Professor Gert Ueding spricht in Synagoge über Walter Benjamin

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Der Tübinger Professor Gert Ueding (rechts) referierte in der Alten Synagoge über Walter Benjamin, die passende Musik lieferte Clemens Müller.  Foto: 

In auswegloser Situation beging Walter Benjamin, einer der vielseitigsten deutschen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts, auf der Flucht vor den Nazis 1940 im spanischen Grenzort Port Bou Selbstmord. Dort erinnert das Denkmal des Bildhauers Dani Karavan an das tragische Ende des einflussreichen Denkers und Schriftstellers. Mit Zitaten und Auszügen aus Benjamins Schriften entwarf der emeritierte Tübinger Professor für Rhetorik, Literaturkritiker, Essayist und Buchautor Gert Ueding in der Hechinger Synagoge anschaulich ein Lebensbild Benjamins. Dieser war zu Lebzeiten als Kritiker und Philosoph eher wenigen, aber doch bedeutenden Geistern wie Theodor W. Adorno, Ernst Bloch, Bertolt Brecht und Hugo von Hofmannsthal bekannt.

Geboren wurde Walter Benjamin 1892 in Berlin. Er wuchs in einer wohlhabenden jüdischen Familie auf, in einem „Quartier der Besitzenden“, wie er es später nannte. Für den Heranwachsenden war Dienstpersonal selbstverständlich. Benjamin war durchaus ein „Homme de Femmes“ und ließ sich von Frauen inspirieren. Drei Frauen beeinflussten seine Geisteshaltung in hohem Maße. Er entwickelte daraus „drei widersprüchliche Männer in sich“, wie er später einmal sagte. Doch andererseits spielte sich sein Leben in einer seltsam entlegenen Molltonart ab. Seelische Einsamkeit, der Hang zur Träumerei, das Gefühl für die Brüchigkeit der Dinge, Trauer und Tragik prägten es von Kindheit an. Sie erklären die „unheitere Geistesart“, die Zeitgenossen Benjamins irritierte. Auf das „bucklicht Männlein“ kommt Benjamin in der „Berliner Chronik um Neunzehnhundert“ zu sprechen. Wer von diesem buckligen Gesellen angesehen wurde, der gab nicht Acht und ihm zerbrach etwas oder er fiel hin. „Ungeschickt lässt grüßen“, kommentierte Benjamins Mutter diese Unachtsamkeit. „Will ich in mein Küchel gehn, will mein Süpplein kochen; steht ein bucklicht Männlein da, hat mein Töpflein brochen“: Benjamin wurde vom „bucklicht Männlein“ schärfer angesehen, als er sich selber sah. „Wo es erschien, da hatte ich das Nachsehn“, sagte er. Die Erinnerungsbilder, die das Männlein gesammelt hat, wecken Benjamins Interesse. Denn er sucht für die „Berliner Kindheit“ Bilder, die zu jener unwiederbringlich verlorenen Zeit gehören. Um Aufschluss über die Gegenwart zu erhalten, soll Vergessenes erinnert und Vergangenes rekonstruiert werden.

In den Reflexionen über das Bild „Angelus Novus“ von Paul Klee, das Benjamin tief beeindruckte, tritt die Vielschichtigkeit seines Denkens zwischen Judentum und Marxismus, zwischen Romantik und Materialismus zutage und offenbart das zerrissene Bild einer Epoche. „Beizeiten lernte ich es, in die Worte, die eigentlich Wolken waren, mich zu mummen“, schrieb Benjamin in seinem Buch „Einbahnstraße“.

Mit zwei Sätzen aus Franz Schuberts letzter Klaviersonate „B-Dur D 960“ umrahmte der Hechinger Pianist Clemens Müller den Vortrag. Ein feiner Sinn für das dramaturgische Ausbalancieren charakterlich ähnlicher, strukturell jedoch verschiedenartiger Abschnitte sowie ein waches Auge für die Gestaltung musikalischer Zeit, erlaubten Müller eine zwingende Interpretation der dramatischen Schubertschen Komposition. Durch seinen enorm leichten Anschlag gelang ihm eine wunderbar subtile und differenzierte Tongebung der lyrisch-lieblichen Melodien, doch gleichzeitig besaß er die elementare Kraft, die Momente der Verzweiflung eindrucksvoll zu gestalten.

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