Hechinger Mordprozess: Umut K.s Freundin verschläft erst und redet dann Klartext

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Der Tatort an der Hechinger Staig – hier bei einem Vor-Ort-Termin des Gerichts mit viel Publikum – bekommt nach den jüngsten Aussagen eines Angeklagten noch einmal Besuch vom rechtsmedizinischen Sachverständigen und dem Tatfahrzeug, einem roten Fiat Punto.  Foto: 

Tag 7 im Hechinger Mordprozess begann mit einem Weckruf: Die 18-jährige Freundin des erschossenen Umut K., die mit ihm – wie sie später selbst erzählte – im vergangenen November ein intimes Verhältnis hatte, erschien nicht wie bestellt um 9 Uhr im Zeugenstand. Sie musste von der Polizei aus ihrer Wohnung in der Hechinger Unterstadt abgeholt und vorgeführt werden. „Ich hatte es vergessen“, entschuldigte sich die Arbeitslose, die selbst eine Anklage wegen Drogen und Waffen an der Backe hat.

Deals aus dem „Falken“

Weil sie dann aber da schon mal da war, plauderte die zierliche junge Frau mit dem Berliner Akzent so frank und frei drauf los, dass die Dolmetscher kaum folgen konnten. Sie schonte weder sich noch ihre Mitangeklagten im kommenden Drogenprozess: „Mir geht’s nur darum, dass die Richtigen zur Verantwortung gezogen werden – egal ob ich mich da belaste oder nicht.“ So erzählte sie detailreich, wie Umut K.s Freunde aus der Hechinger Drogenszene – der 25-jährige Italiener, der mit ihm am Tatort war, und ein 23-jähriger Kroate – im ehemaligen Stettener Hotel „Falken“, wo der Italiener ein Zimmer hatte, einen schwungvollen Handel mit Drogen aller Art betrieben. Als der Schauplatz „Falken“ im November aber zu heiß geworden sei (weil die Polizei davon Wind bekommen hatte), sei eine Tasche mit Vorräten zu ihr in den Keller gewandert. Der brisante Inhalt der Sporttasche: „Gras, Haschisch, Kokain“ und zwei Handfeuerwaffen, von denen die Polizei später nur eine fand. Ob das die vermisste Tatwaffe sein könnte, wurde schon vor Wochenfrist ohne greifbares Ergebnis erörtert.

Die 18-Jährige gab jedenfalls an, die Tasche als Freundschaftsdienst gegenüber ihren Kumpeln deponiert zu haben – „bis Umut gestorben ist.“ Über die Tasche bestimmt hätten der Kroate und der Italiener gemeinsam. Beide hätten in den Wochen vor dem 1. Dezember auch zunehmend „Stress mit den Italienern“ – den Angeklagten – gehabt. Sie habe gewusst, dass ihre Freunde „den Italienern“ 5000 Euro Drogengeld schulden, und sie habe zusammen mit Umut K. eine SMS gelesen, mit der einer der Italiener appelliert habe, das Geld endlich zu zahlen, „weil er Brot für seine Familie brauche“. Den Absender der SMS wusste sie aber nicht zu benennen. Und auf die Frage, ob sie einen der Angeklagten schon mal auf Facebook gesehen habe, scheute sie den Blickkontakt. „Ich will die nicht angucken“, sagte sie mit gebrochener Stimme.

Nahe gegangen ist der jungen Frau auch der Tatabend, an dem sie auf 19 Uhr mit Umut K. verabredet gewesen sei. Eine Stunde vorher habe sie einen Anruf des Kroaten aus Böblingen bekommen. Sie solle bitte „die Jungs vom Imperial abholen. Es gebe Schwierigkeiten.“ Wie ein Hilferuf habe das aber nicht geklungen. „Ich dachte, die seien zu faul zum Loofen und das sei nur `ne kleene Sache“, berlinerte sie. Deshalb habe sie sich Zeit gelassen. Als sie an der Staig ankam, war ihr Liebhaber schon tot – und sein italienischer Kumpel habe geheult: „Er sagte, dass es seine Schuld sei, dass es seine Landsleute waren, dass ihm die Kugel galt.“

So sah sie es auch, als das Gericht sie nach ihrer Einschätzung des gesamten Falls fragte. Klare Ansage: Ihre beiden Bekannten, der Italiener und der Kroate, hätten mit ihren Drogengeschäften „gemeinsam die Scheiße gebaut – und Umut musste sie ausbaden.“ Der Getötete habe mit den Geschäften nichts zu tun gehabt.

Dieses Bild vermittelten auch die kurdischen Verwandten und Freunde des jungen Bisingers im Zeugenstand. Umut habe zwar „ab und zu Gras geraucht“, räumte ein 25-jähriger Cousin ein, und er habe wohl auch gewusst, dass seine Freunde mit Drogen dealten. Umut selbst habe das aber nicht getan und auch keine Schulden gehabt. Ein anderer Cousin schilderte Umut als „lebensfroh, witzig, gebildet, ein junger Mensch, der wusste, was er wollte“: in Konstanz Jura studieren. Ein 23-jähriger Freund brachte es auf den Punkt: „Er war ein Guter.“ Dieses Bild vermochte auch die Verlesung eines vier Jahre alten Strafbefehls gegen Umut K. wegen eines kleines Marihuana-Verkaufs nicht zu trüben.

Und die Angeklagten? Die scheinen an ihrer Strategie festzuhalten, sich gegenseitig zu bezichtigen und das Gericht mit widersprüchlichen Randgeschichten zu beschäftigen. Zum Finale von Tag 7 ging es um eine Schweiz-Fahrt der beiden Hauptangeklagten im Herbst 2016. Version des 22-Jährigen: Er habe dort bei einem Mädchen übernachtet, das er bei einer Auto-Tuning-Messe kennengelernt habe. Den Freund (der vor ihm auf der Anklagebank bereits ironisch mit dem Kopf schüttelte) habe er mitgenommen. Den SMS-Verkehr darüber habe er gelöscht, damit seine Tailfinger Freundin nichts von dem Liebes­trip erfahre. Sein Kumpel wollte von einer Geschichte mit Mädchenbesuch und Übernachtung dagegen gar nichts wissen. Nein, in die Schweiz sei man nur zu einem italienischen Fest gefahren – und auch nicht im Oktober, sondern Ende November.

Mehr davon gibt’s am Montag, 31. Juli, ab 9 Uhr.

Mehr Arbeit für den gerichtsmedizinischen Sachverständigen: Der 22-jährige Beifahrer im Tatfahrzeug, der jetzt noch einmal seine Version bekräftigte, sein 21-jähriger Mitangeklagter habe vom Fahrersitz aus den tödlichen Schuss abgegeben, ließ seinen Anwalt Rüdiger Kaulmann erklären, dass der Fiat zum Zeitpunkt des Schusses anders gestanden sei als bei der Tatrekonstruktion angenommen – „insgesamt viel weiter nach rechts gedreht, vom ,Ochsen’ weg, eher Richtung ,Hechinger Hof’“. Die Folge: Jetzt muss der rote Fiat noch einmal zurück an den Tatort – zu einer Nachbegutachtung. hy

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