Nur geringe Resonanz bei Dialogverfahren in Dotternhausen

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Heiko Lebherz (rechts), Bürgermeister von Hausen und Ratshausen,  zog ein eher ernüchterndes Fazit des Dialogverfahrens. Neben Bürgermeisterin Monique Adrian (Zweite von links) waren auch Vertreter des Gemeinderats und der Bürgerinitiative vor Ort.    Foto: 

Wie läuft ein Genehmigungsverfahren ab, wie werden Schadstoffmesswerte erhoben und von wem überwacht, wie arbeitet ein neutraler Gutachter und was passiert in einigen Jahren mit dem Plettenberg – beim zweiten und letzten Teil des Dialogverfahrens, das die Firma Holcim in Dotternhausen angestoßen hatte, wurden etliche Fragen rund um die geplante Süderweiterung des Abbaugebiets beantwortet.

Die Resonanz auf die Einladung war indes verhalten. Dabei wollten die Fachleute vom Regierungspräsidium und vom Bifa-Umweltinstitut sowie die Vertreter der Gemeinde, allen voran Bürgermeisterin Monique Adrian, und Vertreter von Holcim, an diesem Samstag Antworten geben auf die noch immer ungeklärten Fragen aus der Bevölkerung.

Die Vertreter der Bürgerinitiativen für einen verträglichen Kalksteinabbau und Pro Plettenberg hatten den Weg in die Festhalle gefunden, ebenso einige Gemeinderäte und Holcim-Mitarbeiter. „Ich bin enttäuscht, dass so wenige da sind“, formulierte der Dotternhausener Günter Schäfer seinen Eindruck. Besonders scharf kritisierte er das Fernbleiben von Vertretern des Landratsamts. Warum aber auch die Bürger des Dorfs keine Lust auf Dialog hatten – seiner Meinung nach hätten die meisten das Vertrauen in die Verwaltung und die Zementfirma im Lauf der Zeit verloren und  würden sich nichts von der Veranstaltung versprechen.

Die Anwesenden zogen am Nachmittag allerdings zum großen Teil ein anderes Fazit. Auf viele Fragen hätte die Expertenrunde verständliche und plausible Erklärungen geben können, befanden die meisten. „Ich hätte mehr Konflikt erwartet und bin froh, dass das so konstruktiv geblieben ist“, freute sich Prof. Dr. Roland Fritz, der eine der drei Themen-Gesprächsgruppen als Mediator betreut hatte. Die Fachleute seien sehr gut aufgenommen worden und hätten ihr Wissen mit großer Geduld eingebracht.

Dass Holcim in den nächsten Jahren die markante Seilbahn mit den Loren ersetzen möchte, beispielsweise durch eine Art Förderband, wurde bei den Gesprächen ebenso thematisiert wie die Lärmbelastung und die Erschütterungen durch Sprengungen, die vor allem die Lebensqualität der Bewohner auf der Ostseite des Plettenbergs beeinträchtigen.

Nicht immer gab es Einigkeit unter den Teilnehmern, was überhaupt als Problem empfunden wird: Während sich die einen von der Gemeinde und der Zementfirma schlecht informiert fühlten, lobten andere die Möglichkeit, jederzeit Fragen stellen zu dürfen.

„Für ein Dialogverfahren ist es wichtig, zwischen dem Wissen der Experten und den persönlichen Werten und Präferenzen zu trennen“, schilderte Dr. Piet Sellke. „Es ist wichtig, dass Sie anerkennen, was Fakten sind. Ob sie die dann gut finden oder nicht, ist etwas anderes“, erklärte er und appellierte für die Zukunft noch einmal an den Respekt anderen gegenüber.

Mit den Bürgern im Dialog zu bleiben – dies versprachen Werksleiter Dieter Schillo und Bürgermeisterin Monique Adrian. Auch die Grenzen wollte die Verwaltungschefin abstecken lassen. „Sobald wir uns festgelegt haben“, fügte sie an. Denn die Verhandlungen mit Holcim seien an einem Punkt angelangt, bei dem Einigkeit bestehe, aber noch kein Vertragsentwurf. Die Verträge offenzulegen, dies wurde von den Bürgern ebenso gefordert, könne man indes nicht, gab Schillo zu bedenken. „Hier ist die Transparenz eine Gratwanderung, weil wir im Wettbewerb mit anderen stehen. Alles können wir nicht ans Schwarze Brett hängen“, erklärte er. Immerhin die jährlichen Pachteinnahmen dürfe die Bürgermeisterin der Öffentlichkeit nun zugänglich machen.

Für die Mediation, die die Gemeinde mit der Bürgerinitiative angestrebt habe, gebe es noch keinen fixen Termin. Hier sei die Bürgerinitiative am Zug, betonte Monique Adrian. Klar indes sei, daran ließ Dieter Schillo keinen Zweifel, dass das Zementwerk zumindest die erste Tranche der Süderweiterung bis 2018 benötige. Der zweite Abschnitt werde erst dann zum Abbau freigegeben, wenn alle Auflagen erfüllt und dem Natur- und Umweltrecht genüge getan sei. Die Gutachter seien dabei akkreditierte, neutrale und von der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg (LUBW) überwachte Experten, denen man vertrauen könne, wie Andrea Bär vom Regierungspräsidium Tübingen anmerkte. „Da werden keine Feld-, Wald- und Wiesengutachter eingesetzt“, ergänzte sie.

Und während die Veranstaltung abschließend von den meisten als Bereicherung und als gute Informationsquelle verstanden wurde, fehlte Heiko Lebherz, Bürgermeister von Hausen und Ratshausen, ein konkreteres Ergebnis. „Niemand bewegt sich auf den anderen zu“, zog er sein persönliches Fazit, worauf Werksleiter Dieter Schillo an den angehobenen Pachtzins und die Verkleinerung der Abbaufläche erinnerte. „Vielleicht hatten sie falsche ­Erwartungen. Die Fakten sind mittlerweile klar, da wird nicht mehr verhandelt“, betonte er. Und gegen Ende kochten die Emotionen dann doch noch einmal hoch.

Auf die Frage eines Holcim-Mitarbeiters, ob die Vertreter der Bürgerinitiative aus der Zusammenkunft mit den Fachleuten nun hätten Vertrauen schöpfen können, erntete er ein eindeutiges Nein. Otto Scherer bemängelte, er habe nicht den Eindruck gehabt, auf Augenhöhe mit den Experten gesprochen zu haben, Siegfried Rall fühlte sich sogar „wieder nur mit Halbwahrheiten abgespeist“.

„Wenn Sie nur noch ‚Lüge!‘ rufen, hat Mediation auch keinen Sinn mehr“, gab Dr. Sellke zu bedenken und schloss die Zusammenkunft mit dem guten Rat: „Reden Sie weiterhin miteinander und nicht übereinander.“

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