Überflieger, Underdogs

Mit Heimgeorgel und Todeswalzer: So begleitet die Tonne die arme Elisabeth aus "Glaube, Liebe, Hoffnung" in Richtung Hölle - ein inklusives Opferstück, bei dem Menschen mit Behinderung die Bösen spielen.

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Lehrstück über alltägliche Gewalt: Die Tonne zeigt Horváths Klassiker "Glaube, Liebe, Hoffnung".  Foto: 

Die Tonne hat sich dieses Mal nicht für ein luftig-leichtes Sommerstück entschieden, sondern für einen modernen Klassiker voll tragischer Gesellschaftskritik - nämlich für "Glaube, Liebe, Hoffnung" aus der Feder des ungarisch-österreichischen Dichters Ödön von Horváth.

Als Hommage an die 25-jährige Partnerschaft mit Szolnok (Ungarn), aber auch als Hommage an schlechte Zeiten, die es ja alle Zeit gibt, zumindest für die jeweiligen Underdogs jedes Systems. Das wiederum ist bei Horváth durch gnadenlose Paragraphenreiterei, Ungerechtigkeit, Unmenschlichkeit und bürokratischen Wahnsinn geprägt. Und es treibt vor allem die kleinen Leute in die Verzweiflung.

So reiht sich auch bei der tapferen Elisabeth ein Unglück an das andere. Ein kleiner Gesetzesbruch ergibt den nächsten. Eigentlich will sie, als Vertreterin in der Korsett(!)-Branche, ihr Leben selbst gestalten. Allein, die Umstände erlauben es nicht.

Die Abwärtsspirale nimmt ihren Lauf: Totalüberwachung, Moralgetue, Regelzwang und spießbürgerliche Enge geben ihr den Rest - die Gutste geht ins Wasser.

Regisseurin Karin Drechsel experimentiert mit dem eher karg konstruierten Opfer- und Betroffenheitsstück, indem sie die Macht- und Gewaltpositionen im Stück mit den Tonne-Schauspieler(inne)n mit Handicap besetzt. Das heißt, die sonstigen Außenseiter, Non-Konformisten, Rollstuhlfahrer und Querköpfe spielen hier die gnadenlosen Staatsgewalttätigen, Bürokraten, Philister, Moralapostel, Vergewaltiger und Denunzianten - ein krasser Rollentausch, bei dem die üblichen Kategorien schwer durcheinandergeraten.

Diesem Setting kommt entgegen, dass Horváth seinen kleinen "Totentanz in fünf Bildern" in sehr schlichter, woyzeckhafter Volkspoesie gehalten hat, die das Ensemble groß- und einzigartig performt. Elisabeth (Chrysi Taoussanis) will sich den übermächtigen Herrenmenschen und Verhältnissen anpassen, indem sie besonders gestenreich und deutlich kommuniziert - vergeblich, sie wird einfach nicht gehört.

Die böse Gesellschaft besteht in dieser irren Show aus lauter recht hirnrissigen Typen, die froh sind, wenn sie auf noch schwächeren Opfern rumhacken können. Alle verhalten alle wie die Tiere. Fressen oder Gefressen werden. Und Bösesein kann ja auch Spaß machen. Vielleicht tragen auch deshalb alle Akteure Krokodil-, Ratten- oder Froschklamotten. Stramm vorne weg: Alfhild Karle als gnadenlose Oberinspektorin, die mit ihren Moral- und Gesetzesvorschriften kurz mal auch noch das letzte Stück Glück zerstört

Sehr schön auch der Rahmensong: Die Tiere stehen als sonnenbebrillte Mischung aus Drama-Touristen und himmlische Spötter auf der Bühne und singen "Springtime in Paradise". Böse, böse.

Weitere Vorstellungen

Sommertheater Tonne "Glaube, Hoffnung, Liebe" von Ödön von Horváth - unter freiem Himmel im Spitalhof-Geviert Wilhelmstraße, Reutlingen, bei schlechter Witterung in der Tonne-Spielstätte Planie 22.

Weitere Termine 15. bis 19., 22. bis 26., 29. bis 31. Juli sowie 1. und 2. August, jeweils 20 Uhr, sonntags 18 Uhr.

Karten Telefon: (0 71 21) 93 77 0 oder online auf www.theater-reutlingen.de.

SWP

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