Kaum Zeit zum Luftholen

Als Heute noch Zukunft war, und es, leider, noch keinen Christoph Sonntag gab - der schwäbische Kabarettist schafft den Zeitsprung mühelos, dank seiner im Minutentakt abgefeuerten Gags voller Sprachwitz.

|

Licht aus, Spot an - der Meister des schwäbischen Humors schlendert Geige spielend durch die voll besetzten Reihen im Museum: "Guten Abend Hechingen, Guten Abend zu AZNZ." Christoph Sonntags "Alte Zeiten - Neue Zeiten" ist ein Klassiker des schwäbischen Ein-Mann-Kabaretts, der leider im Juli ausläuft. Wer also diese gut zwei Stunden zwerchfellerschütternder Unterhaltung bislang verpasst hat, oder gar nicht genug kriegen kann, muss sich beeilen (Resttermine unter: www.sonntag.tv). Natürlich gibt es von Christoph Sonntag zahlreiche Audio-, Videocassetten, DVDs oder CDs, Bücher von und über ihn, aber live ist er allemal besser.

Also stürmt der Möchtegern-Geigenvirtuose, der auch ganz brauchbar singen kann, wie er bei seiner Schwabenhymne beweist (So senn Schwaba, so senn mir) die Hechinger Bühne - "des isch doch dort, wo i als kloiner Bub mit Vater ond Mutter d Burg besucht hab, die euch d Bisinger heut weg nehma wellet". Damit hat er im Handstreich die Herzen der 99 Prozent Schwaben im Publikum gewonnen. Dann brennt er ein buntes, durchaus anspruchsvolles, total lustiges Feuerwerk an Gags und Sketchen ab, bei dem er das Publikum immer wieder mit einbezieht. In Hechingen waren die "Glücklichen" Rolf und Gabi.

Was Sonntag so unwiderstehlich macht, zumindest für Schwaben, ist die Mischung. Die meisten hätten ihm in Hechingen nochmal zwei Stunden zugehört. Wie er etwa in treffsicheren, gut beobachteten Pointen die Politikergranden herabholt von ihren Säulen, wie er den modernen Sprachgebrauch seziert, wie er ein ums andere mal dem altersgemäßen Publikum Gelegenheit zur wehmütigen Erinnerung gibt. Dabei lässt er kaum ein Thema aus. Gekonnt integriert er viele altbekannte, aber immer noch gute Gags, wenn er zum Beispiel über die biologische Uhr schwadroniert.

Er scheut auch keineswegs vor dem direkten Kontakt zum Publikum zurück und getraut sich eine fast schon intime Geruchsprobe bei Gabi - bis sie laut um Hilfe ruft. . . Die meisten Lacher freilich bekommt Sonntag immer noch für seine bekannten Gags: das reicht vom kurz gebrannten Scheitelhaar wegen des 17 Jahre alten Föns, bis zum ungeschorenen Achselhaar der Männer in Bisingen, in dem sich der Volleyball verfängt.

Einer des besten, auch schauspielerisch toll gespielten Sketche, ist der mit der Monster-Großmutter: Mit einem tiefgründigen Schneuzer ins Mikro holt die Dame mit den drei Stoppelhaaren am Kinn die nötige Spucke aus dem Rachen, um dem noch kleinen Christoph mit dem alten Taschentuch den Schokoladenfleck von der Wange zu wischen. Sonntag ist da ganz in seinem Element.

Manches freilich kommt nicht so an, vor allem wenn er etwas tiefer unter die Gürtellinie zielt oder sich, wenn auch augenzwinkernd, über Schwule lustig macht. Dann wieder bezieht er das Publikum ein, teilt es in drei Gruppen und lässt diese typische Schwabensprüche im Chor nachsprechen. Dass dabei die goldene Mitte, das Bildungsbürgerpublikum, den Sieg davon trägt, ist ja klar: "I trag d Abbarat grad ra. . ." Dafür dürfen sie ihm dann beim Abbau der Kulissen helfen. Rolf, ja der Rolf, der Industriemeister aus Haigerloch, bekommt von Sonntag persönlich einen Kaffee vom zweiten Sud kredenzt und mag sich denken: "Warum hab ich mich nur in die erste Reihe gesetzt?"

Im zweiten Teil des Abends wird Sonntag dann politischer, sarkastischer, bösartiger, aber immer mit Augenmaß. Schwaben in Berlin, Stuttgart 21, Klimaschutz sind einige der Themen. Das Sonntagsgespräch zwischen Kretschmann und Oettinger, dargestellt als Köpfe aus zwei Besenstielen, ist treffend, der Sketch zwischen Westerwelle und Wowereit eher schlüpfrig.

Der lustige Abend nimmt dann aber doch allzu früh ein Ende. Die 500 Besucher im Museum in Hechingen sind gespannt, wen und was Sonntag in seinem nächsten Programm auf die Schippe nimmt.

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Maute-Areal: Termin für Zwangsversteigerung steht fest

Die Fabrikruine in der Bisinger Bahnhofstraße wird im November vor dem Amtsgericht in Hechingen zwangsversteigert. weiter lesen