Pendler stehen 46 Stunden im Stau

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Rund ums Stuttgarter Neckartor, wo sich auch die ADAC-Zentrale befindet, ballt sich täglich der Verkehr.  Foto: 

Klammheimlich hat München im vergangenen Jahr Stuttgart vom Thron verstoßen und als Stauhauptstadt abgelöst. Das heißt aber nicht, dass sich die Verkehrssituation in Stuttgart entspannt hätte. Nein, die Messmethoden seien einfach nur gegenüber dem Vorjahr verändert und verfeinert worden, sagt ein Sprecher des amerikanischen Unternehmens Inrix, das weltweite Verkehrsdaten analysiert und Indizes erstellt.

So standen die Autofahrer im Jahr 2016 in München 49 Stunden lang im Stau. Drei Stunden kürzer, nämlich 46 Stunden waren es in den bisherigen Spitzenreiterstädten Köln, Stuttgart und  – Überraschung – Heilbronn. Auch die 120 000-Einwohner-Stadt am Neckar kann Stau. Natürlich sind Strecken und Fahrten in Heilbronn generell kürzer. Weil aber für die Inrix-Stauquote nicht die Streckenlänge ausschlaggebend ist, sondern gemessen wird, wie viel Zeit anteilig pro Fahrt im Stau gestanden wird, hat Heilbronn die zweifelhafte Ehre, ebenfalls ganz vorn auf der Staustadt-Liste zu stehen.

Ärger über hohe Parkgebühren

Staus nerven nicht nur, sondern sind enorm teuer. Laut Inrix summierten sich in Stuttgart 2016 die direkten Kosten wie Kraftstoff und verlorene Zeit plus die indirekten Kosten wie verpasste Aufträge auf über 680 Millionen Euro oder gute 2100 Euro pro Fahrer.

Doch eigentlich braucht es die Statistik gar nicht. Es reicht, den Verkehrsfunk einzustellen, um zu hören, dass der Verkehr in der Stadt nicht mehr nur zu den Stoß-­, sondern auch zu ganz normalen Tageszeiten stockt. Durchschnittlich 59 Staus in Stuttgart werden pro Tag gezählt. Die Geschwindigkeit in Stoßzeiten auf den großen Ein- und Ausfallstraßen liegt durchschnittlich  bei 25 Stundenkilometern. Normal sind 69 Stundenkilometer. Innerhalb der Stadt kommen die Fahrzeuge mit Tempo 10 statt 46 voran.

Insofern sind die Ergebnisse der repräsentativen „Mobil in der Stadt“-Studie des ADAC, die jetzt zum ersten Mal durchgeführt wurde, nicht weiter erstaunlich. Je 600 Verkehrsteilnehmer wurden in den 15 größten deutschen Städten nach ihrer Zufriedenheit mit den von ihnen genutzten Verkehrsmitteln befragt. Besonders zufrieden sind demnach die Leipziger, Dresdner und Dortmunder mit der Mobilität in ihrer Stadt. Und generell sind Fußgänger, Radfahrer und Nutzer des öffentlichen Nahverkehrs wesentlich zufriedener mit ihrer Verkehrssituation als die Autofahrer. Am schlechtesten bewerten allerdings die Stuttgarter Autofahrer ihre Situation und landen damit im Städteranking auf der Schlusslichtposition 15.

Am meisten ärgern sich die Autofahrer laut ADAC über das Baustellenmanagement, hohe Parkgebühren und das knappe Parkraum­angebot im Stadtgebiet. Wobei sich die Situation eher noch verschärfen wird. Ende Juli hatte der Stuttgarter Gemeinderat nach einer kontrovers geführten Debatte beschlossen, bis zu 200 oberirdische Parkplätze innerhalb des Cityrings zu kassieren und zu Flanierzonen umzuwandeln.

Pkws sollen damit künftig nur noch in den Stadtkern einfahren dürfen, wenn sie eine Zufahrtsberechtigung zu den Parkhäusern oder privaten Stellflächen in diesem Gebiet haben, Lieferverkehr wird nur noch zu bestimmten Zeiten möglich sein. Damit sollen Fußgänger und Radfahrer in der Innenstadt mehr Raum erhalten. Erste Maßnahmen sollen bereits mit dem nächsten Doppelhaushalt 2018/2019 umgesetzt werden.

 „Es ist eine Art von versteckter Maut, wenn Parkplätze verteuert werden oder ganz wegfallen“, sagt der Verkehrsexperte Carsten Bamberg vom ADAC Württemberg. Ansätze zur Verbesserung der Situation für den kollabierenden Stuttgarter Autoverkehr sieht er durch eine optimierte Verknüpfung der Verkehrsträger sowie durch die Optimierung des Verkehrs- und Baustellenmanagements. „Es muss der Stadt doch zu denken geben, dass die Bewertung dieses Themas extrem schlecht ist“, sagt er. Dies sei ein Punkt, der sich im Gegensatz zu vielen anderen Verkehrsaspekten rasch verbessern ließe. Wichtig­ste Aufgabe aber bleibt, „das Gesamtangebot im ÖPNV trotz positiver Bewertungen in der Umfrage weiter auszubauen und sehr viel attraktiver zu gestalten, um damit auch Autofahrer zum Umstieg zu bewegen“.

 „Wir kennen die ADAC-Studie“, heißt es aus dem Stuttgarter Rathaus. Das schon seit längerem bekannte Ziel der Stadt sei es, den innerstädtischen Autoverkehr um 20 Prozent zu reduzieren, erklärt eine Sprecherin der Stadt und deshalb – und hier sind sich ADAC und Stadt einig – den öffentlichen Nahverkehr so attraktiv zu machen, dass mehr Autofahrer ihren Wagen stehenlassen.Nächste Woche wird der Doppelhaushalt der Stadt verabschiedet. Dann wird es zu diesem Thema eine ganze Reihe von Beschlüssen geben.

Im internationalen Vergleich kann Deutschland fast noch als Autofahrer-Paradies gelten. Innerhalb Europas liegt die deutsche Stau-Hauptstadt München auf dem neunten Platz. Die erste Position hält laut der Inrix-Analysen Moskau mit mehr als 90 Stunden Stauzeit pro Jahr.

Los Angeles ist weltweit der Spitzenreiter. Obwohl die kalifornischen High- und Freeways teilweise mit mehr als 16 Spuren ausgebaut sind, steht der leidgeplagte amerikanische Pendler dort jährlich 104 Stunden im Stau. bw

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Kommentare

07.12.2017 09:00 Uhr

Und hier in Ulm

15 Minuten pro Arbeitstag sind doch auch hier in Ulm kein Problem!

z.B gestern und heute Morgen: Stau von Seligweiler bis Böfingen und wenn dann mal wieder die Kreuzung im Junginger Industriegebiet spinnt, stehen sie im Feierabendverkehr von dort runter bis zur B10.

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