Asyl-Erleichterung für Muslime durch Bekenntniswechsel?

Der Vorwurf ist hart: Muslime versuchten sich mit dem Übertritt zum Christentum Vorteile im Asylverfahren zu erschleichen. Die Realität sieht anders aus.

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Massentaufe von Kindern und Erwachsenen im Flüss­chen Alb in Karlsruhe.  Foto: 

Pfarrer Hanna Nouri Josua aus Stuttgart ist vorsichtig. Am Telefon will er sich nicht äußern über Muslime, die zum Christentum übergetreten sind. Ein Glaubenswechsel gilt in vielen muslimischen Ländern als Apostasie –  Gotteslästerung. Darauf stehen nicht nur im Iran schwere Strafen. Auch in Deutschland hat ein Bekenntniswechsel oft dramatische Folgen. Taktische Taufen, um sich Vorteile im Asylverfahren zu verschaffen, seien selten, glaubt der Pastor der arabisch-evangelischen Gemeinde Stuttgart. „Wir prüfen genau.“

Dabei war es genau der Vorwurf, der nach einem furchtbaren Verbrechen vor einem Jahr erhoben wurde. Ein afghanischer Asylbewerber hatte in Ansbach einen fünfjährigen Jungen getötet. Der Mann war schon vorher kriminell geworden und hätte in seine Heimat abgeschoben werden sollen. Doch der Übertritt zum Christentum und die damit zu erwartende Verfolgung in Afghanistan hatten das verhindert. War sein Bekenntniswechsel damit nur Mittel zum Zweck?

Zahlen gibt es kaum: Von knapp 10 Konversionen pro Jahr und Diözese geht die katholische Bischofskonferenz aus. Pfarrer Josua nennt höhere Zahlen. 1000 bis 2000 Übertritte für 2016 allein in der württembergischen Landeskirche schätzt er. Die Ungenauigkeiten resultieren daraus, dass Taufen zwar erfasst werden, nicht aber, was der Betroffene zuvor war. Gemessen an der Zahl der Flüchtlinge ist die Gruppe dennoch überschaubar. Das liegt auch daran, dass ein schneller Glaubenswechsel bei den großen Kirchen nicht möglich ist. Die Taufvorbereitung zieht sich hin, oft über ein bis eineinhalb Jahre. Das schreckt jene ab, die sich um eines Vorteils im Anerkennungsverfahren Willen taufen lassen wollen. Freikirchen agieren mitunter anders. In diesen Kreisen sei man möglicherweise „schneller mit dem Taufwasser unterwegs“, sagt Jörn Thielmann. Der Islamwissenschaftler von der Uni Erlangen bestätigt: „Das Interesse an Taufen steigt.“

Zunächst waren es vor allem Iraner, die sich nach dem Bruch mit dem Heimatland auch innerlich neu ausrichten wollten. Sie waren oft  angewidert von den Machtspielen des Mullah-Regimes, das dafür die Religion missbrauchte. Andere Exilanten begannen in Deutschland aber auch das offen zu leben, womit sie im Iran im Verborgenen Kontakt hatten. Inzwischen nehmen jedoch auch Anfragen von Muslimen mit arabischen Wurzeln zu.

Pfarrer Hanna Josua, der aus dem Libanon stammt, sagt: „Viele sind  tief erschüttert worden“ – vom Gewaltgehalt des Islam und der Gnadenlosigkeit gegenüber Andersgläubigen. „Die glauben nicht mehr, dass der Hass nichts mit ihrer Religion zu tun hat.“ Gesellschaftliche Strukturen seien im Namen des Islam zerstört, Minderheiten ausradiert worden. Das habe viele Muslime an ihrem Glauben verzweifeln lassen. „Manche wollen einfach nichts mehr mit einer Religion zu tun haben, in deren Namen gemordet wird“, bestätigt Thielmann. Sie schämen sich für die Untaten der Terrormiliz IS und wollen mit einer Konversion ihre Distanz zum Ausdruck bringen.

Andere sind beeindruckt vom Engagement der christlichen Flüchtlingshelfer, die sich uneigennützig einsetzen für Andersgläubige. Wieder andere suchen nach innerem Halt und einem Gefühl von Zugehörigkeit in einer religiösen Gemeinschaft. Das scheinen besonders Freikirchen zu vermitteln. Bei deren Versammlungen finden Interessierte oft die Nestwärme, die sie mit der Flucht eingebüßt haben.

Um Vorteile bei der Asylbeantragung jedenfalls gehe es den Wenigsten. Dazu sei der Preis zu hoch. „Wer konvertiert, stirbt einen sozialen Tod“, sagt Islamforscher Tielmann. Oft geht die Familie auf Distanz. Wie im Fall eines iranischen Studenten aus Göttingen. Bei einem Anruf zuhause habe ihm die Mutter unter Tränen gestanden: „Wenn Du nach Hause kommst, musst Du sterben.“ Wer dem Islam abschwört, verstößt gegen die islamische Ordnung. Das kommt einem Hochverrat gleich.  Auch in Afghanistan, Pakistan und Ägypten seien Konvertiten „definitiv gefährdet“. Oft hat ein Glaubenswechsel auch zivilrechtliche Folgen. Konvertiten verlieren Eigentums- und Erbrechte. Zwangsscheidungen drohen.

Auch in deutschen Gemeinschaftsunterkünften gibt es Anfeindungen. Gerade Flüchtlinge aus Ländern, in denen der muslimische Glaube eng ausgelegt wird, könnten den Bekenntniswechsel anderer nur schwer akzeptieren.  Hanna Josua ist da strikt: „Wer die Religionsfreiheit nicht akzeptiert, wird in Deutschland nicht ankommen.“

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) hat sich inzwischen auf knifflige Fragen eingestellt. „Die Konversion eines Asylbewerbers wird im Asylverfahren berücksichtigt, wenn sie glaubhaft vorgetragen wird.“ Eine Taufbescheinigung allein genüge nicht. Der Antragsteller müsse glaubhaft machen, dass er seine neue Religion bei der Rückkehr in sein Heimatland ausüben wird und dass ihm deswe gen dort Verfolgung droht.

Die Überprüfung freilich ist schwierig. Denn darf der deutsche Staat überhaupt über Glaubensdinge entscheiden? Und kann ein Sachbearbeiter die Tiefe des Glaubens eines Flüchtlings ermessen? Pastor Hanna Josua berichtet von einer Bamf-Mitarbeiterin, die einen Konvertiten aus Baden-Württemberg geprüft habe. „Sie wollte sogar die Namen der sechs Kinder von Martin Luther wissen.“ Diese Antwort hätten vermutlich auch langjährige evangelische Christen nicht parat.

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