Inklusion im Alltagstest - Erfahrungen in einem Blog

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    Dieses Bild ging vor zwei Jahren durch die Medien: Kirsten Ehrhardt mit ihrem Sohn Henri. Foto: 
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    Kirsten Jakob. Foto: 
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Wie ist das jetzt mit der Inklusion? Es ist eine einfache Frage, doch so leicht lässt sie sich nicht beantworten, findet Kirsten Jakob. „Die allgemeine Wahrnehmung ist: Jetzt steht an vielen Stellen Inklusion drauf und alles ist gut“, sagt die 56-Jährige: „Aber wenn man selbst drinsteckt, hat man das Gefühl, dass nichts vorankommt.“

Dieses Gefühl spiegelt sich im Titel des Blogs wieder, den die Ulmerin gemeinsam mit Kirsten Ehrhardt betreibt: „Zwischen Inklusion und Nixklusion“. Geschichten aus dem Leben von Eltern, deren Kinder anders sind. So wie Hans und Henri, die Söhne der beiden Frauen, geboren mit Down Syndrom. Zwei Jugendliche, die einen inklusiven Weg gehen, der ohne die massive Unterstützung ihrer Eltern nicht möglich wäre.

Der „Fall Henri“ ging 2014 bundesweit durch die Medien. Er sollte in Walldorf aufs Gymnasium, doch er durfte nicht. Nun besucht er eine Realschule. Seine Mutter Kisten Ehrhardt schrieb ein Buch über ihre Erfahrungen. Ehrenamtlich sind beide Frauen in der Beratung tätig. Kirsten Jakob arbeitet halbtags am Bürgerzentrum Eselsberg. Ihr Sohn Hans geht in Blaustein zur Schule. Der Weg ins Berufsleben ist für ihn der nächste Schritt. Kirsten Ehrhardt ist Projektleiterin für unabhängige Beratung bei der Landesarbeitsgemeinschaft „Gemeinsam leben – gemeinsam lernen“.

Geschichten kommen zu uns

Mit ihrem Blog wollen die beiden einen etwas anderen Blick auf die Inklusion werfen. Kein Betroffenheitsblog sollte es sein, das war ihnen wichtig. Davon gebe es genug. Sie schildern „Geschichten aus dem Leben“, die einen unkommentierten Blick auf die Situation werfen. „Es sind lustige Geschichten dabei, aber auch solche, bei denen einem das Lachen gefriert. Aber so ist es halt. Die Geschichten kommen zu uns. Wir suchen sie nicht“, erzählt Kirsten Jakob. Die Reaktionen zeigten, dass viele sich wiedererkennen.

Sie alle zeigen eins: Inklusion kann nicht verordnet werden. Inklusion passiert im Kopf und wenn sie scheitert, ist selten fehlendes Geld schuld, wie oft vorgeschoben wird. Da ist zum Beispiel das sehbehinderte Mädchen, das in der Regelschule prima mitmachen könnte – wenn die Arbeitsblätter nicht auf Umweltschutzpapier gedruckt wären. Weißes Papier? Dafür gibt es kein Budget. „Wie soll ich denn das verbuchen“, fragt die Schulleiterin. Bis in diesem Fall der Schulrätin der Kragen platzt. Sie will selbst im Papierladen eine Packung weißes Papier besorgen. Von da an funktioniert es.

„Keine der Geschichten ist erfunden“, sagt Kirsten Jakob. Die Kinder haben keine Namen, sie werden „der Junge“ oder „das Mädchen“ genannt. Die Situationen sind etwas verfremdet. Die Frauen wollen nicht anklagen, sondern die absurden Situationen darstellen, an denen Inklusion scheitert. Wie bei der Fußball-AG, in der ein Lehrer den Jungen nicht wollte, obwohl er schon im Verein kickte. Die Teilnahme wurde angeordnet, doch der Lehrer sprach nicht mit dem Jungen, sondern nur mit seiner Schulbegleitung und gab ihm Extra-Aufgaben. Das Gegenteil von Inklusion.

Ein Etikett ohne Inhalt

Es gibt auch die anderen Geschichten, in denen Lehrer oder Kinder sich gegen die Bedenkenträger durchsetzen. Ob Inklusion funktioniert oder nicht, hängt eben immer noch von den handelnden Personen ab. „Sagen wir es mal so: Die, die vorher schon gut waren, sind es immer noch. Die, die es machen müssen, tun es halt, aber keiner schaut drauf, wie sie es machen“, fasst Kirsten Jakob zusammen.

Wenn sich irgendwo Schüler mit und ohne Behinderung begegnen, bekomme dies das Etikett „Inklusion“. So wie bei dem Mädchen, das in den meisten Unterrichtsstunden an einem eigenen Tisch auf dem Gang sitzen muss. Bis die Feuerwehr kommt und den Tisch verbietet, weil der Fluchtweg offen gehalten werden müsse. Die Schlussfolgerung des Schulleiters: „Inklusion können wir dann natürlich nicht mehr machen!“

„Es fehlen die Qualitätsstandards und die Menschen, die sie einfordern“, sagt Kirsten Jakob. Das hänge an den Eltern, sofern sie die Nerven, die Persönlichkeit und die Kraft dazu haben. „Ich war schon mal hoffnungsvoller“, sagt Kirsten Jakob, wenn sie nochmal über den Stand der Inklusion nachdenkt.

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