Einfach und genial

Man braucht Dinge, die das Leben vereinfachen. Gerade dann, wenn das Leben einmal nicht einfach ist. Der Dormettinger Harry Ruf (51) weiß das - und hat die Gehstütze revolutioniert.

|
Die von Harry Ruf entwickelte freistehende Unterarmgehstütze steht ohne fremde Hilfe.  Foto: 

Frei stehende Unterarmgehstütze lautet das Begriffsmonstrum, das Harry Ruf entwickelt hat. Wer sich darunter nichts vorstellen kann, darf auch die landläufige Bezeichnungen Krücke oder Gehhilfe verwenden. Fast jeder hat sie schon einmal gebraucht und alle Betroffenen sind nicht nur erfreut über die beiden Stützen, die zwar Stabilität verleihen, aber ansonsten immer im Weg rumliegen. Denn das eigentliche Problem der Gehhilfen beginnt dann, wenn man gemütlich im Sessel oder auf einem Stuhl sitzt: Sie lassen sich nicht richtig ablegen, sind im Weg und rutschen im ungünstigsten Fall auf den Boden. Und dann hat man ein echtes Problem.

Harry Rufs Schwager hatte dieses Problem. Er war für einige Zeit auf Gehhilfen angewiesen. "Mach dir doch mal Gedanken darüber, ob sich da nicht irgendetwas verbessern lässt", sagte er zu seinem Verwandten, wohl wissend, dass Harry Ruf ein Tüftler und Denker ist. Der Dormettinger zog sich in seine Kellerwerkstatt zurück und begann zu probieren, zu grübeln, zu entwerfen - und hatte einen verblüffend einfachen Einfall. Er befestigte zwei lösbare Magnetverbindungen an den beiden Krücken. Stellt man die eine auf den Kopf, bildet sich unten eine Stellfläche, eine sogenannte Dreipunktauflage. Durch die Magnete bleiben die beiden Krücken aneinander haften und können problemlos abgestellt werden - und das sogar bei leichtem Gefälle. "Mein Schwager war Testläufer", sagt Harry Ruf. Und der Testläufer war zufrieden. Die Vorteile der Erfindung stechen ins Auge. Die "frei stehende Unterarmgehstütze" gewährleistet ein einfaches und platzsparendes Abstellen, sie bleibt immer griffbereit, man ist nicht mehr auf fremde Hilfe angewiesen und zudem stolpert niemand mehr über schrägstehende Krücken.

"Wieso ist da bisher noch niemand draufgekommen", fragte sich Harry Ruf und war anfangs noch etwas skeptisch. Ganz anders das Steinbeis-Transferzentrum in Villingen-Schwenningen. Dort war man von der Erfindung begeistert. Zusammen mit Vertretern des Zentrums ging Harry Ruf Ende Oktober auf die Iena-Messe nach Nürnberg. Dort präsentierte er seine Erfindung - und zwar nicht nur interessierten Unternehmen aus der Gesundheitsbranche, sondern auch Betroffenen, die tagtäglich auf Gehhilfen angewiesen sind. "Diese Menschen suchen nach Lösungen", sagt Ruf. Und eine solche Lösung haben sie mit seiner Erfindung gefunden. Aber auch Ärzte, Fachpersonal und Physiotherapeuten seien verblüfft gewesen.

Die Fachjury auf der Messe war es auch und zeichnete Rufs frei stehende Unterarmgehstütze mit einer Bronzemedaille aus. Jetzt will der Dormettinger in Produktion gehen. Einen Lieferanten für die Gehhilfen hat der 51-Jährige bereits, die Endproduktion findet in Dormettingen statt.

Diese besondere Gehhilfe ist nicht die erste erfolgreiche Erfindung des Dormettinger Tüftlers. Wenn der CNC-Programmierer Feierabend hat, verschwindet er öfter mal in seine Kellerwerkstatt und beginnt nachzudenken und zu werkeln. Harry Ruf ist der Inbegriff eines schwäbischen Tüftlers, wenn auch nicht jede Idee zündet. "Ich habe schon viel begonnen, was nachher dann doch nichts geworden ist", verrät er und schmunzelt.

Einige Dinge jedoch sind von bleibendem Wert. Seine Schlauchführung für Gartenschläuche und Kabeltrommeln beispielsweise. Nachdem ihm das Schlauchgewirr beim Rasensprengen immer wieder aufgeregt hat, begannen Rufs Drähte zu glühen. Heraus kam eine Erfindung, die er zum Patent angemeldet hat. Der Gartengerätehersteller Gardena zeigte Interesse und hat einen Teil seiner Schlauchtrommeln mit der Rufschen Erfindung ausgestattet. Erfolgreich ist Rufs An- und Ausziehhilfe für medizinische Kompressionsstrümpfe, die vor allem älteren Menschen eine große Last abnimmt. Auch diese Erfindung wird zwischenzeitlich von einem Unternehmen vermarktet.

Wenn Harry Ruf etwas ungeschickt vorkommt, will er es verbessern. Das ist quasi die Problemstellung, "der erste Schritt des Entwicklungsprozesses", sagt er. "Ich denke darüber nach, ich tüftle und manchmal habe ich einen Geistesblitz", sagt der Dormettinger.

So wie bei den selbst stehenden Gehhilfen. "Einfach und genial", umschreibt Harry Ruf seine Erfindung. "Einfach und genial" - so präsentierte es das Steinbeis-Transferzentrum. "Einfach genial", sagte ihm ein Betroffener auf der Iena - und freute sich.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Michael Knaus ist neuer Leitender Pfarrer in Hechingen

Der 42-jährige gebürtige Ebinger übernimmt im Februar 2018 sein neues Amt in der Seelsorgeeinheit St. Luzius und die Verantwortung für 8800 Katholiken. weiter lesen