Jetzt ist sie wieder Deutsche

Helga Model, eine Hechinger Jüdin, die 1941 zusammen mit ihrer Familie aus Nazi-Deutschland fliehen musste, hat jetzt nach vielen Jahrzehnten die deutsche Staatsangehörigkeit zurückbekommen.

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Eine freudige Nachricht für alle, denen die Versöhnung mit den aus Hechingen vertriebenen Juden am Herzen liegt: Helga Model (links auf einem Bild aus dem Jahr 2010 mit ihrer Mutter Grete Model, die 2012 mit 101 Jahren in Sao Paolo starb) hat nach vielen Jahrzehnten die deutsche Staatsangehörigkeit zurückerhalten.  Foto: 

"Zu Ihrer Information teile ich Ihnen mit, dass die von der Stadtverwaltung Hechingen angeforderten Unterlagen inzwischen hier eingegangen sind. Es konnte daraufhin eine Einbürgerungsurkunde ausgestellt werden. Diese wurde am 30.07.2015 an das deutsche Generalkonsulat in Sao Paulo zur Aushändigung an Frau Model übersandt. Mit freundlichen Grüßen (. . .)"

Mit diesem Schreiben aus dem Bundesverwaltungsamt, das der Verfasser vor zwei Tagen aus Köln erhielt, endete die jahrzehntelange Staatenlosigkeit einer alten Hechingerin, der 1932 in Tübingen geborenen Tochter des Kurt und der Grete Model, geborene Levy, des Mädchens, das von ihren Eltern und ihrer Großmutter Alice Levy am 2. Juni 1941 mit auf die Flucht aus Nazi-Deutschland genommen worden war.

An jenem Sonntag waren die vier vom Frühstückstisch ihres Hauses in der Goldschmiedstraße aufgestanden, hatten, um kein Aufsehen zu erregen, alles stehen und liegen gelassen und waren ohne Gepäck über Frankreich und Spanien nach Portugal geflüchtet, wo sie im Hafen von Lissabon ein Schiff nach Brasilien zu erreichen hofften.

Die Reise war beschwerlich und gefährlich, und sie kamen zu spät. Das Schiff hatte Portugal bereits verlassen, und so wurde die Familie interniert. Vier Jahre lebte sie dort in einem Lager, mit anderen deutschen Juden, mit politisch verfolgten Menschen aus dem weiten Europa, das unter deutsche Besatzung gefallen war. Als mit dem Kriegsende die Naziherrschaft zusammengebrochen war, konnten Alice Levy und die drei Models weiterreisen, ins Ungewisse, ins fremde Brasilien. Zurück konnten sie nicht. Sie hatten in Deutschland alles verloren, Vertrauen und Liebe, Heimat und Eigentum: die Textilfabrik an der Haigerlocher Straße, das noch 1929 gebaute Fabrikgebäude in Rangendingen gegenüber dem Bahnhof, das Familienhaus am Maiweg.

Sie waren die Mai-Levys gewesen. So hatte man sie in Hechingen über Generationen hinweg genannt. Von den Trödeljuden, die auch den Schnaps verkauften, den Alice und ihre Eltern aus den Zwetschgen im Hausgarten am Maiweg gewannen, hatten sie sich in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg mit Hilfe der von Preußen initiierten Industrialisierung zu einer bedeutenden Unternehmerfamilie entwickelt, hoch angesehen im Städtchen als Arbeitgeber und als Mäzene im Musik- und Gesangverein.

Nach 1933 zählte das alles nichts mehr. Auch Kurt Models Soldatenzeit im Ersten Weltkrieg galt nichts mehr. Erst kam der Warenboykott, dann die Enteignung und zum Schluss Kurt Models Inhaftierung im Lager Dachau. Von jener qualvollen Zeit hat er sich nie mehr erholt.

Dass die Mai-Levys in ihren Herzen Hechinger blieben, dass sie wiederkamen, als ein Hechinger sie um Vergebung bat, dass Grete und Helga Model sich freuten, die Synagoge wieder aufgebaut zu sehen, dass sie sich mehr an das Gute erinnerten, das sie hier erfahren hatten, als an das Böse, darf man getrost als ein Wunder verstehen.

Gewiss, Verzeihen und Versöhnen sind die großen Dinge, dass nun aber ein so kühler und sachlich-juristisch formaler Akt wie die Rückgabe der deutschen Staatsangehörigkeit diesem Bewusstsein das offizielle Siegel des nicht mehr zu Bestreitenden verleiht, darf nicht nur Helga Model freuen, es ist eine Freude für uns alle, die wir das Unrecht nicht ungeschehen machen können und doch wieder zueinander finden.

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