Obertorplatz: Anderthalb Projekte tot

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  • Alles, nur nicht schön: der Obertorplatz im abgeschrankten Modus, wie er sich seit vielen Monaten präsentiert. Im Hintergrund das HZ-Gebäude, um das die Stadt, Investoren und Projektentwickler rangeln. Fotos: Hardy Kromer 1/3
    Alles, nur nicht schön: der Obertorplatz im abgeschrankten Modus, wie er sich seit vielen Monaten präsentiert. Im Hintergrund das HZ-Gebäude, um das die Stadt, Investoren und Projektentwickler rangeln. Fotos: Hardy Kromer Foto: 
  • Martin Hahn rannte im Gemeinderat keine offene Türen ein. 2/3
    Martin Hahn rannte im Gemeinderat keine offene Türen ein. Foto: 
  • Großes Interesse: Gut gefüllt waren die Zuschauerreihen im Ratssaal. 3/3
    Großes Interesse: Gut gefüllt waren die Zuschauerreihen im Ratssaal. Foto: 
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Weiter als heute war der Hechinger Obertorplatz lange nicht von einer Neugestaltung entfernt. In der Sondersitzung des Gemeinderates am Donnerstagabend musste die Bürgermeisterin einräumen, dass ihr Bruchsaler Hoffnungsträger, der Projektentwickler Udo Schäfer, abgetaucht ist und nichts mehr auf der Pfanne hat. Für Hechingen bedeutet das, was schon längst alle ahnten: kein H&M, kein Müller-Drogeriemarkt an der Stelle des HZ-Gebäudes, kein Lebensmitteldiscounter auf dem Firstparkplatz.

„Eigentlich müsste Ihnen das Herr Schäfer erzählen“, sagte Dorothea Bachmann. „Ich habe ihn eingeladen. Ich habe keine Antwort bekommen.“ So blieb der gesundheitlich noch sichtlich angeschlagenen Bürgermeisterin nichts übrig, als dem Gemeinderat selbst reinen Wein einzuschenken – und das an ihrem ersten vollen Arbeitstag nach sieben Wochen im Krankenstand. Sie berichtete, es habe „zwei ernsthafte Investoren“ gegeben. „Die haben mir erzählt, dass die Mieter kein Interesse haben an Hechingen.“ Udo Schäfer habe ihr gegenüber immer wieder das Gegenteil versichert. „Ich mache keinen Hehl daraus: Das war für mich eine Enttäuschung“ – zumal sie auch persönlich sehr viel Energie in das Projekt zur Oberstadt-Belebung gesteckt habe.

„Das schmerzt“, kommentierte Freie-Wähler-Fraktionschef Werner Beck. „Wir hatten doch einige Hoffnungen in das Projekt gesetzt.“ Sein CDU-Pendant Andreas Ermantraut merkte an: „Vielleicht hat man sich auf den falschen Mann verlassen.“ Dass Schäfer nach seiner „Luftnummer“ nicht die Courage habe, selbst zu kommen, spreche Bände. Almut Petersen (Bunte Liste) empfahl, die Lehren zu ziehen und kreativ zu überlegen: „Wie können wir Hechinger aus eigener Kraft die Oberstadt entwickeln?“ Es gebe ja Leute in der Stadt, „die Ideen und ein bisschen Geld haben“.

Ein Geschäftsmann aus der Region stellte sich und sein Projekt für den Obertorplatz gestern Abend dem Gemeinderat zum zweiten Mal vor (und zum ersten Mal öffentlich): Martin Hahn. Der Bruder des Café-Klaiber-Mitinhabers und Tiefgaragen-Bekämpfers betonte: „Ich stehe hier als Martin Hahn und nicht als Vertreter von Rainer Hahn.“ Und dennoch gelang es ihm nicht, mehr zu ernten als Anerkennung für sein Engagement – gezollt von den Freien Wählern Rolf Ege und Werner Beck und dem Christdemokraten Lutz Beck.

