"Ich habe ums Leben gerungen"

Die lebensbedrohliche Diagnose: Lungenkollaps. Anstatt in den Wirbel zu spritzen, soll der Stich in die Lunge erfolgt sein. Eine Frau aus Bitz verklagt deshalb einen Bordarzt, der 2013 auf der "Aida" tätig war.

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Die Ordner werden immer dicker: Seit zwei Jahren kämpft Angelika Taunisio nun schon um ihr Recht. Bei einem Aufenthalt auf einer Kreuzfahrt soll sie vom Bordarzt falsch behandelt und dabei lebensbedrohlich verletzt worden sein.  Foto: 

Es sollte ein schöner Urlaub werden. Das erste Mal auf einem Kreuzfahrtschiff. Als sich Angelika Taunisio aus Bitz und ihre Tochter Carina am 19. Januar 2013 per Flugzeug nach Teneriffa aufmachten und dort ein Kreuzfahrtschiff der "Aida" betraten, wusste die damals 56-Jährige noch nicht, dass sie schon bald um ihr Leben ringen wird.

"Ich hatte in der Nacht starke Rückenschmerzen", erzählt die gelernte Arzthelferin. Diese Schmerzen kannte sie bereits: Ein entzündeter Nerv zwischen den Wirbeln, der entlang der Rippen verläuft. Ihr Hausarzt betäube üblicherweise den Nerv, indem er ihr ein Narkotikum in den Wirbel spritze. "Ich schlug mich die Nacht mit Schmerztabletten durch", erzählt die heute 58-Jährige weiter. Genützt hätten die Tabletten nur wenig. Angelika Taunisio entschloss sich deshalb, den Schiffsarzt aufzusuchen.

An diesem Tag war ein Landgang auf Madeira geplant. Das Schiff ankerte am Hafen - ein lebensrettender Zufall, sagt die Bitzerin heute. Um 16.30 Uhr begann die Sprechstunde des Arztes. Angelika Taunisio schilderte dem Mediziner ihre Beschwerden und erläuterte das Vorgehen ihres Hausarztes. "Dann machen wir es eben auch so", soll der Arzt gesagt haben.

Über die Risiken habe er sie nicht aufgeklärt, darin ist sich Angelika Taunisio sicher. "Er stach drei Mal mit der selben Spritze ein und sagte, dass die Wirkung binnen 20 bis 30 Minuten einsetzen werde", so ihre Schilderung.

Doch bereits beim Verlassen der Praxis merkte Angelika Taunisio, dass etwas nicht stimmte: "Die rechte Oberkörperhälfte wurde ganz heiß", schildert die 58-Jährige ihr Empfinden. Sie ging dennoch mit ihrer Tochter an Deck. Sie wollte warten, bis die Wirkung einsetzt, um dann in die Stadt zu gehen. "Ich setzte mich und bekam plötzlich furchtbare Magenschmerzen." Sie stand auf, um sich in der Kabine Magentabletten zu holen. Doch sie kam nur drei Schritte weit. "Ich musste mich an meiner Tochter festklammern, weil ich keine Luft mehr bekam."

Der Barkeeper alarmierte die Krankenstation. Etwa zehn Minuten später soll der Bordarzt eingetroffen sein und brachte sie zurück in die Krankenstation. "Ich habe mit jedem Atemzug um mein Leben gerungen", erinnert sich die 58-Jährige an die Situation, in der sie, wie sie sagt, panische Todesangst hatte. Angelika Taunisio schildert, dass der Arzt einen Bronchospasmus vermutete und sie auf diese Diagnose hin behandelte. Zuvor habe er sich bei der Tochter nach Erkrankungen erkundigt, an denen die Mutter leidet und ob es schon zuvor Anfälle dieser Art gab. "Chronische Bronchitis", antwortete Carina, doch einen Anfall habe die Mutter noch nie gehabt.

