Wo Geist und Witz zu Hause sind

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Stammtische sind die stehenden Heerlager der Kultur - pflegte ein Burladinger Realschullehrer zuweilen zu sagen. Ganz anders sah es ein Hechinger Kollege von ihm. Der war der Ansicht: Der Stammtisch ist die Keimzelle des Radikalismus! Das Wundersame dabei: Beide haben auf ihre Art Recht. Am Stammtisch kann man viel erfahren, oft etwas lernen, kann anregende Stunden voller Geist und Witz verbringen. Am Stammtisch wird, es sei zugegeben, freilich auch zuweilen viel dummes Zeug geredet, Dampf abgelassen, gehetzt, gezankt.

Ob so ein Stammtisch gelingt, hängt vom Ambiente ab. Gemütlich muss die Wirtsstube sein. Wobei freilich kein Mensch die Definition von Gemütlichkeit aufsagen könnte. Es ist gemütlich - oder eben nicht. Zum Stammtisch gehört weiterhin ein guter Wirt oder eine gute Wirtin. Der gute Wirt weiß alles, erzählt aber nur das Nötigste. Niemals fragt er seine Gäste inquisitorisch aus, aber trotz aller Diskretion ist der gute Wirt gleichwohl Vertrauter, Psychologe, Seelentröster und Ratgeber seiner Leute. Aber er ist nicht ihr Kumpel, andernfalls würde ja die Autorität leiden.

Zum gelungenen Stammtisch gehören selbstverständlich die Gäste. Leute, die etwas erlebt haben, tolldreiste Geschichten erzählen können, profilierte Meinungen vertreten oder die zumindest flotte Sprüche auf Lager haben. Ein einziger unleidiger Typ kann den kompletten Stammtisch verderben, Krakeeler, Großsprecher, Laberer, Leute, die Streit suchen, aber auch eher harmlose Typen, die regelmäßig das Wort an sich reißen und nicht mehr abgeben oder Thema und Verlauf einer Diskussion bestimmen - das alles ist Gift für den behaglichen Stammtisch. In dem Fall bleibt einzig die Flucht: "Zahlen".

Aber wenn alles zusammen- passt, dann ist Stammtisch Genuss pur, kein Krimi, kein Fernsehen kann da mithalten. Hier gibt es Informationen, hier kursieren prickelnde Gerüchte, hier gibt es waghalsige Geschichten, hier kann man lachen, kann aber auch mal um Kaisers Bart streiten ("Wie lange braucht eine Schnecke bis nach China?"), hier wird das kollektive Gedächtnis des Dorfes oder des Viertels gehätschelt und bewahrt. Und manchmal schweigt man auch einfach bloß. Einer seufzt und der andere bestätigt: "Jaja".

Ein Dasein ohne regelmäßigen Stammtisch - für die Liebhaber undenkbar. Allerdings ist er bedroht, so bedroht wie die Institution Wirtshaus überhaupt. Das immer wieder ins Feld geführte Rauchverbot ist nicht das größte Problem für das Schwinden. Erst recht nicht der Euro, der gerne für echte oder vermeintliche Missstände verantwortlich gemacht wird. Es ist einfach so, dass sich die Gesellschaft in den vergangenen 20, 30 Jahren radikal verändert hat. Das Unterhaltungs- und Kommunikationsangebot ist ein vollkommen anderes: Dutzende von Fernsehkanälen, Handys, Computer, Internet, regelmäßige Urlaube - all das bietet Zeitvertreib rund um die Uhr, Informationen in Hülle und Fülle. Das Überangebot kostet aber auch Zeit und Geld, was, so die Theorie, dann in Form von weniger oft Einkehren eingespart wird. Das Feierabendbier oder das Viertele zum Tagesausklang gibt es billig im Discounter. Wozu da noch ins Wirtshaus gehen, zumal die Gefahr besteht, zu verhocken. In dem Fall ist nicht nur der Führerschein gefährdet, sondern in gewisser Weise auch der Arbeitsplatz, an dem man morgens fit sein sollte.

Nicht zuletzt, so eine weitere Vermutung, liegt der Niedergang des Stammtisches auch an einem geänderten Familien- und Rollenverständnis. Ging früher der Vater noch auf ein Glas aus dem Haus, konnte es mit der Heimkehr spät werden. Achselzucken bei denen zu Hause: "Ist halt so, ist er wenigstens versorgt." Das dürfte, wie gesagt, in modernen Familien anders sein. Zum Glück.

Aber! Man muss es ja nicht übertreiben. Stammtisch ist auch schön, wenn man nur auf eine Stunde vorbeischaut, auf ein Glas, ein Radler, eine Schorle. Mal hören, was es Neues gibt. Doch, doch, das kann man durchaus erleben: Stammtischbrüder, die regelmäßig ihren Sprudel oder Kaffee trinken. Es ist nicht der Alkohol, der ihnen wichtig ist, auf die Unterhaltung kommt es ihnen an.

Noch zum Verständnis: Es gibt offene und geschlossene Stammtische. Heißt solche, an denen man sich einfach dazu setzt, wo die Belegschaft ständig wechselt, und solche, die sich regelmäßig treffen. Da herrscht eine Rang- und Platzordnung. Wer in die Runde eintreten möchte, der muss schon ein bisschen baggern, bis er im Kreis der Brüder aufgenommen wird. Einen dieser regelmäßigen Stammtische kann man etwa immer montags im Hechinger "Siehscht me" erleben. Die Gründer, die sich einst im "Hugo" trafen, sind seit 1960 zusammen. 1960! Inzwischen sind natürlich neue Teilnehmer hinzugekommen. Auch musste man wegen Terminfindungsschwierigkeiten und Wirtshausschließungen mehrfach die Lokalität wechseln. Aber wie es aussieht, halten die Jungs im "Siehscht me" noch ein paar Jahre aus. Toi, toi, toi.

Jungs? Der Stammtisch ist längst keine Männerdomäne mehr. Es gibt viele Frauengruppen, die etwa nach dem Sport regelmäßig im Wirtshaus einkehren. Wer's nicht glaubt, besuche mittwochs das Burladinger "Fidelisstüble". 1971 haben die Gründerinnen ihr Mittwochskegeln angefangen. Das Kegeln mussten sie aufgeben, weil auch die Kegelbahnen immer seltener werden, am Stammtisch halten sie indessen fest. Toi, toi, toi.

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