Keine Zeit für Zuwendung

Sie bleibt oft auf der Strecke. Die Zuwendung der Pflegekraft gegenüber dem zu pflegenden Menschen. Weil Kosten und Bürokratie kaum eine andere Wahl lassen. Dazu gab es jetzt einen Abend im Haus am Ziegelbach.

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Im Eingangsbereich des Hauses am Ziegelbach in Stetten sind auf großen Fahnen Forderungen und Hinweise auf Unzulänglichkeiten im Pflegeberuf kurz, knapp und eindrucksvoll festgehalten. Zitate aus der Bibel ergänzen die Texte.

In ihrer Begrüßung und Einführungsrede zu dieser Ausstellung sprach Heimleiterin Olga Goss am Dienstagabend von der Diskrepanz zwischen der Vorstellung über eine gute Pflege und der Realität. Diese Differenz betreffe viele Pflegeeinrichtungen.

Erwin Schäfer, Sozialarbeiter bei der Caritas, sprach von der großen Herausforderung, gute Pflege zu leisten und damit Zufriedenheit hervorzurufen. Das marktwirtschaftliche Denken mache aus Bewohnern und Patienten "Kunden". Die Bedingungen für eine wohltuende, ganzheitliche Pflege stünden schlecht, würden doch die Mitarbeiter über Gebühr belastet. "Erholungsphasen werden kürzer, es wird in Leistungspaketen abgerechnet und ein Abdriften in den Billiglohnbereich ist erkennbar." Anja Lüders von der katholischen Arbeitnehmer-Bewegung nannte es wichtig zu erfahren, wie Pflegekräfte ihren Beruf erfahren und unter welchen Bedingungen Pflege erbracht werden muss.

Prof. Dr. Matthias Möhring-Hesse, Lehrstuhlinhaber für Sozialethik und Theologische Ethik, sprach in seinem Vortrag von der Pflege als Arbeit zur Normalisierung des pflegebedürftigen Menschen. Diese Arbeit könne professionell oder auch nicht professionell erfolgen. Normalität und Gesundheit seien kein Wert an sich, "aber wir lieben sie, weil sie Bedingung für andere wichtige Dinge für uns sind". Möhring-Hesse rückt das Recht auf Pflege in die Nähe eines Menschenrechtes, einer Idealvorstellung in unserem Kulturkreis. Dabei stehe im Vordergrund eigentlich die familiäre Hilfe. Die sei aber nicht immer in aller Konsequenz zu leisten. So müsste eigentlich eine gesellschaftliche Verpflichtung da sein, die Familie in die Lage zu versetzen, die Pflege zu übernehmen. Dies sei aber nur machbar, wenn die Familie nicht überfordert werde. Da dies aber oft genug der Fall sei, ergebe sich großer Raum für eine professionelle Pflege. Aber diese professionelle Pflege und die damit verbundene Arbeit werde im Allgemeinen nur wenig geschätzt.

Einerseits werde dem Personal Heroisierung, andererseits Diskriminierung entgegengebracht. "Dabei ist Pflegebedarf nichts Anomales. Er gehört zu uns wie essen und trinken." Gute Pflege bedeute die berechtigten Ansprüche derer zu erfüllen, die gepflegt werden. Und es bedeute auch, die Ansprüche und Standards derer zu erfüllen, die pflegen. "Gute Pflege ist eine Koproduktion zwischen Pfleger und Pflegendem. Dem widerspreche die Realität. In der Pflege werde zunehmend getaktet, rationalisiert und auf Wettbewerbsniveau gearbeitet. Zur Unzufriedenheit des Pflegepersonals und der "Kunden". Der Theologe sieht die Zukunft der Pflege in Gefahr. Hier seien die Gewerkschaften, Kirchen, Parteien und Verbände gefordert gegenzusteuern. "Es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, für eine gute Pflege zu sorgen."

Bereichert wurde der Abend von der Band "Silberstars" aus dem Raum Biberach. Mit anspruchsvollen Texten und zum Teil selbst komponierten Melodien zogen die Bandmitglieder, die alle im pflegerischen Bereich Erfahrungen aufweisen können, die Gäste in ihren Bann.

Info Am Dienstag, 27. Oktober, 19 Uhr, wird im Wohnheim Graf-Eitel-Friedrich im Rahmen eines politischen Nachtcafés das Thema Pflege mit Vertretern der Parteien diskutiert. Zu Wort kommen sollen vor allem Fachkräfte aus dem Pflegebereich.

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