Hochtief schielt ins Schamental

Die regionale Pumpspeicherdebatte ist alles andere als passé. Der Essener Baukonzern Hochtief sucht Standorte im Zollernalbkreis. Die Kombination Schamental/Himberg ist offenbar in der engeren Wahl.

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Ruhig geworden ist es in den vergangenen Monaten um das regionale Aufregerthema des Jahres 2012: die Suche nach Standorten für ein Pumpspeicherkraftwerk. Verdächtig ruhig. Und tatsächlich trügt der Schein. Wie die HZ erfuhr, ist die Essener Hochtief AG in der Region auf Standortsuche. Zwei mögliche Bauplatz-Kombinationen hat der börsennotierte Baukonzern ins Visier genommen: zum einen das Bollemer Schamental mit Oberbecken auf dem Starzelner Himberg, zum anderen die im Raum Albstadt diskutierte Variante Meßstetten/Laufen. Damit könnte die bereits für erledigt geglaubte Debatte neuen Schwung bekommen.

Man erinnert sich: Die vom Regionalverband angestoßene Debatte um Pumpspeicherstandorte, die als "Zielgebiete" in den neuen Regionalplan aufgenommen werden sollten, war ausgegangen wie das Hornberger Schießen. Fast ein Jahr lang hatte man sich in Boll, Schlatt und Beuren, in Salmendingen, Starzeln und anderswo um Sinn und Unsinn der riesigen Becken gezofft - und am Ende hatten alle Debatten und Abstimmungen keinerlei rechtsverbindliche Wirkung. Die Landesregierung duldete die Ausweisung von Zielgebieten nicht, weil der Regionalverband es versäumt hatte, die avisierten Flächen grundstücksgenau abzugrenzen.

Und auch praktisch schien der ganze Aufreger zu verpuffen, als der Stromkonzern EnBW alle Standorte in der Region (außer dem bestehenden in Glems hinter Metzingen) als unrentabel verwarf.

Doch die EnBW ist nicht alleine auf dem Markt. Hochtief, einer der weltgrößten Baukonzerne, setzt ebenfalls auf das Milliardengeschäft mit der Energiewende im Allgemeinen und mit den großen Betonwannen im Besonderen. "Wir suchen deutschlandweit nach Standorten für Pumpspeicherkraftwerken", bestätigte Hochtief-Pressesprecher Bernd Reuther gestern gegenüber der HZ. Erste geeignete Flächen habe man bereits im Süden Niedersachsens gefunden. Dort läuft inzwischen das Planfeststellungsverfahren an. Andere Standorte, die Reuther nicht näher benennt, seien "noch in der Suchschleife". Darunter ganz offenkundig auch die beiden genannten im Zollernalbkreis. Wie das Landratsamt auf Anfrage der HZ bestätigte, hat Hochtief Vorgespräche mit der Kreisbehörde, mit den Standortgemeinden und sogar schon mit Grundstückseigentümern geführt. Ein "offizielles Verfahren" sei daraus noch nicht entstanden, wohl aber der Eindruck, dass den Essenern der Standort hinter Boll nicht schlecht gefällt - zumal dort sowohl die Grundstückssituation als auch die topographische Lager geschickter ist als in Albstadt.

Ihre Vorstellungen dargelegt haben Hochtief-Abgesandte schon den Gemeinderäten von Hechingen und Burladingen - jeweils in nicht öffentlicher Sitzung. Einzelheiten dazu waren bislang noch nicht zu erfahren. Man habe Vertraulichkeit vereinbart, hieß es gestern aus dem Hechinger Rathaus.

Wenn Hochtief in der Region Becken bauen will, bedarf es schon wegen der schieren Größe der Anlagen auf jeden Fall eines Raumordnungsverfahrens. Ein Antrag darauf müsste beim Tübinger Regierungspräsidium gestellt werden. Der Landkreis ist als Träger öffentlicher Belange involviert. Aus Balingen erhielten die Essener deshalb bereits Auskunft über die naturschutz- und wasserrechtlichen Rahmenbedingungen der in Frage kommenden Standorte. Außerdem kam in den Vorgesprächen auch das politische Stimmungsbild zur Sprache. Sowohl für Himberg/Schamental als auch für Meßstetten/Laufen spricht, dass die kommunalpolitischen Gremien im vergangenen Jahr ihre Zustimmung signalisierten. Im Hechinger Gemeinderat ging der Standort Boll vor Jahresfrist glatt durch, obwohl ein Unterbecken im Schamental vor Ort höchst umstritten ist. 417 Bollemer hatten gegen die Beckenpläne unterschrieben, der Ortschaftsrat hatte nach anfänglichem Zögern erst im zweiten Anlauf grünes Licht gegeben.

Während sich die Hechinger Stadtverwaltung aktuell eher reserviert zeigt, steht die Spitze des Landratsamtes den Avancen aus Essen betont aufgeschlossen gegenüber. Die Energiewende, so heißt es aus der Kreisbehörde, könne nicht gelingen, wenn man sich potenziellen Investoren für Pumpspeicherkraftwerken nicht öffne.

Auf der anderen Seite haben die 50 Hangrutsche, die das vorvergangene Dauerregen-Wochenende kreisweit zur Folge hatte, auch den Skeptikern frisches Wasser auf die Mühlen gespült. Die Rutschgefahr auf der geologisch sensiblen Zollernalb hatten viele Kritiker und Bedenkenträger gegen die Betongiganten ins Feld geführt.

Hier geht es zum Dossier zum Thema Pumpspeicherwerke mit Artikeln aus dem vergangenen Jahr.

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Kommentare

11.06.2013 09:09 Uhr

Heuschrecken positionieren sich...

Nun, zumindest wird im Artikel ja sehr genau benannt, worum es bei dieser geplanten gigantischen Landschaftsbetonierung ausschließlich geht:, Zitat: "Hochtief, einer der weltgrößten Baukonzerne, setzt ebenfalls auf das Milliardengeschäft mit der Energiewende im Allgemeinen und mit den großen Betonwannen im Besonderen."
Es geht um erhoffte Milliardengewinne für internationale Baukonzerne, um sonst nichts. Die "Energiewende" wird wie immer gerne als Feigenblatt benutzt. Hochtief gehört nach einer schmutzigen Übernahmeschlacht übrigens mehrheitlich dem spanischen Bauriesen ACS, über den man nicht viel Gutes liest.
Dass derzeit Pumpspeicher nicht rentabel sind, juckt solche Konzerne wenig. Sie haben natürlich auch die Möglichkeit, soviel politische "Landschaftspflege" zu betreiben, dass zumindest sie am Schluß ordentlich abkassieren können. Gerade in Spanien hat man dazu schon intensive Erfahrungen gesammelt. Bezahlen wird wie immer der Steuerzahler und natürlich die kleinen privaten Stromverbraucher.
Die Gemeinden träumen noch von Gewerbesteuern? Pustekuchen, wie sich internationale Großkonzerne arm rechen und fast keine Steuern mehr zahlen, ist ja gerade in letzter Zeit intensiv durch die Medien gegangen.
Schaffung von Arbeitsplätzen vor Ort? Blödsinn, diese Konzerne bringen ihre für sie billigeren Arbeitsbrigaden aus ganz Süd(ost)europa selber mit.
Und glaubt irgendjemand vor Ort, dass sich ein ausländicher Baukonzern auch nur die Bohne für Landschafts-, Natur- oder gar Menschenschutz interessiert? "Cash in die Däsch" und weg zum nächsten Goldacker...
Tja, und die Landratsämter dann als willige Handlanger und Erfüllungsgehilfen?

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