Hechinger Mordprozess: Gericht duldet keine Drohgebärden

|
Vorherige Inhalte
  • Die Große Jugendkammer unter dem Vorsitz von Landgerichtsvizepräsident Hannes Breucker (Mitte) eröffnete den Mordprozess. 1/2
    Die Große Jugendkammer unter dem Vorsitz von Landgerichtsvizepräsident Hannes Breucker (Mitte) eröffnete den Mordprozess. Foto: 
  • Familie und Freunde der erschossenen Umut K. tragen einheitliche schwarze T-Shirts mit dem Konterfei des Opfers. 2/2
    Familie und Freunde der erschossenen Umut K. tragen einheitliche schwarze T-Shirts mit dem Konterfei des Opfers. Foto: 
Nächste Inhalte

Gleich in der ersten Pause musste der Vorsitzende Richter Hannes Breucker „aus gegebenem Anlass“ eine ernste Durchsage machen: „Es werden keine Straftaten im Gerichtssaal geduldet. Keine Drohungen, keine Gesten. Es wurden schon Personalien aufgenommen.“ Und damit diese Mahnung auch garantiert jeder im Saal versteht, ließ Breucker die Ansage ins Türkische und Italienische übersehen. Ins Türkische, weil die meisten Zuschauerreihen voll waren mit Angehörigen und Freunden des erschossenen Bisingers Umut K., dessen Konterfei alle auf schwarzen T-Shirts trugen; ins Italienische, weil alle drei Angeklagten italienische Staatsbürger sind und sich auch Bekannte von ihnen im Gerichtsgebäude aufhielten.

Klare Ansagen in der Pause

In einer weiteren Verhandlungspause führten Polizeibeamte zwei Zuhörer, die Umut-Shirts trugen, vorübergehend aus dem Saal, während der älteste der drei Angeklagten von Staatsanwalt Markus Engel und dem Hechinger Polizeichef Wolfgang Heller belehrt wurde. Diese Szenen illustrieren die knisternde Stimmung, die im vollbesetzten Schwurgerichtssaal herrscht. Keiner wurde eingelassen, ohne intensiv von Polizeibeamten durchsucht worden zu sein. Handys, Kameras, Autoschlüssel wurden konsequent eingesammelt.

Angeklagt sind zwei junge Italiener aus dem oberen Killertal (21 und 20 Jahre alt) sowie ein 36-jähriger Landsmann aus Hechingen. Den beiden jüngeren Männern wird vorgeworfen, Umut K. am 1. Dezember 2016 an der Hechinger Staig aus einem roten Fiat heraus erschossen zu haben – und zwar versehentlich. Eigentliches Ziel soll ein 25-jähriger Italiener gewesen sein, der den Angeklagten zusammen mit einem Komplizen 5000 Euro aus einem Marihuana-Geschäft geschuldet habe. Staatsanwalt Markus Engel trug vor, dass Umuts Begleiter erschossen werden sollte, „um dessen Geschäftspartner in Todesangst zu versetzen und so von diesem die 5000 Euro zu erlangen.“

Wie Richter Hannes Breucker erläuterte, geht die Anklage von der juristischen Konstruktion des „aberratio ictus“, des fehlgegangenen Schusses, aus: Die Beschuldigten hätten dieser Annahme zufolge eigentlich geplant, ihren italienischen Landsmann zu erschießen, dann aber „zufällig und fahrlässig“ den neben ihm stehenden Umut K. getroffen. Deshalb die Anklage wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit fahrlässiger Tötung. Der Richter gab jedoch den rechtlichen Hinweis, dass die Beweisaufnahme auch „vollendeten heimtückischen Mord aus Habgier“ ergeben könnte – falls die Angeklagten Umut K.s Tod „zumindest billigend in Kauf genommen haben, weil sie die 5000 Euro unbedingt haben wollten“.

Todesschuss nach Vollbremsung

Die Angeklagten, die gegenüber den Ermittlern beharrlich geschwiegen hatten, kündigten an, Angaben zur Sache machen zu wollen. Dies wird jedoch erst am zweiten Verhandlungstag geschehen. Bislang sind sie nur zur Person vernommen worden. Der 21-Jährige, der den tödlichen Pistolenschuss zum geöffneten Fenster der Beifahrertür hinaus abgegeben haben soll (übrigens nicht aus dem fahrenden Auto, sondern nach einer Vollbremsung!) ist gebürtiger Berliner, wuchs überwiegend in Italien auf, kam 2014 nach Hechingen und wohnte zuletzt im oberen Killertal. In einem Bodelshausener Industriebetrieb war er als Hilfsarbeiter beschäftigt. „Mein Ausweis ist italienisch, aber ich fühle mich als Deutscher“, gab er in flüssigem Deutsch zu Protokoll. Der junge Mann im weißen Hemd und mit raspelkurzer Frisur wurde ebenso wie seine Mitangeklagten in Fußfesseln in den Gerichtssaal geführt.

Noch als Heranwachsender gilt sein 20-jähriger Freund, der den roten Fiat gesteuert haben soll. Der junge Mann – sehr adrette Erscheinung – ist in Mühlacker geboren, ebenfalls überwiegend in Italien aufgewachsen und hat zuletzt gleichfalls im oberen Killertal gelebt. Auf der Alb arbeitete er als Zimmermann. Die beiden jungen Männer kennen sich nach eigenen Angaben schon, seit sie zehn Jahre alt waren: „Wir haben in Italien zusammen auf der Straße Fußball gespielt.“

Der 36-Jährige, der nicht wegen des Todesschusses, sondern wegen den Drogengeschäften im Hintergrund angeklagt ist, lebte bis vor vier Jahren in Sizilien. Er ist verheiratet, hat drei Töchter und arbeitete als Kraftfahrer, bis er im vergangenen Herbst den Job verlor. Wie der 20-Jährige spricht er kaum Deutsch und braucht im Gerichtssaal eine Dolmetscherin.

Die Angeklagten, die allesamt seit genau sechs Monaten in Untersuchungshaft sitzen, sollen der Anklage zufolge im vergangenen Jahr in großen Mengen mit Drogen, insbesondere Marihuana, gehandelt haben. In den 5000-Euro-Deal, der am 1. Dezember in die verhängnisvolle Bluttat mündete, soll „möglicherweise“ auch der getötete Umut K. „einbezogen“ gewesen sein, sagte der Staatsanwalt. Am Tatort war der 22-jährige Bisinger aber offenbar nur, weil ihn ein 25-jähriger italienischer Bekannter zu Hilfe gerufen hatte, der mit den beiden mutmaßlichen Todesschützen in Streit ums Geld geraten war.

Wie sich das Tatgeschehen aus Sicht der Angeklagten abspielte, könnte am zweiten Verhandlungstag, am Mittwoch, 21. Juni, ab 13.30 Uhr zu erfahren sein.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Themenschwerpunkt

Mordprozess

mehr zum Thema

Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Der Standort für ein Zentralklinikum heißt Dürrwangen

Ein Zentralklinikum soll, wenn es denn kommt, nach Dürrwangen. Dafür stimmten die Kreisräte am Montagabend mehrheitlich – und namentlich. weiter lesen