Gedenkstunde zum Volkstrauertag für Schüler des Gymnasiums

|
Kriegsabitur 1917 in Hechingen: Von den 13 Schülern, die allesamt zum Kriegsdienst einberufen wurden, sind fünf gefallen. Der aus jüdischer Familie stammende Alfred Weil wurde 1938 aus Hechingen vertrieben.  Foto: 

Der kommende Sonntag, 19. November, ist Volkstrauertag, ein staatlicher Gedenktag, der in Deutschland jedes Jahr am zweiten Sonntag vor dem ersten Advent begangen wird. An diesem Tage soll innegehalten werden. Erinnert wird an die Kriegstoten und an die Opfer der Gewaltherrschaft aller Nationen. Ein guter Brauch, ja eine Notwendigkeit, so sagen viele, wenn über den Sinn dieses Tages nachgedacht wird.

Alles lange her?

Und doch ist man manchmal auch versucht zu sagen: Ach, das ist ja alles lange her! Das Ende des Zweiten Weltkrieges liegt mehr als 70 Jahre zurück, die großen Schlachten des Ersten Weltkrieges, an der Somme und vor Verdun wurden gar vor 100 Jahren geschlagen! Kann  man nicht einmal vergessen, nicht mehr zurücksehen, sondern nach vorne blicken, in eine Zukunft, in der einen die Vergangenheit nicht mehr belastet? Zugegeben, ein verführerischer Gedanke. Doch er hilft nicht. Denn die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen. Auch wenn etliche der Heutigen im Zweiten Weltkrieg noch Kinder waren, so hat sie  diese Zeit doch geprägt und weithin auch bestimmt. Viele von ihnen haben ihre Väter verloren, manche ihre älteren Geschwister. Unzählige haben ihre Heimat verloren. Und selbst die Toten des Ersten Weltkrieges gehören zum Leben heute und in dieses Leben. Sie gehören zur Familiengeschichte und zur Stadtgeschichte. Geschichte aber lässt sich nicht auslöschen. Sie taucht immer wieder auf, in Erzählungen, in Erinnerungsstücken, in alten Bildern und in Bereichen, die noch immer nicht berührt werden möchten. Oft weiß man den wahren Grund nicht, aber man spürt, da ist eine wunde Stelle, das ist eine Verletzung, die nicht heilen will.

Hierher gehört insbesondere das Unrecht, das den Menschen angetan wurde, die Nachbarn, Freunde, Kollegen, Lehrer waren: die jüdischen Bürger. Man denkt aber auch an die verfolgten Frommen und Gewissenhaften, die sich der bösen Doktrin des Nazistaates nicht unterworfen haben. Und man denkt an die geknechteten Zivilpersonen aus den besetzten Ländern, die in Arbeitslagern und Fabriken in Hunger und Krankheit zu Tode kamen, viele in der unmittelbaren Nähe: Das Unternehmen „Wüste“, sieben Lager, von Bisingen den Albtrauf entlang bis nach Rottweil. Über 10.000 Häftlinge sollten aus dem Lias Epsilon Ölschiefer gewinnen. Mehr als 3500 starben an der Unmenschlichkeit, die ihnen entgegenschlug.

29 gefallene Gymnasiasten

Nicht zuletzt gedenkt man der im Ersten Weltkrieg gefallenen 29 Schüler und Studenten des Hechinger Gymnasiums an der Heiligkreuzstraße, unschuldig Verführte, erbarmungslos in den Tod getrieben. Ihr guter Glaube, ihre naive Begeisterung waren böse missbraucht worden. Gedacht wird ebenfalls ihrer toten Lehrer Dr. Adolf Beyer, Aloys Frings und Edmund Gilles und des Schuldieners Bruno Strobel.

Die toten Lehrer und Schüler des Zweiten Weltkrieges hat niemand mehr gezählt. Sie sind verstreut und unvollständig notiert in der endlosen und quälenden Liste der Hechinger Gefallenen. Immer einmal wieder ist dort einem Namen der Zusatz angefügt: Abiturient, Student der Medizin, Student der Theologie, der Rechte, der Philosophie, der Pharmazie. Sie durften nicht Ärzte sein, nicht Pfarrer, nicht Richter, nicht Apotheker. Sie mussten tapfer sein, tapfer im Geiste jener bösen Jahre. Sie mussten sterben.

Warum? Man versteht es nicht. Eines aber sei versprochen: Sie sollen nicht vergessen werden.

Info Die städtische Gedenkstunde mit Kranzniederlegung in der Kernstadt beginnt am Sonntag um 11.30 Uhr mit dem Gang vom Kirchplatz zum Gefallenendenkmal hinter der Stiftskirche. Gestaltet wird sie von der Stadtverwaltung, von katholischer und evangelischer Kirchengemeinde, dem Ortsbeauftragten der Kriegsgräberfürsorge (VDK), Dr. Adolf Vees, und von Ehrenformationen der Bürgerschaft. Die musikalische Eröffnung der Feier gestaltet die Stadtkapelle Hechingen. Zur Begrüßung spricht der Erste Beigeordneter Philipp Hahn, dem das Gedenken durch Adolf Vees für den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge folgt. Die Schriftlesung übernimmt in diesem Jahr der evangelische Pfarrer Horst Jungbauer. Die Totenehrung sprechen Philipp Hahn, Adolf Vees, Horst Jungbauer und Kaplan Georg Seelmann. Die Hechinger Bürgergarde, das Rote Kreuz, die Feuerwehr, die Pfadfinder und das Technische Hilfswerk stellen die Ehrenformationen.

Auf dem Foto Die historische Aufnahme zeigt in der oberen Reihe von links: Eberhard Egelhaaf, Franz Ott, Otto Zunzer, Erwin Haimb, Hermann Hölter, Ernst Fritz und Hugo Emter; untere Riehe: Otto Grotz, Alfred Weil, Eugen Haiber, Willy Häußler, Lothar Heck und Otto Heintze.

Die Gefallenen Nicht mehr zurückgekehrt aus dem Ersten Weltkrieg sind Otto Zunzer, Otto Grotz, Eugen Haiber, Lothar Heck und Otto Heintze.

In den Stadtteilen In Bechtoldsweiler war die Gedenkstunde des Volkstrauertages bereits in die kirchliche Feier des Gräberbesuches an Allerheiligen integrier. In Beuren ist die Feierstunde am Sonntag um 11.30 Uhr am Ehrenmal bei der Kirche. Im Anschluss an den um 10 Uhr beginnenden Wortgottesdienst in der Kirche wird am Sonntag in Boll erinnert und zwar unter Mitwirkung der Feuerwehr und des Musikvereins. In Schlatt ist das Gedenken am Sonntag um 9 Uhr auf dem Friedhof beim Ehrenmal. In Sickingen wird am Sonntag im Anschluss an den um 9 Uhr beginnenden Gottesdienst Kriegerdenkmal die Erinnerung gepflegt. Stein hat die Gedenkfeier am Sonntag um 10 Uhr am Ehrenmal. Bereits am Samstag, um 19.30 Uhr, beginnt in Stetten die Feier am Ehrenmal vor der Klosterkirche. Weilheim hat die gedenkt am Sonntag um 10.30 Uhr am Kriegerdenkmal auf dem Kirchplatz.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Jamaika-Ende: Trigema-Chef Wolfgang Grupp fordert Neuwahlen

Vertreter der Wirtschaft haben besorgt auf den Abbruch der Jamaika-Sondierungsgespräche reagiert. Neben bundesweiter Kritik und Verunsicherung kommen hoffnungsvolle Worte von der Alb. weiter lesen