Der Mediziner soll ihr mehrere Medikamente verabreicht haben. Eine Besserung war jedoch nicht in Sicht. Nach anderthalb Stunden entschied sich der Arzt, Angelika Taunisio in die Klinik an Land zu verlegen. "Es könnte zum Tod führen", soll der Arzt zur Tochter im Nebenzimmer gesagt haben, werde die Mutter nicht in das Krankenhaus verlegt. "Das war ein Schock für mich", schildert Carina Taunisio die Worte des Arztes. Und noch bevor Carina das Schiff verließ, sagt sie, wurde ihr eine Rechnung für die Behandlung in die Hand gedrückt. Rechnungsbetrag: etwa 600 Euro.

Die Klinikärzte an Land diagnostizierten sofort die lebensbedrohliche Situation: Pneumothorax - die Lunge fällt zusammen, weil die Ausdehnung eines Lungenflügels behindert wird. Der Verdacht: Der Bordarzt hat zu tief gestochen und die Lunge beschädigt. Angelika Taunisio musste sofort notoperiert werden.

Alles musste sehr schnell gehen. Für eine Narkose blieb keine Zeit. Die Ärzte schnitten ihr ohne Betäubung in den seitlichen Brustkorb und schoben einen 20 Zentimeter langen Metallstab mit voller Wucht bis ans Brustbein hoch, erzählt Angelika Taunisio. "Es waren furchtbare Schmerzen", sagt sie. Ihr wurde eine Drainage gelegt, die ein Vakuum erzeugt - die Lunge steht wieder auf. Angelika Taunisio wurde dabei eine Rippe gebrochen. Doch das sei nur ein kleines Übel. Sie sei froh, überlebt zu haben.

Die Ärzte im Klinikum an Land hätten laut Angelika Taunisio sofort erkannt, dass der Bordarzt zu tief gestochen habe. Er widerspricht dem Vorwurf bis heute jedoch vehement: Seine Nadel sei gar nicht so lang gewesen. Angelika Taunisio schildert, dass sie der Mediziner bei der ersten Behandlung weder über die Risiken aufgeklärt hätte, noch in der zweiten lebensbedrohlichen Situation geröntgt oder mit dem Stethoskop abgehört hätte. Auch diese Vorwürfe streitet er ab.

Fünf Tage später wurde Angelika Taunisio mit dem ADAC ausgeflogen. Nach einer zusätzlichen Behandlung im Tübinger Klinikum schaltete Angelika Taunisio einen Anwalt ein und verklagte den behandelnden Arzt auf Schadensersatz im fünfstelligen Bereich.

Ein eigens eingeholtes Gutachten soll bestätigen, dass der Arzt falsch gehandelt habe: "Die Angaben von Frau Taunisio, er habe nicht einmal die Lunge abgehört, sind durchaus glaubhaft, denn sonst hätte er merken müssen, dass die rechte Lunge nicht mehr beatmet und dies iatrogen (durch einen Arzt) verursacht war. Der Auskultationsbefund (Abhörbefund) bei einem Spannungspneumothorax ist so eindeutig, dass man die getroffene Fehldiagnose eines Asthma beziehungsweise eines Bronchospasmus nicht nachvollziehen kann." Und weiter heißt es: "Der schwerwiegende Befunderhebungsfehler führte dann dazu, dass der Bordarzt in den nächsten rund 90 Minuten eine unsinnige Therapie durchführte."

In der genannten "Therapie" soll ihr der Arzt einen Medikamentencocktail verabreicht haben, der, wie es in einem anderen Gutachten heißt, erhebliche gesundheitliche Folgen hätte haben können.

Dem Gutachten liegt ebenfalls ein Schreiben der Gegenseite vor, verfasst im August 2013: Darin formuliert das Havariekommissariat Pandi Services (örtliche Korrespondenten der Haftpflichtversicherer des Schiffes), dass der Arzt die Patientin über die Risiken der sogenannten Interkostalblockade aufgeklärt habe. Außerdem habe er sie selbstverständlich abgehorcht. Ein Pneumothorax sei nicht sofort voll ausgeprägt und so nicht auf Anhieb erkennbar.

