Vor 172 Jahren: Eine Spendenaktion zur Renovation von Maria Zell

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Eine der Legenden, die sich um Maria Zell ranken, illustriert ein Wandgemälde in der Bibliothek der Burg Hohenzollern. Sein Titel „Maria Zell unter dem Zollerberge wird von Engeln gegründet“, gemalt von Wilhelm Peters um 1865.  Foto: 

Nachgerade sind es neunzig Jahre, seit unsere Wallfahrtskirche Ma­ria=Zell, mittelst gutwilliger Beiträge edler Seelen, neu erbauet worden. Das einsame Gotteshaus, wo wir unwillkührlich an die stille Hütte der heiligen Jungfrau zu Nazareth uns erinnern, und welche – eine religiöse Zierde der ganzen malerischen Umgegend – so freundlich aus der Nachbarschaft des Hohenzollers niederschaut, bedarf nunmehr wesentlicher Renovationen.

Mit diesen Worten riefen im Frühsommer 1845 aus Boll der Pfarrer Josef Blumenstetter und der örtliche Vogt Ott im Hechinger Wochenblatt zu einer Spendenaktion für das bedrohte Kirchlein auf, wobei insbesondere das baufällige Türmchen ein Dach „von weissem Glanzblech“ erhalten sollte, „damit sein Fingerzeig zum Himmel noch weiter hin, als dermal schon, bemerkbar würde.“

Das ganze Ländchen spendete

Der Kostenvoranschlag für die Renovation belief sich auf 608 Gulden und 39 Kreuzer, was nach heutiger Rechnung wohl einer Summe von etwa 10 000 Euro entsprochen haben dürfte. Die wiederholte „Bitte um Beisteuer“ hatte rasch Erfolg. Das ganze Ländchen beteiligte sich. Fast alle Gemeinden und Pfarreien des kleinen Fürstentums leisteten Beiträge – ein Zeugnis für die weit über den Ort hinausstrahlende Bedeutung des idyllischen Kleinods.

Besonders spendenfreudig zeigte sich die nächste Umgebung, für die das Kirchlein offensichtlich noch eine existentielle Bedeutung besaß. Die größte Einzelspende in Höhe von 50 Gulden leistete die Fürstin Eugenie von Hohenzollern-Hechingen. Ihr folgten mehrere Beamte des Hofstaates, allen voran der Geheimrat von Giegling mit sechs Gulden. Der katholische Hechinger Stadtpfarrer, Dekan und Geistliche Rat Hermann Friedrich Bulach, die wichtigste geistliche Instanz der Stadt, gab nach heutiger Rechnung einen Hunderter, die letzte Stettener Franziskanerin Gundisalva Utz immerhin noch 30 Kreuzer, was nach damaliger Rechnung einem Gegenwert von mehr als vier Pfund Rindfleisch entsprach.

Die Maria Zell nächst gelegenen Dörfer Wessingen und Zimmern standen mit zwölf beziehungsweise acht Gulden an der Spitze gemeindlicher Spenden, acht Gulden gingen aber auch aus dem entfernten „Stetten unter Höllenstein“ (heute Stetten unter Holstein) ein, und selbst Hörschwag war noch mit 48 Kreuzern dabei.

„Frohsinn“ gibt fünf Gulden

Die Spender entstammten allen Schichten der Bevölkerung, von Angehörigen des fürstlichen Hofes über die bürgerliche Handwerkerschaft bis zu allein stehenden Witwen. Nicht lumpen ließ sich auch die bürgerliche Hechinger Gesellschaft „Frohsinn“. Der Verein stiftete mehr als fünf Gulden, vielleicht weil man den Ort als gemeinsames Ausflugsziel nutze. Manche spendeten anonym, doch viele Wohltäter konnten ihre Namen auch im Wochenblatt lesen, wenn sie ihre Spendefreudigkeit öffentlich unter Beweis stellen wollten.

Erhalt ein Herzensanliegen

Die erhaltenen Beisteuerlisten lassen etwas von der besonderen Ausstrahlung des Kirchleins Maria Zell erkennen; sie dokumentieren die Verbundenheit und Anhänglichkeit an einen Ort, der die Gegend um den Zoller in besonderer Weise prägt.

Der Erhalt der Wallfahrtskirche war der Bevölkerung offensichtlich ein Herzensanliegen, verständlich in einer Zeit, die in ihren vielen Alltagsnöten noch auf dem Beistand aus dem Jenseits setzte, weil das moderne soziale Netz noch nicht geknüpft war. Heutzutage wird Maria Zell weniger als Wallfahrtsort, sondern eher als touristisches Wanderziel wahrgenommen.

Mehrere Legenden ranken sich um Maria Zell. Ein Bild auf der Burg Hohenzollern stellt die angeblich von Engeln besorgte wundersame Rückführung der Kapelle an ihren ursprünglichen Platz dar, nachdem das Kirchlein nach Boll verlegt worden war. Eine andere Geschichte erzählt, dass bei der Zerstörung Maria Zells im Dreißigjährigen Krieg allein das Gnadenbild Marias gerettet worden sei, ein wunderbares Ereignis, das den Ruf der Kapelle als Wallfahrtsort begründete. Die nach dem großen Krieg wieder aufgebaute Kapelle fungierte zunächst als Pfarrkirche von Boll. In den späten 50er Jahren des 18. Jahrhunderts wurde sie umgebaut und auf ihre heutige Gestalt vergrößert. 1845, im Jahr der von der geschilderten Spendenaktion begleiteten Renovation, wurde das Land „Hohenzollern-Hechingen“ noch von dem Fürstenpaar Friedrich Wilhelm Constantin und seiner bereits schwerkranken Gemahlin Eugenie regiert. Nachdem die Fürstin 1847 gestorben war, entfloh der von seinen aufsässigen Untertanen enttäuschte Fürst auf seine Güter nach Schlesien und übereignete 1850 das Ländchen dem König von Preußen.

Dank der Aktivitäten des seit 1998 bestehenden Fördervereins unter der Leitung von Peter Beck ist Maria Zell nach aufwendigen Renovationen wieder zu einer weithin sichtbaren Zierde der Region geworden. Zur Zeit wird der Turm der Kapelle, der seinerzeit so genannte „Fingerzeig zum Himmel“, von Grund auf erneuert. Die Arbeiten sind derzeit in den letzten Zügen. In diesen kühlen und windigen Tagen sind die Flaschner am Werk. Nächste Woche dürfte die Turmhaube aus der Werkstatt zurückkehren.

Gulden gab Fürstin Eugenie von Hohenzollern-Hechingen. Es war die größte Einzelspende. Aber auch die letzte Stettener Klosterfrau Gundisalva Utz war mit 30 Kreuzern dabei.

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