Regionalstadtbahn: Landkreise wollen am Zug bleiben

Es klingt gut: Eine Regionalstadtbahn Neckar-Alb soll Zehntausenden Pendlern die Möglichkeit eröffnen, umsteigefrei vom Umland nach Reutlingen und Tübingen zu kommen. Doch die Chancen sind vage.

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Es ist ein großes Projekt, das da entstehen soll. Entsprechend kostet es auch. In den drei Landkreisen Tübingen, Reutlingen und Zollernalb soll die Regionalstadtbahn die städtischen Zentren Reutlingen und Tübingen mit den eher ländlich strukturierten Regionen drum herum verbinden.

Schließlich stöhnen Tausende Pendler tagtäglich über das Stehen im Stau. Autofahrer und Landkreispolitiker sind sich einig: Der vierspurige Ausbau der B 27 muss her. "Doch allein mit der Straße können wir die Mobilitätsbedürfnisse der Menschen nicht mehr befriedigen", sagt Tübingens Landrat Joachim Walter bei einer Informationsveranstaltung am Mittwochabend im Quenstedtgymnasium in Mössingen. Man könnte auch sagen: So viele zusätzliche Fahrspuren kann man gar nicht bauen, um das zunehmende Verkehrsproblem in den Griff zu bekommen. Man denke nur an die beengte Parkplatzsituation in der Tübinger Innenstadt.

Die Regionalstadtbahn soll die Lösung bieten. Schon vor gut zwei Jahrzehnten hat sich ein Verein (ProRegioStadtbahn e.V.) dafür stark gemacht. Damals wurden dessen Vertreter noch verlacht. Heute wünschen sich die Landkreise, schon damals mit auf den Zug aufgesprungen zu sein.

Die Idee der Stadtbahn ist bestechend. Straßen und Umwelt sollen entlastet werden, Pendler auf die Schiene wechseln. Insgesamt könnten, laut einer Untersuchung der PTV (Planung Transport Verkehr AG) rund 100 000 Fahrgäste die Bahnlinien nutzen - ein System aus Straßenbahn und Zug, die beide auf der gleichen Spur fahren können, das Umsteigen entfällt damit. Die Regionalstadtbahn soll unter anderem die Innenstädte von Tübingen und Reutlingen mit der Region bis nach Herrenberg, Bad Urach sowie die Alb über Pfullingen hinauf bis Kleinengstingen vernetzen. Für Tübingen und Reutlingen sind Innenstadtstrecken geplant; kein leichtes Unterfangen, so sind in Tübingen reichlich Höhenmeter zu überwinden.

Die weitesten Strecken führen nach Süden in den Zollernalbkreis: über die Zollern-Alb-Bahn nach Albstadt, die dann reaktivierte Talgangbahn nach Onstmettingen und die Killertalbahn bis Gammertingen.

Doch neue Strecken samt Haltepunkte und die Elektrifizierung der alten - denn spätestens mit Stuttgart 21 sind die Dieselloks abgehängt - kosten: 580 Millionen Euro nach Preisstand 2006, bei 661 Millionen Euro dürfte die Zahl aktuell liegen - und bei 830 Millionen Euro im Jahr 2015, rechnet Tübingens Landrat Walter hoch. Zu hohe Summen für die drei Landkreise.

Doch Bund und Land fördern - oder besser, haben dies bislang getan. Das Zauberwort lautet Bundes-Gemeindefinanzierungsgesetz, die vier Buchstaben GVFG kommen inzwischen jedem Landkreispolitiker locker von den Lippen. Bis zu 80 Prozent gibt es hier, 60 vom Bund, 20 vom Land.

Der Haken daran: Das Gesetz läuft aus. Was nicht bis 2018 gebaut und 2019 abgerechnet ist, braucht gar nicht mehr angemeldet zu werden. Für die Regionalstadtbahn als Gesamtprojekt - mit mindestens 15 Jahren - ein illusorisches Unterfangen. Also haben sich alle Beteiligten schnell auf ein erstes "Modul" geeinigt: Ammertal- (Herrenberg) und Ermstalbahn (Bad Urach) zu elektrifizieren und im Halbstundentakt verkehren zu lassen, ist gerade noch so zu schaffen. Doch selbst dann stehen die Chancen für eine Förderung denkbar schlecht. Denn: Auch andere Projekte - 21 Stück sind es derzeit - stehen schon lange auf der Warteliste. Im Fördertopf ist ohnehin schon nicht mehr viel drin. Erst im März 2014 soll die Entscheidung fallen.

Die Landkreise wollen sich bei ihrem Vorhaben nicht entmutigen lassen. Denn vielleicht, so die Hoffnung, wird ja nach 2019 eine andere Fördermöglichkeit eröffnet. Also wird weiter geplant: Um dann zumindest bereit zu stehen. Wenns nicht klappt, "haben wir die Kosten in den Sand gesetzt", gibt Walter umunwunden zu.

Allein für den Zollernalbkreis stehen für einen Detailplan für einen 30 Minutentakt auf elektrifizierten Strecken rund zwei Millionen Euro im Raum. Und noch eine andere Gefahr droht: Noch ist das Bekenntnis auch des Zollernalbkreises zur Regionalstadtbahn da. Doch wie lange hält das Bündnis? "Es ist natürlich eine Herausforderung", weiß auch Walter, "wenn einer jetzt vielleicht erst einmal gar nichts kriegt". Der eine, das wäre leider erst einmal der Zollernalbkreis.

Kosten und Nutzen

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