einen herzzerreißenden Appell übers Fernsehen an den Entführer von Maria Bögerl geschickt, die Frau und Mutter freizulassen. Wie wirkte Thomas Bögerl damals auf Sie?
Egg: «Ich erinnere mich noch sehr gut daran. Und ich erinnere mich auch daran, dass ich mir gedacht habe: Dem Mann geht es ja noch viel schlechter als den Kindern. Der Sohn wirkte in diesem Auftritt eigentlich wie das Familienoberhaupt, er schien der Ruhigere, der Stärkere zu sein - während der Vater tief verzweifelt war. Es könnte sein, dass sich diese Depressivität, die sich damals schon zeigte, im Laufe der Monate noch weiter verstärkt hat. Denn wer sich nach so langer Zeit das Leben nimmt, bei dem ist es nicht der Schock des ersten Momentes, sondern der gescheiterte Versuch, das Ganze aufzuarbeiten, irgendwie damit klarzukommen.»
Glauben Sie, eine solche Emotion kann man vorgaukeln?
Egg: «Es gab eine Zeit lang eine Theorie, ich würde sagen Verschwörungstheorie, als könnte Herr Bögerl nicht Opfer, sondern Mitwisser oder gar Täter in dieser Sache sein. Ich halte das für hochspekulativ und kann mir eher vorstellen, dass er zusätzlich gelitten hat unter diesen bösen Verdächtigungen, als dass er in irgendeiner Form etwas mit der Entführung und Ermordung seiner eigenen Frau zu tun gehabt haben sollte.»
Sie gehen also von der Verzweiflungstat eines leidenden Mannes aus?
Egg: «Ja, wir sehen hier den tragischen Fall eines Mannes, dessen Frau entführt und ermordet wird und der mit dem Weiterleben danach nicht mehr klarkommt. Vielleicht haben auch die Fragen, die er sich selbst gestellt hat, dabei eine Rolle gespielt - also, ob er das Ganze nicht doch hätte verhindern oder seine Frau hätte retten können. Er hat ja diese Lösegeldübergabe übernommen, die aber nicht geklappt hat. Die Polizei sagt zwar, es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass man ihm auch nur den geringsten Vorwurf machen könnte. Aber deswegen kann er dies trotzdem anders empfinden. Nicht selten fühlen sich ja Verbrechensopfer mitverantwortlich für das Tatgeschehen, auch wenn ihnen objektiv gar nichts vorzuwerfen ist.»
Egg: «Ich erinnere mich noch sehr gut daran. Und ich erinnere mich auch daran, dass ich mir gedacht habe: Dem Mann geht es ja noch viel schlechter als den Kindern. Der Sohn wirkte in diesem Auftritt eigentlich wie das Familienoberhaupt, er schien der Ruhigere, der Stärkere zu sein - während der Vater tief verzweifelt war. Es könnte sein, dass sich diese Depressivität, die sich damals schon zeigte, im Laufe der Monate noch weiter verstärkt hat. Denn wer sich nach so langer Zeit das Leben nimmt, bei dem ist es nicht der Schock des ersten Momentes, sondern der gescheiterte Versuch, das Ganze aufzuarbeiten, irgendwie damit klarzukommen.»
Glauben Sie, eine solche Emotion kann man vorgaukeln?
Egg: «Es gab eine Zeit lang eine Theorie, ich würde sagen Verschwörungstheorie, als könnte Herr Bögerl nicht Opfer, sondern Mitwisser oder gar Täter in dieser Sache sein. Ich halte das für hochspekulativ und kann mir eher vorstellen, dass er zusätzlich gelitten hat unter diesen bösen Verdächtigungen, als dass er in irgendeiner Form etwas mit der Entführung und Ermordung seiner eigenen Frau zu tun gehabt haben sollte.»
Sie gehen also von der Verzweiflungstat eines leidenden Mannes aus?
Egg: «Ja, wir sehen hier den tragischen Fall eines Mannes, dessen Frau entführt und ermordet wird und der mit dem Weiterleben danach nicht mehr klarkommt. Vielleicht haben auch die Fragen, die er sich selbst gestellt hat, dabei eine Rolle gespielt - also, ob er das Ganze nicht doch hätte verhindern oder seine Frau hätte retten können. Er hat ja diese Lösegeldübergabe übernommen, die aber nicht geklappt hat. Die Polizei sagt zwar, es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass man ihm auch nur den geringsten Vorwurf machen könnte. Aber deswegen kann er dies trotzdem anders empfinden. Nicht selten fühlen sich ja Verbrechensopfer mitverantwortlich für das Tatgeschehen, auch wenn ihnen objektiv gar nichts vorzuwerfen ist.»
zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden
Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar
Autor: dpa | 12.07.2011
MEHR ARTIKEL ZUM THEMA
Der Mordfall Maria Bögerl
Fall Bögerl: Soko befragt erneut Nachbarn
Heidenheim Die Sonderkommission "Flagge", die seit 115 Tagen an der Aufklärung des Mordfalls Bögerl arbeitet, wird nicht personell reduziert. Aktuell ist die Zahl der aus der Bevölkerung kommenden Hinweise und Spuren auf 6750 angewachsen.... mehr
Fall Bögerl: Kein Strafverfahren gegen Ermittler
Heidenheim Die Anzeige eines Privatmanns gegen die Ermittler im Mordfall Bögerl hat keine Folgen: Die Oberstaatsanwaltschaft wird nicht ermitteln.... mehr
Zeitpunkt des Todes weiterhin unklar
Heidenheim Enttäuschendes Ergebnis eines Gutachtens im Mordfall Bögerl: Der Todeszeitpunkt des Opfers bleibt völlig offen. Die Ermittler sind keinen Schritt weiter.... mehr
Polizei verteidigt Einsatztaktik im Fall Bögerl
Heidenheim Während die mit der Aufklärung des Heidenheimer Entführungsfalls Bögerl befasste Soko weiterhin auf Hochtouren arbeitet, hat sich die Polizeiführung jetzt erstmals zur Kritik an ihrer Öffentlichkeitsarbeit und zu Berichten über angebliche Pannen geäußert.... mehr



