Hechinger Mordprozess: Mutmaßlicher Todesschütze belastet seinen Komplizen

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Der Tatort an der Hechinger Staig ist auch sechseinhalb Monate nach dem Todesschuss eine Gedenkstätte für Umut K.  Foto: 

Überraschungsaufschlag im Hechinger Mordprozess: Der 21-Jährige aus dem Raum Burladingen, den die Anklage für den Todesschützen hält, hat am zweiten Verhandlungstag ein Teilgeständnis abgelegt, aber gleichzeitig seinen 20-jährigen Mitangeklagten belastet, den Schuss, der Umut K. tödlich traf, abgegeben zu haben.

Der 21-jährige Italiener ließ seinen Rechtsanwalt Rüdiger Kaulmann eine ausführliche Erklärung verlesen, in der er gestand, in das fatale 5000-Euro-Marihuana-Geschäft verwickelt gewesen zu sein. Außerdem gab er zu, dass er am frühen Abend des 1. Dezember 2016 in dem roten Fiat Punto saß, durch dessen offenes Beifahrerfenster die tödliche Pistolenkugel flitzte. Allerdings stritt er ab, selbst vom Beifahrersitz aus geschossen zu haben. Das hatte der 25-jährige Begleiter des offenbar versehentlich getroffenen Umut K. gegenüber der Kriminalpolizei behauptet (weshalb die Ankläger den 21-Jährigen für den Todesschützen halten).

Vielmehr, so die Version, die das Gericht und das Publikum am Mittwochmittag im abermals voll besetzten Hechinger Schwurgerichtssaal zu hören bekamen, habe der 20-jährige Komplize, der den Fiat lenkte, auf Höhe der Sitzgruppe an der Oberen Mühlstraße plötzlich abgebremst, wie aus dem Nichts eine Pistole gezückt und mit ausgestrecktem Arm durchs offene Beifahrerfenster gestreckt. Er selbst, so der 21-Jährige, habe noch nach dem Arm des Komplizen gegriffen und versucht, den Schuss zu verhindern. Doch zu spät: „Ein Riesenknall. Funkenflug. Mir pfiff es dermaßen in den Ohren.“

Sofort nach dem Schuss sei der 20-Jährige schnell losgefahren und durch die Unterstadt Richtung Killertal davongebraust. Er selbst, so der 21-Jährige, sei „völlig konsterniert“ gewesen und habe seinem Kumpel Vorwürfe gemacht. Er habe nicht gesehen, dass am Tatort jemand getroffen wurde. Mit der (bis heute verschwundenen) Pistole habe er nichts zu tun. Sein Komplize habe diese vor der Tat ohne sein Wissen besorgt und nach der Tat auch noch gehabt, als er daheim in Burladingen ausgestiegen sei.

Zum Tatmotiv bestätigte der 21-Jährige, dass es um eine offene 5000-Euro-Rechnung in einem Marihuana-Geschäft gegangen sei. Schwer beschuldigte er den 25-jährige Italiener, der das Drogengeld schuldig geblieben sei: Der habe ihn und seinen Komplizen bei einem früheren Geldübergabeversuch unter einer B-27-Brücke mit einer Waffe empfangen und ihn und seine Familie mit dem Tode bedroht. Deswegen habe er selbst in der Folgezeit auch große Angst gehabt und die 5000 Euro abgeschrieben. Er habe mit der Angelegenheit nichts mehr zu tun haben wollen. Sein Komplize hingegen habe das Geld dringender gebraucht und nicht locker gelassen – bis zu fatalen Konfrontation am Abend des 1. Dezember 2016.

„Die Sache tut mir leid“, stellte der Angeklagte abschließend fest. Die Beteiligung an dem Drogengeschäft sei sein Fehler gewesen. Umut K.s Familie, die wieder im Gerichtssaal anwesend war, drückte er sein Mitgefühl aus. Für den Tod des jungen Bisingers fühle er sich aber nicht verantwortlich: „Ich konnte den Schuss leider nicht verhindern.“

Der von seinem Landsmann beschuldigte 20-jährige Italiener hörte sich die ihn belastende Stellungnahme ruhig an. Selbst aussagen will er beim nächsten Verhandlungstermin am Montag, 10. Juli, um 9 Uhr. Dieser Zusatztermin wurde anberaumt, weil der Großen Jugendkammer erst seit zwei Tagen 261 neue Seiten mit Nachermittlungsergebnissen und rechtsmedizinischen Erkenntnissen aus der Rekonstruktion der Tat vorliegen.

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