Und auch die Dokumentation des Mediziners an Bord - die allerdings erst einen Tag nach der Behandlung erfolgte - soll von einem korrekten Vorgehen des Arztes zeugen: "(...) wurde von mir mehrfach die Lunge auskultiert (abgehorcht), (...). Hierbei fand sich jeweils ein Atemgeräusch über beide Lungen. (...). Die Patientin (...) äußerte wegen stärkster Schmerzen den ausdrücklichen Wunsch auf eine Betäubung des Rippennerven."

Die Dokumentation des vermeintlichen Aufklärungsgespräches fehlt allerdings. So wird auch im medizinischen Gutachten bemängelt: "In den vorgelegten Krankenunterlagen (...) finden sich grobe Dokumentationslücken und fragwürdige Fakten." An anderer Stelle ist von einer "miserablen Dokumentation" die Rede.

Auch zwei Jahre nach dem Vorfall ist es noch zu keiner Verhandlung oder einem Vergleich gekommen. Die Staatsanwaltschaft Traunstein ließ die Klage nämlich fallen - mangels hinreichendem Tatverdachts. Außerdem: "Wir erleben es immer wieder, dass Mediziner offensichtlich nicht in das Täterbild der Staatsanwaltschaft passen", sagt der Anwalt der Klägerin, Dr. Boris Meinecke. Dennoch ist er sich sicher, im Zivilrechtsverfahren Recht zu bekommen.

Aida Cruises bot trotz der fallengelassenen Klage eine Entschädigung an. In einem von Pandi Services verfassten Schreiben heißt es: "Gleichwohl will sich Aida Cruises an dieser Stelle einer einvernehmlichen Kulanzregelung nicht völlig verschließen. Aus diesem Grund zeigt sich Aida Cruises bereit, zur Abgeltung aller gegenwärtigen und zukünftigen Ansprüche aus diesem Ereignis einen Betrag in Höhe von 500 Euro zur Auszahlung zu bringen."

Als unverschämt bezeichnet Angelika Taunisio das Angebot. Dass nach zwei Jahren noch immer keine Entschuldigung von Seiten des Mediziners oder "Aida" erfolgte, findet sie ebenfalls bedauerlich. Einen Grund meint sie hierfür zu kennen: "So würden sie eingestehen, dass ein Fehler passiert ist."

In der Stellungnahme von "Aida" heißt es: "Das Verfahren wurde eingestellt, da sich der Tatvorwurf nicht bewahrheitet hat. Eine ärztliche Falschbehandlung liegt daher nicht vor. Darüber hinaus möchten wir uns zu diesem Fall nicht äußern." Auf die Bitte um eine Stellungnahme antwortete Pandi Services: "Leider können wir die von Ihnen aufgeworfenen Fragen nicht im Einzelnen beantworten. Wir sind von keiner Seite autorisiert, Ihnen zum Sachverhalt detaillierte Auskünfte zu geben. Es handelt sich hier um ein schwebendes Verfahren. Zudem betrifft der Fall höchstpersönliche Umstände von Frau Taunisio und anderer Personen. Infolgedessen ist es uns auch aus datenschutzrechtlichen Gründen verwehrt, Ihnen gegenüber hierzu eine Stellungnahme abzugeben."

Die Frage, wer in dem Fall autorisiert wäre, uns Auskunft zu geben, blieb unbeantwortet.

Angelika Taunisio will jedenfalls weiter für ihr Recht kämpfen und setzt nun ihre Hoffnungen in das Zivilrechtsverfahren. Denn ihrer Ansicht nach belegen nicht nur die Gutachten das Fehlverhalten des Arztes, auch die behandelnden Ärzte des ADAC und des Tübinger Klinikums sollen ihr geraten haben, sofort Anzeige zu erstatten.

Wie lange Angelika Taunisio auf ein Ergebnis im rechtlichen Rahmen noch warten muss, kann zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht gesagt werden.

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