Paritätischer Wohlfahrtsverband legt Armutsbericht 2016 vor

"Armut ist auch ein Indiz für die gesellschaftliche Beschaffenheit", sagt Gabriele Janz vom Kreisvorstand des Paritätischen Wohlfahrtsverbands. Die Region weist die zweithöchste Armutsquote im Land auf.

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Der Zulauf zur Vesperkirche in Reutlingen macht seit Jahren deutlich: Auch in der Region steigt die Zahl der Bedürftigen laufend. Besonders von Armut betroffen sind Alleinerziehende, Alte und Langzeitarbeitslose.  Foto: 

Seit 27 Jahren beschäftigt sich der Paritätische Wohlfahrtsverband mit dem Thema Armut, erläuterte Achim Scherzinger, Reutlinger Regionalgeschäftsführer. Mit neuem Datenmaterial liegt nun der 2016er-Bericht zur Armutsentwicklung in Deutschland "Zeit zu handeln" vor.

Hatte man solche Berichte meist nur auf wesentliche statistische Ergebnisse reduziert und damit immer abstrakter und formelhafter ausfallen lassen, so die Selbstkritik des Verbandes, suchte man nun nach Erläuterungen und Hintergründen zu den Lebenslagen der von Armut besonders betroffenen Gruppen. Warum sind Alleinerziehende eigentlich am häufigsten arm? Warum schützen Renten mehr und mehr alte Menschen nicht vor Armut? Welche Rolle spielen Langzeitarbeitslosigkeit, Schulden und Überschuldung? Der neue Bericht, so Scherzinger, vergleiche nicht mehr nur Bruttoeinkommen, sondern zeige ein Bild drohender relativer Einkommensarmut. Die definierte Armutsschwelle liegt für einen Single ohne Kinder bei 917 Euro netto im Monat, für Paare ohne Kinder bei 1376 Euro und für Paare mit Kind bei 1651 Euro.

Zwar weist Baden-Württemberg mit einer Armutsquote von 11,4 Prozent den bundesweit niedrigsten Wert vor Bayern mit 11,5 auf. Regional betrachtet, so Scherzinger, nehme das Armutsgefälle im Land aber zu. Die Region Neckar-Alb liegt mit 12,2 Prozent (2014) nach der Region Rhein-Neckar (14,9) bereits an zweithöchster Stelle, 0,4 Prozentpunkt über dem Vorjahrswert.

Hier spiele auch die kommunale Ebene und deren Fehlentwicklungen eine wichtige Rolle, sind sich die Vertreter des Paritätischen im Kreis einig. So müsse mehr bezahlbarer Wohnraum geschaffen, müssten Stellen im ersten und zweiten Arbeitsmarkt vorgehalten und der Armut im Alter gegengesteuert werden. Scherzinger berichtete von fitten Rentnern, die sich einbringen wollen: "An der Zeit hapert es nicht, aber an den Finanzen." Ehrenamt müsse man sich leisten können, aber wenn Ausgaben wie Fahrtkosten nicht erstattet werden, bleibe das Engagement leider außen vor.

Drastisch fällt die Einschätzung beim Blick auf die verschiedenen Lebenslagen aus. Bettina Noack vom Mütter- und Nachbarschaftszentrum belegte mit Zahlen, dass alleinerziehend zu sein häufig mit einem erheblichen Armutsrisiko einhergeht. Mehr als zwei Millionen Kinder wachsen in Deutschland bei Alleinerziehenden auf, zu 90 Prozent bei ihren Müttern. Mehr als jede fünfte Familie ist eine Einelternfamilie, Tendenz steigend, und erstaunlich: Die Hälfte aller Kinder wächst bei Alleinerziehenden auf.

Die Einkommensarmut in dieser Gruppe lag 2014 bei 41,9 Prozent und steigt, obwohl die Erwerbstätigenquote ebenfalls gestiegen ist: "Arbeit schützt vor Armut nicht", sagt Noack. Die Gründe sind vielfältig: Jobs im Billiglohnsektor, instabile, befristete Arbeitsverhältnisse in typischen Frauenberufen wie Einzelhandel und Pflege, fehlende Kinderbetreuung, Aufstockung auf Vollzeitarbeit ist oft nicht möglich. Viele Arbeitgeber, so kritisiert Noack, scheuen sich, wegen möglicher hoher Ausfallzeiten Alleinerziehende einzustellen.

Doch es ist ein Teufelskreis: Wer voll arbeitet - 60 Prozent aller alleinerziehenden Frauen gegenüber 25 Prozent der Ehefrauen - hat kaum Spielräume für Familien- und Alltagsaufgaben. Um den Kindern etwas zu ermöglichen, verzichten Alleinerziehende auf eigene Aktivitäten. Stattdessen leiden sie im Bemühen, alles unter einen Hut zu kriegen, unter Überforderung. In der Spirale abwärts führen Schulden zu psychischen und körperlichen Erkrankungen bis hin zu erhöhter Suizidgefährdung. Es droht der direkte Gang in die Altersarmut.

Man müsse für mehr Teilhabe sorgen, sind sich die Vorstandsmitglieder des Paritätischen einig. Da trifft es sich gut, dass mit den Flüchtlingen die Defizite in allen Bereichen und die jahrealten Forderungen der Sozialverbände wieder in den Blick gerückt sind: Arbeit, Integration, Teilhabe - "aber für alle!"

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