Mörderisches Hechingen

Sonntag ist Tatortzeit. Spannende Unterhaltung. Gegen das Drehbuch einer kriminalistischen Stadtführung verblassen die Fernsehkrimis dagegen heillos: Verbrechen, die sich unterm Zoller abspielten.

|

"Kommissar Heller", ein freundlicher, humorvoller, nicht mehr ganz junger Herr aus der hohenzollerischen Provinz, führte seine Zuschauer von Tatort zu Tatort seiner Heimatstadt: Die Stadtführung "Its Crime Time - besondere Kriminalfälle in Hechingen" hat ihre Premiere erlebt. Und die Zuschauerquote übertraf alle Erwartungen der Tatort-Produzenten. Zwar hatten die Macher auf eine gute Resonanz gehofft, weswegen eine Anmeldung erwünscht gewesen war. 50 Zuhörer hatten das neue Format gebucht, bei Beginn dann aber zeigte sich, dass mindestens noch 35 "Schwarzhörer", wie der Polizeibeamte die zusätzlichen Zuschauer nannte, sich zur Aufarbeitung der Fälle am Rathaus eingefunden hatten. Die erstmals angebotene Stadtführung jedoch basiert nicht auf einem erfundenen Drehbuch, sondern bezieht sich auf Verbrechen, die tatsächlich in der Zollerstadt stattgefunden haben. Stadtführer Wolfgang Heller, Leiter des Hechinger Polizeireviers, kennt einige der besonders traurigen Verbrechen aus seiner Arbeit: den Mord am Apotheker Klaus Spranger, der 1983 einem Raubmord zum Opfer fiel beispielsweise. Der Mörder wurde gefasst, im Gefängnis nahm er sich dann später das Leben.

Weniger erfolgreich war die Polizei 1988 bei der Aufklärung des Mordes an einem Stuckateur, der mit 46 Messerstichen ermordet in der Starzel aufgefunden wurde. "Die Akte aber kommt nicht weg", plauderte Heller aus dem Nähkästen der Ermittler. Immer und immer wieder würde ein anderer Sachbearbeiter sich des Falles annehmen. Man hoffe, den oder die Mörder irgendwann doch noch zu fassen. Ziemlich schnell gefasst waren die drei jugendlichen Spätaussiedler, die im März 2002 in der Unterstadt einen betrunkenen Mann zu Tode prügelten, um an seine fünf Euro Bargeld zu kommen. Das 33-jährige Opfer und die 15 und 16 Jahre alten Jugendlichen waren zusammen gesehen worden. Der Stadtführer konnte vor dem Neuen Schloss auch Neuigkeiten über einen der Beteiligten berichten: Der damals 16-Jährige war, kaum aus dem Gefängnis entlassen, im Januar 2014 in eine Messerstecherei verwickelt. Wieder in Hechingen, diesmal in der Goldschmiedstraße. Wegen dieser Tat konnte er aber nicht angeklagt werden, die Beweislage war zu dünn. Nichtsdestotrotz sitzt er wegen anderer Straftaten wieder im Gefängnis. Aus einem solchen auszubrechen gelang in Hechingen zuletzt im Jahr 2004, erfuhren die etwa 85 Zuhörer an Ort und Stelle.

Doch Heller kommt es nicht nur auf den Nervenkitzel an. Er möchte anhand der Prozesse auch über den jeweiligen Zeitgeist berichten. Über Grafen beispielsweise, die glauben, Herren über Leben und Tod sein zu dürfen - wie der vermutlich geistesgestörte Graf Eitelfriedrich II., der es mir seinen Hexenprozessen derart übertrieb, dass ihm der Kaiser selbst auf die Finger schauen ließ. Oder die Posse, die sich unter preußischer Herrschaft 1889 in Hechingen zugetragen hatte und die unter dem Begriff "Gießkännchen-Prozess" zur Lachnummer aller Nichtbeteiligten wurde. Auch hier war ein Apotheker das Opfer. Spielende Kinder hatten vor der Hofapotheke mit einem Kännchen das Kleid der Gattin des preußischen Landrichters Menzen nass gespritzt, was den Beamten derart in Rage brachte, dass er einen Prozess lostrat, der bis vor das Oberlandesgericht Frankfurt führte und mit empfindlichen Strafen für die Beteiligten endete.

Von diesen und weiteren Kriminalfällen konnten die 85 Zuschauer nicht genug bekommen, weshalb der Hechinger Tatort deutlich Überlänge bekam. Nach zwei Stunden lief der Abspann unter Applaus.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Das Bachmann-Aus ist amtlich

Hechingens Bürgermeisterin Dorothea Bachmann kommt nicht wieder. Das ließ sie den Besuchern des Neujahrs-Bürgertreffs ausrichten. weiter lesen