Klaus Kinkel: „Unsere Welt ist aus den Fugen“

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Schiergar keinen Tag älter geworden: Hechingens „Exportschlager“ Klaus Kinkel wurde am Samstag 80 – und sieht fast immer noch aus, wie man ihn aus seiner Zeit als Außenminister kennt.  Foto: 

Es ist anstrengend, 80 zu werden“, sagt Klaus Kinkel. Er hat aufgehört, die Interviewanfragen zu zählen. Zum Wochenende wurde ein 45-minütiges Live-Interview mit dem populären Bundesminister a. D. ausgestrahlt. Die Sendung wird am Montag, 19. Dezember, um 13 Uhr auf ARD alpha wiederholt. Kinkel ist ein gefragter Typ. Ein Termin jagt den nächsten. Aber für die HZ nimmt sich der prominente Hechinger immer Zeit: „Die Südwestpresse und damit auch die Hohenzollerische Zeitung haben mich durch mein ganzes Berufsleben begleitet“, erklärt er.

Und dann ist Hechingen ja bekanntermaßen seine „Lieblingsstadt“. Gern wagt er den Blick von außen auf das Zollernstädtchen, nimmt auch zu kritischen Fragen Stellung. Ganz Diplomat wählt er seine Worte aber mit Bedacht, bringt die Botschaft schonend rüber. Keinesfalls wolle er als „Klugscheißer“ daherkommen, sagt er. So spricht der andere Kinkel, der Mann nah am Volk, der allürenfreie, manchmal gar hemdsärmelige und kantige Freidemokrat, der bekennende Schwabe und Hüter der schwäbischen Mundart.

Die Telefonate mit Klaus Kinkel, ob er gerade unterwegs ist oder Zuhause im nordrhein-westfälischen St. Augustin, sind immer kurz und präzise. Er ist Medienprofi. Und keine Frage: Der 80-Jährige ist fit wie ein Turnschuh.

Erst mal ein Kompliment: Selbst mit jetzt 80 Jahren sehen Sie immer noch fast so aus, wie man Sie aus Ihrer Zeit als Außenminister kennt. Wie machen Sie das? Verraten Sie uns doch bitte Ihre „Schönheitsgeheimnisse“.

Klaus Kinkel: Vielen Dank für das Kompliment. Früher wurde ich immer älter eingeschätzt, seit geraumer Zeit jünger. Geheimnisse stecken nicht dahinter, aber es freut mich natürlich. Offensichtlich habe ich ganz gute Gene geerbt; darüber hinaus habe ich mich bis heute immer etwas mit Sport fit gehalten, früher in Hechingen  immer mit Tennis, damals noch im Fürstengarten, heute durch Joggen, auch mit meinem Liebling Jago, einem Labrador-Rüden. Sport war irgendwie für mich immer Lebenselixier. Und Glück hatte ich offensichtlich auch: Ich wurde von größeren gesundheitlichen Problemen verschont.

Nochmal zum Thema Schönheit: Der Lack der Stadt Hechingen ist ganz schön abgeblättert. Irgendwie ist hier die Zeit stehengeblieben. Alle bisherigen Versuche, die Innenstadt zu beleben, dem Obertorplatz endlich die ersehnte „Verweilqualität“ zu verleihen, sind missglückt. An Samstagen ist in Balingen und Albstadt schier kein Durchkommen mehr. Davon kann man in Ihrer „Lieblingsstadt“ Hechingen momentan nur träumen. Was meinen Sie, woher diese Blockade rührt, und mit welchen Mitteln man den Knoten lösen könnte?

Ist das nicht etwas zu negativ betrachtet? Ich kann natürlich nicht mehr mitreden, wenn es um die Attraktivität meiner Heimatstadt geht, weil ich leider nur noch selten vor Ort bin; einiges bekomme durch meine früheren Hechinger Freunde mit. Ich habe den Eindruck, die Bürgermeisterin und der Gemeinderat geben sich redlich Mühe. Die Umstände sind wohl schwierig, und dass nach wie vor manche Schwerpunktverlagerung nach Balingen und Albstadt erfolgt, war und ist wohl nur schwer zu verhindern. Klugscheißerische Anregungen von draußen ohne Kenntnis der gesamten Umstände will ich lieber unterlassen.

Aber ich freue mich immer noch, wenn ich in Hechingen bin und durch die Stadt schlendere. Das ist für mich und meine ebenfalls in Hechingen aufgewachsene Frau Heimat. Ich bin ja auf dem Obertorplatz, später in der Heiligkreuzstraße, aufgewachsen, und die „Lehmgrube“ war unser Fußballfeld. Die Schwäbische Alb vermisse ich schon und natürlich auch die heimatliche Atmosphäre. Meiner Frau, die ich schon auf dem Gymnasium kennengelernt habe – wir sind als Schülerliebe nun bereits 55 Jahre verheiratet – geht es genauso.

