Schaffschwestern und Bierbrauer

Bei einem gemächlich-sportlichen Fahrradausflug nahm Stadtführerin Ursula Stobitzer die zahlreichen Teilnehmer mit auf eine Tour in die Geschichte der Klosteranlagen von Stetten und St. Luzen.

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Mit Anekdoten und Fotografien gestaltete sich die Führung von Ursula Stobitzer äußerst unterhaltsam.  Foto: 

Mit dem "höllischen Schuss", bei dem, der Sage nach, ein Diener des Grafen bei Heiligkreuz auf ein Kruzifix geschossen habe, um ein unfehlbarer Schütze zu werden, und der Enthauptung des Dieners, leitete Ursula Stobitzer ihre Ausführungen ein. Friedrich XII., Graf von Zollern, genannt der Öttinger, stiftete daraufhin 1403 die Kapelle, die vom Frauenkloster Stetten betreut wurde.

Dieses Kloster, das um etwa 1245 seinen Anfang nahm, blickt auf ein langes, bewegtes Schicksal zurück.Es wurde um 1254 von Augustinerinnen und ab 1274 von Dominikanerinnen bewirtschaftet. Klöster waren nicht nur geistlich-religiöser Stützpunkt des Glaubens, sondern wesentlicher Bestandteil der weltlichen Feudalgesellschaft, sie waren Zentralen des Netzwerkes der mittelalterlichen Gesellschaft. Neben den Burgen als Adelssitzen benötigten die Fürsten jener Zeit noch standesgemäße Grablegen und darüber hinaus eine dem sozialen Standard entsprechende Unterbringung von Witwen und Töchtern, für die sich kein geeigneter Ehemann finden ließ, und die im Kloster teils auch unfreiwillig eine Heimstatt fanden.

Daher stammten die Nonnen anfänglich beinahe ausschließlich aus adligen Familien, entweder waren es Töchter aus Adelsfamilien oder verwitwete Adelsfrauen. Sie konnten ein Leben führen, in dem sie wohl versorgt und fernab der harten Männerwelt waren. Das Kloster Stetten war ab 1289 und in der Folgezeit Erbbegräbnis der Zollern und Hauskloster, in das viele Gräfinnen von Zollern eintraten. Wollte man als Frau in ein Kloster aufgenommen werden, so musste man sowohl eine Mitgift als auch eine Aussteuer von beachtlichem Wert (an heutigen Verhältnissen gemessen gut 27 500 Euro) mitbringen, so war es Brauch. Zu den adligen Nonnen gesellten sich die Konversschwestern (Schaffschwestern, Klostermägde), die aus dem Bauerntum und den unteren und mittleren Schichten der Stadtbevölkerung stammten und für die groben Alltagstätigkeiten im Kloster zuständig waren. Sie mussten die körperlichen Arbeiten in der Küche, in der Wäscherei, in den Gärten, in der Weberei und zum Teil auch auf den Feldern erledigen. Zusätzlich hatten sie die Pflicht, die Nonnen zu bedienen.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts erlebte das Kloster Stetten seinen Niedergang. 1803 wurde es aufgehoben. Die Nonnen durften, wenn sie wollten, bis zu ihrem Tode im Kloster bleiben, eine von ihnen war Gudisalva Utz, die als 16-Jährige ins Kloster eintrat und 1867 dort starb. Sie fristete ihr Leben mit dem Verkauf von Stickereien, von selbst hergestelltem Kirschengeist und landwirtschaftlichen Produkten.

Das beträchtliche Klostervermögen wurde vom Haus Sigmaringen übernommen. Bis zum Brand 1898 fand das Gebäude als Kaserne, danach als Schuhfabrik Nutzung. Zur Zeit bemüht sich eine Initiative um die Wiederherstellung des Klostergartens.

Zudem stellte Ursula Stobitzer den rund 40 Teilnehmern der "Fahrrad-Kulttour" die Geschichte und Mönche des Klosters von St. Luzen vor. Seit 1517 hatte die Lehre Martin Luthers sich ständig weiter verbreitet und 1534 führte auch Herzog Ulrich von Württemberg die Reformation in seinem Territorium ein. Die kleine Grafschaft Hohenzollern blieb jedoch weiterhin katholisch und beteiligte sich entschieden und konsequent an der einsetzenden Gegenreformation. In diese Zeit fiel die Regentschaft Graf Eitel-Friedrichs IV. von Hohenzollern-Hechingen (1545-1605). Eine umfassend umgestaltete Kirche und ein zu gründendes Kloster sollten eine Festung gegen die benachbarten, dem ketzerischen, lutherischen Glauben anhängenden Württemberger werden. Im 16. Jahrhundert wurde ein Franziskanerkloster angegliedert, in das 21 Patres und neun Laienbrüder aus München einzogen. Die Mönche erhielten das Recht, Bier zu brauen, und versorgten damit auch den fürstlichen Hof. Auch nach der Säkularisation des Klosters im Jahre 1808 wurde die Brauerei aufrecht erhalten und schließlich von "Stuttgarter Hofbräu" übernommen und nach Stuttgart verlagert.

Das Kloster mit Kirche fiel 1808 an das Hechinger Fürstenhaus und kam 1970 als Schenkung an die Hechinger Pfarrgemeinde.1971 bis 19 75 wurde die Kirche grundlegend renoviert. Im Klostergebäude befindet sich heute eine überregionale kirchliche Bildungsstätte. Die interessante Führung von Ursula Stobitzer wurde durch eingestreute, der damaligen Zeit angemessenen Gesänge der katholischen Kirchenchöre zusätzlich bereichert.

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