Hechinger Mordprozess: Am Ende des Tages braucht es den Notarzt

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Hoch emotional ging der vierte Tag des Hechinger Mordprozesses zu Ende. Kurden und Italiener stritten sich derart heftig, dass wegen Nervenzusammenbrüchen Notarzt und Rettungswagen vor dem Gerichtsgebäude vorfahren mussten.  Foto: 

So führe man sich in einem Gerichtssaal nicht auf, lautete die scharfe Ermahnung des Polizeibeamten an eine Zuhörerin. Kurz davor war lautes Geschrei durch die heiligen Hallen des Hechinger Landgerichtsgebäudes geschallt. Unmittelbar nachdem Richter Dr. Hannes Breucker den vierten Verhandlungstag im Hechinger Mordprozess geschlossen hatte, waren kurdische Familienangehörige und Freunde des erschossenen Bisingers Umut K. einerseits und Leute aus dem Umfeld der italienischen Angeklagten lautstark aneinander geraten. Polizei- und Justizbeamte mussten dazwischengehen und die Streithähne trennen. Schließlich fuhren Notarzt und Rettungswagen in der Heiligkreuzstraße vor. Es hatte offenbar Nervenzusammenbrüche gegeben.

Anzeige wegen Drohgebärde

Der Anlass der Aufregung: Es hatte nach Ende der Verhandlung wohl eine Kontaktaufnahme zwischen Italienern im Publikum und Italienern auf der Anklagebank gegeben. Dass die Polizei dies duldete, echauffierte Angehörige des Opfers mächtig. Zumal am ersten Verhandlungstag einer der Kurden eine Anzeige bekommen hatte, weil er sich zu einer eindeutigen Geste gegen einen Angeklagten hatte hinreißen lassen. Der Vorwurf lautete: Die Polizei messe mit zweierlei Maß – zu Ungunsten der Opferseite.

Gerammelt voll waren die Zuschauerplätze am Mittwochnachmittag wieder, als die Große Jugendkammer die ersten Zeugen hörte. In Fußfesseln vorgeführt wurde zunächst der Mann, der – nach allem, was man weiß – den Dusel seines Lebens hatte, als er den 1. Dezember 2016 überlebte: ein 25-jähriger Landsmann der italienischen Angeklagten, dem mutmaßlich die Pistolenkugel galt, die an der Hechinger Staig tragischerweise den 22-jährigen Umut K. traf.

„Enger Freunde von Umut K.“

Der Zeuge – groß, dünn, schwarzhaarig, gepflegter Fünftagebart, ja, in den grundlegenden Äußerlichkeiten Umut K. vielleicht nicht unähnlich – stellte sich als ledig und ohne Beruf vor und bestätigte als aktuellen Wohnsitz: die Justizvollzugsanstalt Hechingen. Dort sitzt der 25-Jährige in Untersuchungshaft, weil er zusammen mit drei anderen auf seinen Prozess wegen des Drogenhandels wartet, der wohl im Hintergrund der Hechinger Bluttat steht. Aus diesem Grund machte er auch ausgiebig von seinem Recht Gebrauch, alle Antworten zu verweigern, mit denen er sich selbst belasten könnte. So erfuhr das Gericht von ihm nichts über Marihuana-Deals, nichts über seine etwaigen Schulden bei den Angeklagten, nichts über einen möglichen Streit in der Spielothek vor dem tödlichen Schuss und auch nur wenig über die Beziehungen der Tatbeteiligten untereinander. Nur so viel: Er kenne die drei Angeklagten, und Umut K. sei ein „enger Freund“, den er im vergangenen Jahr kennen gelernt habe und mit dem er „viel zusammen unternommen“ habe. Am Tatabend sei er mit Umut K. verabredet gewesen. Er habe Umut mit dem Handy angeschrieben und gebeten, in die Obere Mühlstraße zu kommen. Zum Grund der Verabredung schwieg er ebenso wie zu der Frage, ob der Getötete mit Drogen zu tun oder Schulden hatte.

Als der Zeuge schilderte, wie aus dem vorbeifahrenden Fiat Panda geschossen wurde, wie sein neben ihm stehender Freund getroffen wurde („Umut hat geschrien, sich an die Brust gefasst und ist zu Boden gesunken“) war es mucksmäuschenstill im Gerichtssaal. Nur leises Schluchzen war zu hören. Der Moment war für die Hinterbliebenen nicht weniger belastend als der, als ein Mitschnitt des Original-Notrufes eingeblendet wurde, den der Zeuge gleich nach dem Schuss abgesetzt hatte. Sein Freund sei „getroffen direkt am Bauch“, sagte der Italiener. Deutlich wurde jedoch, dass er nicht an eine echte Pistolenkugel glaubte, sondern an eine Verletzung durch eine Gaspistole.

Peinlicher Polizei-Rüffel

Unangemessen wirkte auf die Zuhörer übrigens das Verhalten des Polizisten, der den Notruf entgegennahm. Als der Anrufer in der Aufregung nicht verstanden hatte, dass der Rettungsdienst bereits unterwegs sei und drängte: „Schicken Sie einen Krankenwagen, verdammt noch mal“, bekam er erst mal einen Rüffel, er möge sich nicht im Ton vergreifen.

Die Frage aller Fragen – welcher der beiden Männer im Fiat hat geschossen? – wurde freilich auch an diesem Tag nicht befriedigend beantwortet. Zwar deutete der einzige Augenzeuge spontan auf den älteren der beiden Angeklagten, der unbestritten auf der Beifahrerseite saß. Fundiert zu begründen wusste er diese Behauptung jedoch nicht. Alles sei so schnell gegangen. Er habe nur das Mündungsfeuer gesehen – und dass die Kurzwaffe „ein wenig aus dem Beifahrerfenster herausgeragt“ habe. Auch ein Versuch des Sachverständigen, die Szene im Gerichtssaal nachzustellen, brachte keine völlige Klarheit – nur die Aussage: „Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Beifahrer geschossen hat.“

„Kein Schuss in die Luft“

Größere Gewissheit strahlte der 25-Jährige bei der Frage aus, ob es sich um einen gezielten Schuss oder um einen Warnschuss handeln sollte. Der Zeuge: „Wenn man aus drei, vier Metern Entfernung in die Luft schießen will, dann schießt man in die Luft und trifft nicht in die Brust.“

Tag Nummer 5 im Hechinger Mordprozess ist der Mittwoch, 19. Juli. Um 9 Uhr wird die Verhandlung fortgesetzt. Es werden weitere Zeugen gehört.

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