Aber so ist es nun mal. Ich hatte immer gehofft, dass es eines meiner Kinder oder einen der sechs Enkel nach Hechingen zieht. Deshalb haben wir auch recht lange das elterliche Anwesen in der Heiligkreuzstraße zu halten versucht. Es sollte nicht sein. Es bleiben die Gräber auf Heiligkreuz und alte Freunde von meiner Frau und mir.

Da gibt es eine recht verwegene „Belebungs“-Idee von Bürgermeisterin Bachmann: Eine Seilbahn von Hechingen zur Burg Hohenzollern als Touristenattraktion. Wie fänden Sie das?

Ehrlich gesagt: nicht schlecht. Ich habe Zweifel dass der Landschaftsschutz mitmacht. Und einen „Haufen Geld“ würde das wohl auch kosten. Wer soll das stemmen?

Schwenk von dem kleinen Hohenzollernstädtchen ins drei Mal so große, nordrhein-westfälische St. Augustin: Wie lebt es sich am Rhein? Wie sieht ein typischer Tag im Leben des ehemaligen Außenministers Klaus Kinkel aus?

Auch am Rhein und im Siebengebirge ist es schön. Den Tag verbringe ich mit meinen Büchern, vielen Zeitungen und meinem Hund. Ich habe aber auch noch viele Termine und Verpflichtungen. Außerdem versuche ich, meinen Enkeln etwas von dem zurückzugeben, was ich an meinen Kindern versäumt habe.

Noch ein Schwenk, und zwar in die Zukunft und nach Berlin: Noch vor Ihrem nächsten Geburtstag wird ein neuer Bundestag gewählt sein. Was glauben Sie, wie das Ergebnis aussehen wird? Welches Ergebnis würden Sie sich wünschen?

Ich wünsche mir vor allem, dass meine FDP wieder in den Bundestag einzieht. Ich glaube, dass die Voraussetzungen dafür ganz gut sind. Wahrscheinlich werden wir sieben Parteien im Bundestag haben. Die AfD wird wohl auch einziehen. Koalitionsbildungen werden dann sehr schwer.

Unsere Welt ist aus den Fugen. Das hat große außen- und auch innenpolitische Auswirkungen. Ich bin heilfroh, dass ich in dieser in Unordnung geratenen Welt keine politische Verantwortung zu tragen habe. Aber das alles wäre ein Thema, das besonderer Betrachtung bedürfte. Denk ich an all diese Probleme, vor allem auch an unser schwächelndes Europa, in der Nacht, werd‘ ich – um mit Heinrich Heine zu sprechen – um meinen Schlaf gebracht.

Was wünschen Sie sich denn eigentlich zum Geburtstag? Also ganz konkret: etwas, das man in Geschenkpapier wickeln könnte.

Mir geht es gut. Ich möchte keine großen Geschenke. Frieden auf der Welt, ja das wäre ein großer Geburtstagswunsch. Sonst ist immer meine Antwort: Schenkt mir ein gutes Buch, das euch selbst etwas bedeutet.

Dann kommt ja auch gleich das Weihnachtsfest hinterher. Was kommt im Hause Kinkel an den Festtagen denn auf den Tisch?

Am Heiligabend essen wir Fondue, weil es der Hausfrau viel Mühe erspart. Am 1. und 2. Weihnachtsfeiertag je nach Laune, ein Gänsebraten oder Roastbeef mit Beilagen.

Regalmeter sind nötig, um Kinkels Bibliothek aufzunehmen. Er sammelt Bücher seit seiner Jugend, quer durch alle Genres: Kultur, Geschichte, Belletristik. „Ich lebe in Büchern“, sagt er. 

In Metzingen wurde Dr. Klaus Kinkel am 17. Dezember 1936 geboren. In Hechingen wuchs er auf. Von 1979 bis 1982 war er Präsident des Bundesnachrichtendienstes, von 1991 bis 1992 Bundesjustizminister, von 1992 bis 1998 Bundesaußenminister und von 1993 bis 1998 Stellvertreter des Bundeskanzlers. Von 1993 bis 1995 war er Bundesvorsitzender der FDP.

Das Engagement Kinkels seit seinem Ausscheiden aus dem Bundestag im Oktober 2002  ist vielfältig. Er ist für verschiedene Unternehmen und Institutionen tätig, setzt sich ehrenamtlich vor allem für sexuell missbrauchte Kinder und den Behindertensport ein. Er ist Ehrenpräsident des Deutschen Rollstuhlsportverbandes und Mitglied in den Kuratorien der Sepp-Herberger-Stiftung und der Bundesligastiftung. Erst vor einem Monat wurde er zum Chef der neuen DFB-Ethikkommission gewählt.

Fi­nanz­mi­nis­ter Dr. Wolf­gang Schäu­b­le hält am Dienstag, 20. Dezember, im Thomas-Dehler-Haus in Berlin die Lau­da­tio zum 80. Ge­burts­tag von Klaus Kin­kel.

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