Verfolgt, unterdrückt, bedroht

Christen in den arabischen Ländern des Nahen Ostens waren einmal eine sehr große gesellschaftliche Kraft. Über die historischen und aktuellen Entwicklungen erfuhr man in der evangelischen Kirchengemeinde.

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Der Historiker Matthias Disch referierte über Christen im Orient.  Foto: 

Ein Bewusstsein schaffen für die immer kritischer und bedrohlicher werdende Situation der christlichen Glaubensgemeinschaften in muslimischen Ländern des Nahen Ostens, dies war das Ziel eines Vortrages, den der Berliner Historiker Matthias Disch im Gemeindehaus am Schloßberg hielt. Der Wissenschaftler kennt sich als Leiter von Pilger- und Wanderreisen in der Türkei, in Syrien, dem Irak und dem Libanon bestens aus. Eingeladen hatte die evangelische Kirchengemeinde, für die Pfarrer Horst Jungbauer den Referenten und ebenso Gerhard Stierle vom Albstädter Forum Kirche begrüßte. Auf Stierles Initiative hin war der Nahostkenner gekommen.

Seit 2000 Jahren gibt es im Orient christliches Leben. Die Kirchen im Mittleren Osten, im Irak, in Syrien, im Libanon und in der Türkei zählen zu den ältesten Gemeinden des Christentums. Heute wird vor allem über ihre aktuelle Bedrohung durch Krieg, Bürgerkrieg, fundamentalistisch-aggressiven Islamismus berichtet. Nach wie vor aber haben die wenigsten Menschen in Europa eine Vorstellung vom christlichen Leben in einer überwiegend muslimisch geprägten Gesellschaft. Dringend benötigte Hilfe und Unterstützung leistet die Information Christlicher Orient (ICO), für die Matthias Disch tätig ist und wirbt.

In Wort und Bild, untermalt von orientierenden Landkarten, skizzierte der Fachmann die Lage der verschiedenen christlichen Gemeinden im Nahen Osten. Sie ist teilweise sehr unterschiedlich. Im Libanon ist das Christentum sogar in der Verfassung verankert, in Saudi Arabien wird es repressiv verfolgt. Dabei werde das Thema im Westen meist aus dem westlichen Fokus heraus diskutiert, betonte Disch in seinem historischen Abriss, es hat in den arabischen Ländern aber eine viel längere und ältere Geschichte als in Mitteleuropa.

Aber der Berliner Historiker beließ es nicht bei geschichtlichen und politischen Erörterungen, gar mit erhobenem Zeigefinger. Er brachte schon gar keine in den Medien fast ausschließlich gezeigte Gräuel- und Zerstörungsbilder (wobei letztere unheimlich schlimm sind), sondern stellte beispielhaft verschiedene Gemeinden vor, zeigte ihre Bemühungen um eine persönliche und glaubensmäßige Zukunft.

Der Referent ließ dennoch keinen Zweifel daran: Hilfe aus Europa ist für die Christen dort Hilfe zum Überleben, um das die einst so großen Kirchengemeinden seit rund 100 Jahren (Startpunkt war der Genozid an den Armeniern, den Disch als solchen benannte) verzweifelt kämpfen. Oft seien Christen heute nur noch Splittergruppen in einem feindlich gesinnten gesellschaftlichen Umfeld, dessen politische und gesellschaftliche Strukturen sich zunehmend auflösten, gekennzeichnet von massenhaften Fluchtbewegungen, und das seit Jahrzehnten.

Der Nahostexperte stellte die wichtigen ideellen Fix- und Fluchtpunkte vor: das Heilige Tal Wadi Qadisham, letzte Rückzugsorte in den Bergen, oder wichtige Orte wie Mantara und Byblos, nicht zuletzt das apokalyptisch zerstörte Aleppo. Ein Flüchtlingsdrama reihe sich ans andere, eine Repression folge der anderen, vom Iran bis nach Katar. Bei all dem werde schmerzlich spürbar: Die Erfahrung des Leids hat sich in die Seelen der Christen im Nahen Osten schon tief, sehr tief eingegraben. Es sei umso wichtiger, eine lebendige, menschliche, auch christliche Brücke zu schaffen.

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