Hahn will Mietvertrag sofort

Insbesondere zeigten die Stadträte keinerlei Neigung, einen Mietvertrag über 70 Auto-Stellplätze auf dem HZ-Gelände abzuschließen. Dabei war Hahn provokanterweise – wie er selbst einräumte – genau mit dieser Forderung angetreten: Entweder komme der von ihm vorgelegte Mietvertrag an diesem Donnerstagabend zustande – oder sein gesamtes Projekt sei gestorben. Und damit auch der Lebensmittelmarkt für das HZ-Areal, den Hahn vertraglich fix an der Angel haben will, der Hotel-Neubau, der anschließend daneben entstehen soll („fester Vertrag“), eine Arztpraxis und ein Bistro. All das, versprach er, würde „sicher kommen, sobald der Mietvertrag zustande kommt“ – und platzen, wenn nicht.

Für die Stadt zu haben wäre dieses Mietgeschäft für 25 000 Euro im Monat plus Mehrwertsteuer. Nach Hahns Rechnung fielen damit in 20 Jahren Vertragslaufzeit sechs Millionen Euro Kosten an. Dem stellte er – wieder nach seiner Rechnung – Kosten von 8,6 bis zwölf Millionen Euro für die Tiefgarage gegenüber, die damit eingespart werden könnten.

Was er den Stadträten aber als größten Vorteil für sein Projekt ans Herz legte: den absehbaren Baubeginn im nächsten Jahr. Bei seiner „Sofort-Alternative“, warb Hahn, drohe kein Rechtsstreit, kein Warten auf ein Gerichtsurteil „bis zum Sanktnimmerleinstag“, keine weitere, jahrelange Rückwärtsentwicklung des Obertorplatzes. „Worauf warten Sie noch?“ rief er den Stadträten zu.

Doch die Fraktionen schienen nicht auf diesen Deal gewartet zu haben. „Bin ich im Kabarett?“ fragte CDU-Fraktionschef Andreas Ermantraut. „So lassen wir uns nicht die Pistole auf die Brust setzen.“ Hahn könne gerne bauen, „aber nicht subventioniert von der Stadt“. Almut Petersen (Bunte Liste) nannte es „einfach krass“, dass nach Hahns Modell der einzelne Stellplatz noch teurer komme als bei der Tiefgarage – nämlich 420 Euro brutto im Monat, wie Rolf Ege (FW) ausgerechnet hatte. Jürgen Fischer (SPD) nannte einen Vergleich dazu: Bei der Münchener Oper zahle man 250 Euro für einen Dauerstellplatz. Fischer nannte die Finanzierung von Hahns Parkplätzen in Erinnerung an die frühere Schwimmbad-Debatte „PPP durch die Hintertür – mit dem Unterschied, dass wir nach 20 Jahren gar nichts haben“.

Auch Werner Beck hat „Plan B“

Werner Beck wollte nicht an fixe Verträge mit einem Lebensmittelmarkt glauben, wo Martin Hahn das HZ-Gebäude noch nicht einmal gekauft habe. Und der Freie-Wähler-Chef warf dann seinen persönlichen „Plan B“ zur Tiefgarage in die Runde: „Warum bauen wir als Stadt nicht einfach einen Parkplatz auf dem HZ-Gelände?“

Und schließlich? Martin Hahn zeigte sich gesprächsbereit, rückte von seinem „Jetzt oder nie“-Kurs ab, weigerte sich aber trotz hartnäckigen Nachbohrens der Räte („Wo sollen die Parkplätze hin? – Wie sind die Zufahrtswege?“) Details zu seinem Projekt zu nennen. Begründung: Er habe als Privatmann schon 100 000 Euro investiert, wolle möglichen Mitbewerbern keine Vorlagen liefern und sei auch zu keinen weiteren Vorleistungen bereit, so lange er keine Zusage habe, dass die Stadt mit ihm plane.

Die erhielt Martin Hahn an diesem Abend aber nicht. Alle Brücken wurden freilich auch nicht abgebrochen. „Wir bleiben in Kontakt“, gab ihm die Bürgermeisterin mit auf den Weg.

Euro: So viel Miete will Martin Hahn jeden Monat von der Stadt Hechingen pro Stellplatz auf dem HZ-Gelände kassieren. Stadträte sagen: Bei der Münchener Oper sei es billiger.

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Die Zukunft des Obertorplatzes in Hechingen beschäftigt die Gemüter. Tiefgarage? Kaufhaus? Eine Lösung ist noch nicht in Sicht.

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