Im Herbst des Lebens

Anhand ausgewählter Texte und musikalischer Beiträge beleuchteten Rudolf Guckelsberger und Dr. Norbert Kirchmann in der Reihe Literatur und Musik in der Alten Synagoge das Thema "Lebensende" .

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Rudolf Guckelsberger und Norbert Kirchmann bescherten ihrem Publikum einen nachdenklich stimmenden Abend. Foto: Antonia Lezerkoss

Einen Spaziergang durch die Weltliteratur nannte Rudolf Guckelsberger seine Lesung, in welcher er Philosophen, Schriftsteller und Dichter, die sich in Erzählungen, Briefen und Gedichten Gedanken über unsere Vergänglichkeit gemacht hatten, zu Wort kommen ließ. Trauer, Wehmut, Melancholie und Nachdenklichkeit, aber auch heitere Gelassenheit und Humor sprachen aus den Texten von Mozart bis Mörike, von Tolstoj bis Heine. Die schon zu Beginn der Lesung vorherrschende konzentrierte Stille schien sich zunehmend zu intensivieren, als Guckelsberger mit dem Essay "Weshalb nicht daran denken" von Gottfried Unterdörfer dazu aufforderte, bewusst und intensiv zu leben, hinzugehen statt vorbeizugehen, zu verharren statt wegzulaufen.

Berginspektor Johann Christian Mahr erzählt von "Goethes letztem Spaziergang" vor seinem Tod und davon, dass der Dichter aus dem Ende seines Nachtliedes mit "Warte nur, balde ruhest du auch!" wehmütig ein friedvolles Todeslied, sein eigenes Todeslied gelesen hätte.

Humorvoll beschreibt der 93-jährige Pablo Casals sein Alter, und Erich Fried betrachtet die letzte Zeit seines geliebten Lebens erwartungsvoll als seine erste. "Der Tod des Iwan Iljitsch" von Lew Tolstoj ist eine unter die Haut gehende Abrechnung mit sich selbst. Für den "alten Herrn" von Günter Kunert neigen sich die Zeiger seiner Lebensuhr, und Freund Hein winkt nicht mehr in weiter Ferne, sondern aus nächster Nähe: Zeit, in sich zu gehen und ein Lebensresummee zu ziehen.

Sachlich betrachtet Thomas Mann die Vergänglichkeit als "Seele des Seins" und findet bei Hermann Hesse auch mit dem Gedicht "Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, an keinem wie an einer Heimat hängen. . ." Zustimmung. Johannes von Tepl (1350 -1414) hadert mit dem "Ackermann", während Mascha Kaléko in zwei anrührenden Gedichten Abschied nimmt. Guckelsberger beendete die Lesung mit Heinrich Seidels heiterer Geschichte vom "guten alten Onkel".

Wie ein Band umrankten sorgfältig ausgewählte Klavierstücke von Beethoven, Chopin, Schumann, Mendelsohn-Bartoldy und Grieg die Texte und verliehen der besinnlichen Lesung einen feierlichen Anstrich. Im konzentrierten Dialog mit dem Klavier und einem feinen Gespür für Spannungsbögen und Zusammenhänge, für Tempi und dynamische Entwicklungen, fand Norbert Kirchmann den Weg zu einem meditativen Adagio aus Beethovens Klaviersonate Nr.8, der "Grande Sonate pathetique" und zu einem tiefsinnig intonierten Trauermarsch aus der Klaviersonate Nr 12 op 26.; Chopins Preludes Nr. 4. und Nr. 6 gerieten unter den Händen des Pianisten zu einem fein verwobenen Geflecht aus feingliedrigen, melodischen Fäden. Kirchmanns Gespür für klar gegliederte Phrasen, in denen jeder einzelne Ton wichtig genommen wird und perlengleich einen differenzierten Anschlag erhält, gab Mendelsohns "Lieder ohne Worte" op 67 sensibel-blühende Farben. Schumanns "Träumerei" erklang in gefühlvoll nuancierten, feinsten dynamischen Abstufungen. Die Miniatur "Letzter Frühling" aus der Feder des norwegischen Komponisten Edvard Grieg fasste Stimmungen und Bilder des Abends zusammen und beendete die Veranstaltung.

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